Fußball

Bundesliga-Check: 1. FC Union Geld schießt keine Tore, Euphorie auch nicht

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Der Moment, der alles veränderte: Union Berlin darf sich seit dem 27. Mai auf die erste Liga freuen - und die Verantwortlichen haben die Zeit sinnvoll genutzt.

(Foto: imago images / Sportfoto Rudel)

Wie lange kann man sich als Aufsteiger in die Fußball-Bundesliga als selbsternannter "anderer Verein" wehren, bis die Normalität über einen hereinbricht? Diese Frage darf der 1. FC Union ab dem 18. August beantworten. Davon hängt ab, wie groß die Chance auf den Klassenerhalt ist.

Geld schießt keine Tore - an dieses Rehhagel-Bonmot klammert sich die Fanseele in Zeiten von Milliardenumsätzen und Irrsinnstransfers verzweifelt. Das Dumme: Auch die bloße Euphorie hat bisher noch keinen Ball ins Tor befördert. Aber sie kann sicher für Rückenwind sorgen und so den einen oder anderen Bonuspunkt aufs Punktekonto schaufeln. Daran müssen sie sich auch beim 1. FC Union Berlin halten, dessen Team mit einem Marktwert von knapp 36 Millionen Euro ins Rennen geht. Dafür könnte man ein Zwanzigstel des Edelkaders des FC Bayern kaufen.

"Diese Unterstützung in diesem Stadion, das hilft dir einfach. Ich hätte das alles nie für möglich gehalten", jubelte Cheftrainer Urs Fischer nach dem durch zwei Unentschieden in der Relegation gegen den VfB Stuttgart so dramatisch geglückten Aufstieg. "Wahnsinn, was hier los ist", sekundierte Mittelfeldspieler Robert Zulj. "Jeder Fan, der zu mir kam, hat sich bei mir bedankt. Ich fange gleich an zu heulen. Die Bundesliga kann sich freuen - auf diese Mannschaft, diese Fans und dieses Stadion."

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Dirk Zingler ist der vielleicht größte Fan unter allen Präsidenten der Bundesligisten.

(Foto: imago images / Matthias Koch)

Und doch gibt es auch Sorgen rund um das "Stadion an der Alten Försterei", das einst unter gewaltiger Beteiligung von Fans und Mitgliedern umgebaut wurde: Verliert der ewige Underdog, der zu DDR-Zeiten unter den Eingriffen der Stasi in die Meisterschaft gelitten hatte, durch den Aufstieg seine Identität? Union-Präsident Dirk Zingler, der seit 2004 am Ruder ist, widersprach dem im Gespräch mit dem "Kicker" energisch: "Ich stelle mal eine These auf: Es verändert sich nichts, dann müssten wir uns ja verändern. Am Ende spielen wir hier - gegen wen wir spielen, das verändert uns nicht", betont Zingler, "wir haben jetzt knapp 24.000 Mitglieder, und 22.000 passen ins Stadion. Ich habe am Montag irgendwo gelesen, jetzt kämen die ganzen Eventies. Wo sollen die denn hin?"

Gemeinsam starten sie jetzt erstmal ins Abenteuer Bundesliga. Bleibt die Euphorie und trägt Mannschaft und Umfeld? Oder folgt auf den Aufstiegsrausch allzu schnell der sportliche Kater? Die Saison des 56. Vereins der Bundesligageschichte wird ein großer Feldversuch.

Was gibt's Neues?

"Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben", tönt der Schlager. Dasselbe gilt auch für eine neue Liga. Entsprechend blicken sie in Köpenick einer spannenden Saison entgegen - und haben sich dafür auf dem Transfermarkt ordentlich eingedeckt, besonders aus dem "Haudegen"-Regal. Mit Christian Gentner (kam vom Relegationsgegner VfB Stuttgart), dem Ex-Dortmunder Neven Subotic, der zuletzt bei der AS St. Etienne in Frankreich spielte und Anthony Ujah aus Mainz hat man sich reichlich Bundesligaerfahrung gesichert. 695 Bundesligaspiele hat das Trio gemeinsam gesammelt. Das Problem: Ujah, der sowohl für den 1. FC Köln als auch den SV Werder bereits zweistellig in der Bundesliga traf, saß in Mainz anderthalb Jahre vornehmlich auf der Bank, Gentner wurde beim Absteiger VfB Stuttgart aussortiert und Subotic musste einen großen Teil der bisherigen Vorbereitung wegen einer Knieverletzung kürzer treten.

