Fußball

Euphorie nach langer Leidenszeit FC Liverpool greift nach der Meisterkrone

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Fans des FC Liverpool bejubeln den Heimsieg gegen Manchester City.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach 24 Jahren ohne englischen Meistertitel winkt dem einstigen Rekordmeister FC Liverpool die Erlösung. Zwei Männer haben entscheidenden Anteil am Erfolg der "Reds": Trainer Brendan Rodgers und Kapitän Steven Gerrard.

Dresden, am 2. November 1977: Es herrscht nasskaltes Wetter - eben ein typischer Novembertag. Das Dynamo-Stadion ist bis zum letzten Platz ausverkauft, 33.000 Menschen drängen sich in der viel zu kleinen Fußballarena, die Mannschaft des FC Liverpool gibt sich die Ehre. Sie bestreitet das Achtelfinalrückspiel im Europapokal der Landesmeister, dem Vorläuferwettbewerb der Champions League, gegen Dynamo Dresden. Das Hinspiel im Stadion an der Anfield Road hatte der DDR-Titelträger klar mit 1:5 verloren, bereits zur Halbzeit (0:3) waren die Messen gesungen. Dennoch will man im "Tal der Ahnungslosen" das Team von Trainer Bob Paisley live sehen.

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Terry McDermott, Phil Neal und Kenny Dalglish (von links nach rechts) mit dem Landesmeister-Pokal am 10. Mai 1978.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Und dieser Tag bringt eine Überraschung: Die Sachsen gewinnen in ihrem sechsten Spiel gegen den großen FC Liverpool zum ersten Mal - mit 2:1. Peter Kotte (47.) und Rainer Sachse (52.) erzielen die Dynamo-Tore, Steve Heighway (67.) trifft für die Engländer. Für Dynamo ist in der laufenden Saison dennoch Schluss mit Europa, es bleibt nur der triste DDR-Oberliga-Alltag. Der FC Liverpool verteidigt ein paar Monate später die begehrteste europäische Klub-Trophäe. Im Finale in London wird Belgiens Titelträger FC Brügge mit 1:0 besiegt.

Bis Mitte der 1980er Jahre ist der der FC Liverpool mit Klassespielern wie Ray Clemence, Kevin Keegan (er wechselt 1977 zum Hamburger SV), Phil Neal, Graeme Souness oder Kenny Dalglish eine wichtige Größe des europäischen Klubfußballs. 1981 und 1984 erklimmt man erneut den europäischen Fußball-Thron. Einmal - im Jahr 2005 - gewinnt der FC Liverpool in Istanbul den großen Champions-League-Henkelpott, im legendären Finale gegen den AC Mailand. 18 Mal sind die "Reds" bislang englischer Meister geworden, elf Titelgewinne gibt es allein zwischen 1973 und 1990. Doch danach ist Schluss mit der Meisterschaft. Auch auf europäischer Ebene findet die Liverpooler Erfolgsgeschichte am 29. Mai 1985 ihr vorläufiges Ende. Als vor dem Endspiel im Landesmeisterpokal gegen Juventus Turin (0:1) im Brüsseler Heysel-Stadion die eigenen Fans den Block der Juventus-Anhänger stürmen und bei der sich ausbreitenden Massenpanik 39 Menschen getötet werden, wird der FC Liverpool für sieben Jahre von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen.

"Stark in der Menschenführung"

In England laufen ab 1990 Manchester United, der FC Arsenal und der FC Chelsea dem FC Liverpool den Rang ab. Unter Alex Ferguson wird ManUnited sogar englischer Rekordmeister. 20 Titel hat der Erzrivale mittlerweile eingeheimst - das ist ein Stich ins Liverpooler Fußballherz. Mittlerweile wartet man an der Anfield Road 24 Jahre auf den Meistertitel. Viel Leid müssen die Liverpool-Fans in der Zwischenzeit erleiden. Internationale Höhepunkte wie der Champions-League Sieg 2005 und der Gewinn des Uefa-Pokals 2001 wiegen die verloren gegangene nationale Dominanz nicht auf. Gestandenen Trainern wie Gerard Houllier, Rafael Benitez und Roy Hodgson gelingt es nicht, den treuen Liverpool-Anhängern die englische Meisterkrone zu schenken. Auch die Rückkehr von Klublegende Kenny Dalglish, Liverpools letztem Meistercoach, bricht den Fluch nicht. Manchesters schottischer Sir lässt das einfach nicht zu.

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Bringt neuen Schwung: Brendan Rodgers.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Nun ist die Ära Ferguson vorbei, und Manchester Uni ted findet sich im Premier-League-Niemandsland wieder. Dagegen geht in Liverpool ein neuer Trainerstern auf: Brendan Rodgers schickt sich an, mit seinem Team die englische Fußball-Meisterschaft zu gewinnen. Seit fast zwei Jahren ist der 41-Jährige, dem verletzungsbedingt keine lange Karriere als Fußballspieler beschieden war, an der Anfield Road tätig. Zuvor war er Jugendtrainer beim FC Chelsea und Cheftrainer beim FC Watford, beim FC Reading und Swansea City. Unter Rodgers steigt Swansea 2011 als erster walisischer Klub in die Premier League auf.

