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Pfannenstiel zur Auslosung "Es gibt eine absolute WM-Todesgruppe"

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Es wurde gelost - und Deutschland hat nicht schwerste Gruppe erwischt.

(Foto: imago/Xinhua)

Die WM-Gruppen sind ausgelost, das Glück ist Fußball-Weltmeister Deutschland durchaus hold. "Es hätte schlimmer kommen können", sagt Welttorhüter Lutz Pfannenstiel n-tv.de im Interview. Und erklärt, wo er eine absolute Todesgruppe sieht und wer überraschen könnte.

n-tv.de: Herr Pfannenstiel, nach 871 Qualifikationsspielen sind die WM-Gruppen ausgelost. Deutschland muss gegen Mexiko, Schweden und Südkorea ran. War das fast schon berühmte Losglück Deutschland wieder hold?

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Lutz Pfannenstiel wird als TV-Experte bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland vor Ort sein.

(Foto: Lutz Pfannenstiel)

(Lacht) Es hätte schlechter laufen können, aber auch besser. Es ist keine einfache Gruppe, so viel ist klar - aber sie ist lösbar: Mexiko ist in seinem Kontinentalverband das Nonplusultra. Aber Deutschland hat beim Confed Cup die Mexikaner bezwungen. Südkorea ist körperlich stark und diszipliniert, sie werden wie immer um jeden Zentimeter fighten. Und Schweden: Frag mal die Niederlande und Italien ... Gegen Schweden spielt keiner wirklich gern. Deutschland meistert die Gruppe, aber ein Spaziergang wird das nicht.

Der Welttorhüter

Lutz Pfannenstiel ist der erste Fußballer, der in seiner aktiven Karrieren auf allen sechs Kontinenten gespielt hat: 25 Vereine in 13 Ländern - nachzulesen in "Unhaltbar - Meine Abenteuer als Welttorhüter". Seit seinem Karriereende ist Pfannenstiel als TV-Experte für verschiedene nationale und internationale Sender wie ZDF, SRF, BBC und DAZN tätig gewesen. Er war Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der Fifa. Für Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim verantwortete er mehrere Jahre den Bereich International Relations. Seit Dezember 2018 ist er Sportvorstand beim Traditionsverein und Fußball-Bundesligisten Fortuna Düsseldorf. Pfannenstiel ist Gründer von Global United FC. Er ist bei Twitter, Facebook und Instagram aktiv.

 

Welche Rolle spielt das Auftaktspiel gegen Mexiko?

Jedes Auftaktspiel ist wichtig. Wenn Deutschland das Spiel gewinnt, sollte der Rest kein Problem darstellen. Andernfalls: Spielt man da nur Remis oder verliert gar, ist der Druck enorm. Deutschland muss also von der ersten Turnierminute hellwach und aufmerksam sein.

Ist Mexiko der stärkste Gruppengegner?

Ich finde, dass Deutschland aus der Gruppe herausragt und der klare Favorit ist, der Rest aber fast gleichstark einzuschätzen ist. Mexiko, Schweden, Südkorea - alle drei können sich gegenseitig schlagen. Geht es nach der Kompaktheit, Robustheit und defensiven Struktur liegen die Schweden vorn, aber Schweden ist fußballerisch limitiert. Den besseren Fußball spielt zweifelsohne Mexiko, das grundsätzlich einen aggressiven, aber technisch guten Fußball spielt. Die größte Disziplin weisen wiederum die unangenehmen Südkoreaner auf.

Wer kommt außer Deutschland noch weiter und warum?

Ich würde auf Schweden tippen, weil sie es schaffen werden, die Mexikaner zu frustrieren. Die Skandinavier spielen einen ähnlichen Fußball wie die Südkoreaner. Es liegt viel Wert auf der taktischen Grundordnung. Jeder auf dem Platz weiß, was er zu tun hat. Technische Feinheiten und Dribbeleinlagen braucht man sich nicht erhoffen.

Der Auslosung zufolge wartet im Achtelfinale ein Team aus der Gruppe E. Dort spielt Brasilien. Deutschland sollte also Gruppensieger werden, um den Südamerikanern erst einmal aus dem Weg zu gehen. Könnte das ein Problem darstellen?

Nein! Deutschlands Anspruch als Weltmeister muss sein, dass man die Gruppe gewinnt. Wenn du dann noch weißt, dass du als Gruppenzweiter im Achtelfinale womöglich gegen Brasilien ran musst, sollte das zusätzliche Motivation sein Erster zu werden, um Neymar und Co. aus dem Weg zu gehen. Dann würden mit der Schweiz oder Serbien zwei solide europäische Mannschaften warten, die man aber dennoch nicht unterschätzen sollte. Lieber gegen die Schweiz als gegen Brasilien ...

Im Hinblick auf die anderen Gruppen: Wen hat es schlimmer erwischt als Deutschland?

Der erste Blick fällt da auf die Gruppe B mit dem Auftaktmatch Portugal gegen Spanien. Aber das dürften auch die beiden Teams sein, die sich für das Achtelfinale qualifizieren. Marokko und Iran haben da nur Außenseiter-Chancen. In der Gruppe A muss man den Gastgeber Russland auf der Liste haben, die nach einem Auftaktsieg gegen Saudi-Arabien mit Selbstbewusstsein auf einer Welle der Euphorie auch gegen Ägypten und Uruguay bestehen sollten.