Neu ist für Union allerdings auch "die Wucht, die auf uns zukommt, auch medial", wie es Geschäftsführer Sport Oliver Ruhnert beschrieb. Das erste Beispiel dafür gab es noch mitten in die Aufstiegseuphorie hinein, als Union den neuen Hauptsponsor präsentierte: Mit "Aroundtown" ziert ab sofort der Schriftzug ein Immobilienkonzern die Brust des angehenden Erstligisten. Nun genießen Wohnungsbaugesellschaften in Berlin derzeit nicht den allerbesten Ruf, entsprechend beschrieben die Macher des Union-Blogs Textilvergehen die Wahl des neuen Partners als "bemerkenswert instinktlose Entscheidung", zumal für einen Klub, der sich gerne als "etwas anders" inszeniert.

Auf wen kommt es an?

Mit 33 Gegentoren stellte Union Berlin die beste Defensive der abgelaufenen Zweitligasaison, 54 eigene Treffer sind allerdings nur der sechstbeste Wert. Damit ist die Marschrichtung vorgegeben: Union muss den Klassenerhalt in der Abwehr eintüten. In der Innenverteidigung ist wohl Marvin Friedrich gesetzt, der sich in der Aufstiegssaison überaus erstligareif präsentierte. Friedrich, letzte Saison aus Augsburg ausgeliehen, wurde inzwischen fest verpflichtet.

Spannend wird, in welcher Form Innenverteidiger Neven Subotic in die Bundesliga zurückkehrt: Der zweifache deutsche Meister absolvierte in den letzten beiden Jahren 44 Spiele in der Ligue 1, davor wurde er in Dortmund ausgemustert. Scheitert Subotic an der Hürde Bundesliga, verliert Union an Qualität genau dort, wo der Klassenerhalt auf den Weg gebracht werden muss. Die möglichen Stellvertreter Florian Hübner und Keven Schlotterbeck kämpfen derzeit noch mit Wehwehchen (Hübner) oder aber der Tendenz zum Übermut (Schlotterbeck).

Den Klassenerhalt zu ermauern, das wird auch nicht funktionieren. Und so liegen große Hoffnungen auf Neuzugang Sheraldo Becker. Der 24-jährige Holländer kam von ADO Den Haag und bringt eine Menge Tempo mit fürs Flügelspiel des Aufsteigers. Kann Becker, der aus der Jugend von Ajax Amsterdam stammt, seine Geschwindigkeit in Impulse in Richtung Tor verwandeln, wäre das ein großer Schritt in Richtung Wettbewerbsfähigkeit.

Achten müssen die Köpenicker auch darauf, dass ihre Stärke bei offensiven Standardsituationen nicht auf dem Weg in die neue Liga verloren geht. 17 Tore erzielte Union in der Aufstiegssaison nach ruhenden Bällen - ein absoluter Spitzenwert.

Was fehlt?

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Anthony Ujah und Sebastian Polter - einer der beiden Stürmer sitzt wohl auch zum Saisonstart auf der Bank.

(Foto: imago images / Matthias Koch)

Beim Aufsteiger gibt man sich natürlich zuversichtlich, mindestens als Außenseiter und keinesfalls chancenlos ins "Abenteuer Bundesliga" zu gehen. Aber auch wenn Aufstiegs-Kapitän Christopher Trimmel jüngst im Interview mit dem "Berliner Kurier" frohlockte, im Kader sei ganz vorne "jetzt richtig Konkurrenz, da ist mächtig Dampf dahinter", wird die Offensive der Berliner kaum einer Bundesligaabwehr Sorgenfalten auf die Stirn treiben.

Die Stürmer Sebastian Polter, einstmals in Nürnberg, Wolfsburg und Mainz erstklassig unterwegs, und Neuzugang Ujah haben schon gezeigt, dass sie sich im Oberhaus schwer tun können, zumal wenn die klassischen Mittelstürmer nicht angemessen bedient werden. Und der dritte Stürmer Sebastian Andersson hat noch gar keine Erstligaerfahrung in einer großen europäischen Liga. Egal, wer von den dreien zum Saisonstart spielen darf: Schafft es Union nicht, das schon in der zweiten Liga zu oft praktizierte "Hoch und weit" nicht weitestgehend in den taktischen Giftschrank zu verbannen, droht ganz vorne in der Spitze ein aufreibender Abnutzungskampf mit übersichtlichen Erfolgsaussichten.

