Fußball

"Es geht um Solidarität" Geschmähte Ultras packen in der Krise an

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Nicht nur in Berlin senden die Ultras klare Botschaften.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Einkäufe für Ältere, Spenden, Spruchbänder: Vor allem die zuletzt geschmähten Ultras, aber auch andere Fans helfen in der Coronakrise kreativ. Es geht um "gesamtgesellschaftliche Verantwortung".

Die kurzen Botschaften hängen überall in Köln an Brücken und Geländern. "Danke an alle Helfer", steht dort in großen, roten Buchstaben auf weißem Stoff geschrieben, vor allem in der Nähe von Krankenhäusern. Gerichtet sind die motivierenden Worte an die vielen Menschen, die in der Coronakrise an ihre Grenzen gehen. Und geschrieben wurden sie von Fußball-Fans.

Es sind vor allem Ultras, die derzeit in ganz Deutschland zu Solidarität aufrufen und auch selbst anpacken. Jene Fangruppen also, die noch vor wenigen Wochen im Mittelpunkt einer hitzigen Diskussion standen, die gefühlt längst eine Ewigkeit her ist. Viele Fans in Dortmund etwa, die wegen der Auseinandersetzung mit Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp besonders im Fokus standen und vielfach auch geschmäht wurden, übernehmen Einkäufe für Ältere.

"Es geht jetzt darum, sich solidarisch zu zeigen und gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Das bedeutet konkret, dass wir den Menschen unter die Arme greifen wollen, welche aktuell zu den Risikogruppen gehören", heißt es in dem Aufruf. Ins Leben gerufen wurde die Aktion von den BVB-Ultragruppen The Unity, Jubos und Desperados.

"Diese Stadt steht hinter euch"

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Solidarität in Köpenick.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Auch in Augsburg helfen die im doppelten Sinne aktiven Fans nur zu gerne. "Wir bieten ab sofort an, Besorgungen oder Einkaufstätigkeiten zu übernehmen", heißt es in einem Flugblatt. Ganz wichtig: Es spiele "selbstverständlich" keine Rolle, ob die Hilfsbedürftigen FCA-Fans sind oder nicht. Der "Schwabensturm Stuttgart" veröffentlichte ein ähnliches Angebot, in Frankfurt wiederum unterstützen die Eintracht-Ultras die städtische Tafel. Hinzu kommen zahlreiche Spruchbänder. In Darmstadt etwa ist derzeit an vielen Krankenhäusern zu lesen: "Wenn ihr an eure Grenzen geht - dann denkt daran, dass diese Stadt hinter euch steht", an Supermärkten finden sich Briefe mit ähnlichem Inhalt. "Wir unterstützen im Moment die Helden des Alltags anstatt unsere Helden in blau-weiß", teilten die Fans vom Block 1898 mit.

Auch in Nürnberg, Bochum, Berlin, Wolfsburg, Leverkusen, Homburg, Hamburg, Erfurt, Schalke, Osnabrück und vielen weiteren Städten gibt es solche Aktionen. Die Ultras des FC St. Pauli forderten dabei mehr Lohn für Pflegekräfte. Inspiriert wurden viele Fans von der "Curva Nord" von Atalanta Bergamo, die 40.000 Euro an eine ausgelastete Klinik spendete. Die "Torcida" von Hajduk Split half sogar beim Umzug eines Krankenhauses in ein neues Gebäude.

Viele Anhänger denken zudem an den eigenen Klub, der oft vor finanziellen Problemen steht. In Rostock rief die Kurve zu "Hamsterkäufen" auf. Heißt: Fans sollen bis Ostern Hansas Online-Fanshop leer kaufen. In Offenbach und Bochum gab es "Geistertickets" für Spiele zu kaufen, die nie stattfinden, und in Mönchengladbach verzichten Anhänger auf die Erstattung der nie genutzten Tickets für das "Geister-Derby" gegen den 1. FC Köln.

Über allem steht der Gedanke der Solidarität, der in Fankurven schon immer gelebt wurde und wird. "Wir bedanken uns bei allen Alltagshelden", schrieb beispielhaft die Nordkurve Wolfsburg: "Gemeinsam sind wir stark!"

Die Fan-Organisation "Unsere Kurve" hat derweil alle Beteiligten zu einem gemeinsamen Handeln aufgefordert und eine Einbeziehung der Fußball-Anhänger gefordert. Natürlich wolle man den Fußball nach wie vor verändern und mache sich für einen Fußball stark, "der an Fans und Vereinen und nicht an der Gewinnmaximierung ausgerichtet ist", hieß es in einer Mitteilung vom Sonntag. "Aber jetzt ist nicht die Zeit, die grundlegenden Forderungen in den Vordergrund zu stellen. Wir müssen vielmehr gemeinsam kreative Ideen und tragfähige Lösungen entwickeln, damit die Vereine überleben können."

"You'll never walk alone" als Hymne der Krise

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In Dortmund sorgten die BVB-Fans am Samstag derweil für ein passendes Ersatzprogramm für den ausgefallenen Bundesliga-Spieltag. Um 19.09 Uhr, angelehnt an das Jahr der Vereinsgründung der Schwarz-Gelben, wurden Fenster geöffnet und Balkone betreten - "You'll never walk alone" von Gerry und The Pacemakers schallte durch die Straßen. Dazu schwenkten etliche Fans auf den Terrassen ihre schwarz-gelben Schals.

Das Lied wurde im Fußball als Klubhymne von Premier-League-Spitzenreiter FC Liverpool weltweit berühmt, es soll die Verbundenheit der Menschen über Ländergrenzen hinweg stärken. Die "Ruhr Nachrichten" hatten mit ihrem Aufruf an die Anhänger der Schwarz-Gelben großen Erfolg.

"'Bleib' zu Hause' lautet aktuell die Devise, die wir voll und ganz unterstützen. Doch alleine müssen wir trotzdem nicht sein", schrieb die Zeitung: "Trikot an, Schal an - und Vollgas! Dreht die Boxen auf, singt laut mit. Gegen die Coronavirus-Tristesse, gegen die Fußball-Flaute und für ein besseres Miteinander." Bereits am Freitagmorgen hatten 180 Radiostationen europaweit das Lied zeitgleich gespielt und eine riesengroße Resonanz erfahren.

Auch Borussia Mönchengladbach entschloss sich kurzfristig, ein Zeichen zu setzen. Um 8.45 Uhr ertönte "YNWA" - mittlerweile so etwas wie die inoffizielle Hymne der Coronakrise - im leeren Borussia-Park, einzig die Gänsehaut-Stimmung fehlte ein bisschen. Die gab es dafür auf den Balkonen in den Wohnblöcken.

Quelle: ntv.de, ter/sid