"Keiner meiner Trainer war derart stark in der Menschenführung", zeigt sich Mannschaftskapitän und Liverpool-Ikone Steven Gerrard vom Nordiren begeistert. Rodgers gelingt das schier Unmögliche: Er formt aus dem bislang nicht harmonierenden Kader ein schlagkräftiges Team. Der junge Coach nordet einen schwierigen Charakter wie den Uruguayer Luis Suarez ein und macht diesen Klassestürmer noch besser. Rodgers sucht das Gespräch mit seinen Spielern und vergisst dabei nicht, Gerrard mit einzubinden. Sind Trainer und Klubführung - wie im Fall des wechselwilligen Suarez - einmal mit ihrem Latein am Ende, dann springt der Kapitän ein und begeistert den eigenwilligen Südamerikaner dermaßen für den FC Liverpool, dass dieser an der Merseyside bleibt und noch mehr Tore schießt. Suarez ist die Liverpooler Sieggarantie, er verbreitet bei den Premier-League-Gegnern Angst und Schrecken. 30 Tore hat er in der laufenden Meisterschaft bereits erzielt, 20 Daniel Sturridge. Der FC Liverpool hat bislang 96 Treffer auf seinem Meisterschaftskonto, nur Manchester City (91) kann in puncto Torgefährlichkeit mithalten.

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Der Kapitän und der Torjäger: Steven Gerrard herzt Luis Suarez.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Herz und Hirn der Mannschaft ist aber Gerrard, de r untrennbar mit dem Klub und dessen Geschichte verbunden ist. Bei der Tragödie im Hillsborough-Stadion in Sheffield vor 25 Jahren, bei der im FA-Cup-Halbfinale zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest 96 Anhänger der "Reds" ums Leben kommen, verliert Gerrard seinen damals zehn Jahre alten Cousin. Seit 1997 ist er im Liverpooler Profiteam. Der 33-Jährige spielt unter Rodgers vor der Abwehr und setzt dessen Taktik des frühen Pressings um. "Wenn meine Mannschaft den Ball kontrolliert, dann kontrolliert sie auch das Spiel", umreißt der Trainer seine Spielphilosophie. Gerrard ist als defensiver Mittelfeldspieler dafür die Idealbesetzung.

Im Abwehrzentrum spielt der Tscheche Martin Skrtel eine starke Saison, vorne wirbeln Sturridge, der erst 19-jährige Raheem Sterling und eben Suarez. Sterling und Suarez erzielen beim 3:2-Zittersieg in Norwich die Liverpooler Tore. Skrtel hatte eine Woche zuvor beim Spitzenspiel gegen die teure Truppe von Manchester City (ebenfalls 3:2) ein wichtiges Tor geschossen.

Aufeinandertreffen mit dem Ex-Chef

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Drei Spiele trennen den FC Liverpool noch vom Meistertitel. Holt der Verein sieben weitere Punkten, wäre die Titeldurststrecke definitv beendet. Am Sonntag kommt der ehemalige Chef von Rodgers, José Mourinho, mit seinem FC Chelsea an die Anfield Road. Einmal mehr werden Tausende Fans der "Reds" die Hymne "You'll never walk alone" schmettern. Obwohl mittlerweile auch in anderen Stadien gesungen, ist sie das Lied des FC Liverpool. Mourinho scheint nach der 1:2-Heimpleite seiner Mannschaft gegen den akut abstiegsgefährdeten FC Sunderland nicht mehr an den Titelgewinn zu glauben. "The Special One" erwägt - in Rücksprache mit den Chelsea-Verantwortlichen - den Einsatz eines B-Teams, um einige Spieler für das Champions-League-Rückspiel in London gegen Atletico Madrid (Hinspiel 0:0) zu schonen. Aber geredet wird vor einem Spiel bekanntlich viel. Vielleicht will der Portugiese auch vorbauen. Eine Niederlage gegen den ehemaligen Untergebenen Rodgers könnte so medial viel besser verkauft werden.

Indes denkt man in Liverpool schon weiter. Rodgers soll wie seine berühmten Kollegen Bill Shankly (1959-1974) und Bob Paisley (1974-1983) an der Anfield Road eine neue Ära einleiten. Hinsichtlich der kommenden Champions-League-Saison - Liverpool hat einen Platz schon sicher - wird der Kader aufgerüstet. "Es wird kosten, was es kostet, wenn uns unser Trainer sagt, wen er haben will", sagt Sportdirektor Ian Ayre. Die mindestens rund 20 Millionen Euro für die Teilnahme an der Gruppenphase sind also schon verplant. Zudem wird das Stadion an der Anfield Road ausgebaut. 54.000 Zuschauer soll es fassen, derzeit gehen etwas mehr als 45.000 rein.

Bei den Fans ist die Champions League noch Zukunftsmusik. Erst einmal muss die englische Meisterschaft her, damit in Liverpool endlich wieder kräftig gefeiert werden kann. Nach der Partie gegen Chelsea muss der FC Liverpool noch auswärts bei Crystal Palace und zuhause gegen Newcastle United ran. Diese Aufgaben sind nun wirklich lösbar.

Quelle: n-tv.de