Unter den bisher 14 Neuzugängen befindet sich bisher auch noch kein Außenverteidiger. Verlassen sich die Verantwortlichen auf das Aufstiegspersonal um den Ex-Braunschweiger Ken Reichel, darf hier nach dem Ende der Transferperiode gesundheitlich nicht viel passieren.

Wie lautet das Saisonziel?

"Das natürliche Ziel eines Aufsteigers ist es, die Klasse zu halten - egal ob auf Platz 15 oder Platz zwölf", sagte Zingler der "Welt am Sonntag". "Wenn uns das gelingt, werden wir überlegen, was sich daraus als nächster Schritt ergibt." Die Vorbereitungsspiele, in denen sich die Berliner wieder defensiv kompakt präsentierten, nähren tatsächlich Hoffnungen auf eine zweite Bundesligasaison. Vor allem beim 1:1 über 120 Minuten gegen den VfL Wolfsburg präsentierte sich der Aufsteiger wieder überaus kompakt und Neven Subotic feierte sein Debüt im Union-Dress. Viele gute Nachrichten vor dem Startschuss.

Das sagt der Insider

Wenn bei Union in den vergangenen Jahren über einen möglichen Aufstieg gesprochen wurde, war das lange mit dem Begriff "Urlaub" in der ersten Liga verbunden. Das hat sich irgendwann geändert, unter anderem, weil der Verein den finanziellen Aufwand zunehmend so gestaltet hat, dass ein möglicher Aufstieg vom "Versehen" zum sportlichen Anspruch wurde. Und darauf folgt nun das Ziel, sich in der Liga zu etablieren. Was allerdings konstant bleibt: Die Bundesliga bietet für Union einen Abenteuer-Faktor. Denn trotz einzelner Spieler mit großer Bundesliga-Erfahrung ist noch weitgehend unklar, wie gut sich die Stärken der Mannschaft auf die höchste Spielklasse übertragen lassen - und wie sehr die Schwächen ins Gewicht fallen werden.

Die Stärke ist vor allem ein defensives Konstrukt, dem es in der zweiten Liga oft gelang, Gegner in Aktionen zu zwingen, die sich mit den individuellen Stärken der Innenverteidiger Marvin Friedrich und Florian Hübner gut verteidigen ließen. Derzeit ist aber noch unklar, wer neben Friedrich spielen wird. Außerdem bleibt abzuwarten, ob das defensive Mittelfeld dynamisch genug sein kann, die letzte Verteidigungslinie vor zu rasant ablaufenden Offensivaktionen zu bewahren. Hier könnte sich eine Nische für Neuzugang Keven Schlotterbeck ergeben, der eine beweglichere Option in der Defensive sein könnte. Genauso wie der Aufstieg in der letzten Saison wird der mögliche Klassenerhalt von dieser Defensive abhängen, denn das Offensivspiel ist limitiert.

(Daniel Roßbach ist Redakteur bei der "Lausitzer Rundschau" und Autor des Union-Blogs Eiserne Ketten und Textilvergehen. Außerdem podcastet er überaus hörenswert über die Geschichte des 1. FC Union Berlin.)

Die Prognose von n-tv.de

Natürlich ist es maximal fantasiebefreit, Union Berlin von Spieltag eins an im Abstiegskampf zu verorten. In den ersten fünf Spielen rollen mit RB Leipzig (H), Borussia Dortmund (H), Werder Bremen (H) und Bayer Leverkusen (A) aber gleich vier ganz dicke Brocken auf Union zu, die der Aufstiegseuphorie einen empfindlichen Dämpfer verpassen könnten. Nicht den Fans, die dürften die komplette Saison durchfeiern. Aber wenn auf dem Feld Zu- und Vertrauen schnell schwinden, wird es schwer, die nötigen Punkte einzufahren. Schlagen die Neuen nicht schnell ein, fehlt es dem Kader an Durchschlagskraft auf Klassenerhaltsniveau. Gelingt es Fischer, aus der spannenden Mischung aus Routiniers, Aufstiegshelden und den jungen Neuen eine funktionierende Truppe zu formen, ist Union konkurrenzfähig. Bleibt die Frage: Wie lange hält die Euphorie?

Quelle: ntv.de