Gibt es die berühmt-berüchtigte "Todesgruppe"?

Ja, die Gruppe D mit Argentinien, Island, Kroatien und Nigeria ist die mit Abstand schlimmste Gruppe! Nigeria hat einen wahnsinnig talentierten Kader und mit Gernot Rohr einen deutschen Trainer, den ich sehr gut kenne. Sie haben vor Kurzem erst Argentinien geschlagen, sind ohne Niederlage durch die Qualifikation gestürmt. Nigeria ist in meinen Augen einer der Geheimfavoriten des Turniers. Island kommt als EM-Überraschung zu seiner ersten WM. Die Mannschaft ist individuell körperlich stark, kommt übers Kollektiv und spielt einen einfachen, klar strukturierten Fußball. Kroatien hat eine Mannschaft, die an einem Sahnetag jeden schlagen kann. Und Argentinien: Man sollte die bescheidene WM-Qualifikation nicht überbewerten. Sie gehören nach wie vor zu den besten Mannschaften der Welt! Aber vor Freude jauchzen wird Argentinien über dieses Los bestimmt nicht.

Wie sieht es bei den anderen Gruppen aus?

In der Gruppe C dürfte es auf Frankreich und Dänemark hinauslaufen. Australien und Neuling Peru sind bei weitem nicht so stark wie die beiden europäischen Teams. Gleiches gilt in der Gruppe G mit Belgien und England. Die beiden spielen den Gruppensieger unter sich aus. England hat einen jungen, ausgeglichenen Kader - den besten seit Jahren! Belgien gilt immer als Geheimtipp, aber sie müssen das auch mal über ein ganzes Turnier beweisen. Da haben Tunesien nur geringe und Panama als absoluter Underdog des Turniers keine Chancen.

Bliebe noch die Gruppe H ...

Diese Gruppe ist meines Erachtens die ausgeglichenste bei diesem Turnier: Polen, Senegal, Japan und Kolumbien. Einen Favoriten sehe ich da nicht.

Polen hat sich in den letzten Jahren als Mannschaft hinter den ganz großen europäischen Fußballnationen etabliert und zählt auf die Nase von Tormaschine Lewandowski.

Kolumbien gehört in Südamerika seit Jahren zu den Top vier und rechnet sich auf jeden Fall die nächste Runde aus. Japan hat sich stetig weiterentwickelt und gegen den Senegal spielt im Endeffekt keiner gern. Die Afrikaner haben technisch-gute Individualisten und sind gleichzeitig körperlich furchteinflössend. Unangenehm. Eklig. Da tut das Zuschauen schon weh. Für viele Experten sind Polen und Kolumbien leicht favorisiert, aber ich denke in dieser Gruppe ist alles möglich.

Die Enttäuschung steht ja bereits fest: Italien ist erstmals seit 60 Jahren nicht bei einer WM dabei. Was bedeutet das für das Niveau des Turniers?

Nicht nur Italien ist abwesend. Auch Chile und die Niederlande. Alle drei Mannschaften hätten dem Turnier gut getan. Für Italien selbst ist es natürlich der Super-Gau! Aber er birgt auch die Chance eines kompletten Neuaufbaus. Ein neuer Trainer, junge Talente. Diese Chance sollten sie nutzen. Die Niederlande gehören von der Qualität der Einzelspieler auf alle Fälle auf die große Fußballbühne. Aber nun sitzen sie zu Hause und schauen die WM im Fernsehen. Für Deutschland gibt es natürlich Schlimmeres! (Lacht)

Ägyptens Mohamed Salah, Argentiniens Lionel Messi, Portugals Cristiano Ronaldo, dazu Brasiliens Neymar, Frankreichs Kylian Mbappé sowie die Deutschen Toni Kroos und Timo Werner: Wird es eine von den Superstars geprägte Weltmeisterschaft?

Ich denke, dass bei dieser WM der ein oder andere Superstar sein Können aufblitzen lassen wird. Aber am Ende wird der Titel von einem Team gewonnen, das es schafft, über den gesamten, langen Turnierverlauf als geschlossene Mannschaft aufzutreten. Die Homogenität aller Mannschaftsteile, des Trainerteams und auch des gesamten Umfelds sind der Schlüssel zum Erfolg. Es nützt nämlich nichts, einen Superstar in den eigenen Reihen zu haben, wenn der Rest des Teams nur Durchschnitt ist. Die Mannschaftsleistung ist entscheidend - wie 2014!

Bleibt noch die wichtigste Frage: Wer wird Fußball-Weltmeister 2018?

(Lacht) Zum jetzigen Zeitpunkt kommt diese Frage noch zu früh. Ich gehe aber davon aus, dass der neue oder alte Weltmeister aus Südamerika oder Europa kommen wird und dass es nicht die ganz großen Überraschungen geben wird. Spätestens im Viertelfinale treffen die altbekannten Fußballgroßmächte wieder aufeinander. Für frisches Blut könnte allerdings Nigeria sorgen, die ich wie gesagt, sehr stark einschätze!

Mit Lutz Pfannenstiel sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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