Fußball

"Gnané" lässt Liga zittern Gnabry und Sané wirbeln wie einst Robbery

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Harmonierten im ersten Spiel direkt prächtig: Serge Gnabry und Leroy Sané.

(Foto: imago images/kolbert-press)

Einfach unersättlich: Zum Ligastart überrollt der FC Bayern die Schalker. Dabei sticht ein Duo besonders hervor, das an die über Jahre dominante Flügelzange von Arjen Robben und Franck Ribéry erinnert - und der Bundesliga das Fürchten lehren wird.

Was ist in der Münchner Allianz Arena passiert?

Alles was passiert ist, konnte von den Rängen niemand beobachten. Der Start in die 58. Bundesligasaison fand ohne Zuschauer statt. Und das, nachdem beschlossen worden war, dass 20 Prozent jedes Bundesligastadion gefüllt werden dürfen. Eigentlich hätten damit 15.000 Fans in die Allianz Arena gedurft, in München hatte man dies bereits auf 7500 Fans für das Auftaktspiel eingegrenzt. Am Donnerstag folgte dann allerdings die Überraschung: Die Ränge mussten, wie Münchens Bürgermeister Dieter Reiter aufgrund zu hoher Infektionszahlen in der Stadt und nach Beratungen mit Ministerpräsident Markus Söder und seiner Gesundheitsbehörde entschied, zuschauerleer bleiben.

Schon vor dem Duell mit Schalke war für den FC Bayern klar, dass ein Rekord fallen wird: Die Münchner überholten Ex-Bundesliga-Dino Hamburger SV mit dem Anpfiff, indem sie in ihre 56. Bundesligasaison in Folge gingen. Noch nie hatte ein Klub das geschafft, schließlich stieg der HSV in seiner 55. Saison ab und dümpelt seitdem in der zweiten Liga herum.

Eine erste Überraschung bot dann die Aufstellung der Bayern. David Alaba fehlte in der Innenverteidigung. Wo alle Welt an seinen Vertragspoker mit den Verantwortlichen dachte, bekräftigte Flick: Wirklich nur muskuläre Probleme, "ich hoffe, dass er bleibt." Auch überraschend: Alphonso Davies wurde von Lucas Hernández ersetzt. Der erste Bundesliga-Start für Flick lief dann so, wie das vergangene Fußballjahr für ihn zu Ende gegangen war: mit einem Sieg, mit einer Demontage. Mit 8:0 zerlegte seine Mannschaft den FC Schalke 04.

Es wurde ein Klassenunterschied. Von mindestens einer Spielklasse. Schalke 04 hat nun seit 17 Bundesligaspielen, seit Januar, nicht mehr gewonnen. Die historisch schlechte Rückserie der Spielzeit 2019/20 vergessen zu machen, gelang den Königsblauen in keiner Phase des Spiels.

Rekordmann Robert Lewandowski wollte nach seinen 55 Toren in der vergangenen Saison natürlich gleich ein wenig weiter-rekordeln. Schon vor der Partie hatte er in neun Spielen in Folge gegen Schalke 04 getroffen. Diese Bestmarke gelangt nur Klaus Fischer von 1969 bis 1974 gegen den VfB Stuttgart. Mit seinem Tor zum 3:0 stellte er einen neuen Rekord von zehn Tore in Folge gegen einen Bundesligaklub auf. Damit nicht genug für den Superstürmer. Vor dem Duell mit Schalke hatte der Pole bereits sechsmal zum Bundesliga-Auftakt ins Schwarze getroffen. Wieder war nur Fischer mit sieben Saisonstart-Toren besser, jetzt ist Lewandowski mit ihm gleichauf.

Auch für Joshua Kimmich waren die Königsblauen stets ein gutes Pflaster. Alle neun Duelle mit den Schalkern konnte er für sich und sein Team entscheiden. Zehn Dreier ohne Punktverlust in Folge gegen ein Team gelangen nur Werder Bremens Frank Baumann gegen den Club aus Nürnberg - und natürlich Kimmich selbst gegen Bremen. Jetzt auch gegen Schalke. Bayern hat das Eröffnungsspiel am Freitag vor der neuen Saison, das es seit 2002 gibt, nun immer gewonnen - bis auf den Auftakt im vergangenen Jahr gegen Hertha BSC.

Teams und Tore:

München: Neuer - Pavard, Süle, Jerome Boateng (72. Richards), Hernandez - Kimmich, Goretzka (51. Tolisso) - Thomas Müller (82. Zirkzee) - Gnabry (72. Musiala), Lewandowski, Leroy Sane (72. Cuisance). - Trainer: Flick
Schalke: Fährmann - Rudy, Kabak, Stambouli, Oczipka - Matondo (65. Raman), Serdar (30. Schöpf), Bentaleb, Harit (79. Becker) - Uth, Paciencia (79. Skrzybski). - Trainer: Wagner
Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin)
Tore: 1:0 Gnabry (4.), 2:0 Goretzka (19.), 3:0 Lewandowski (31., Foulelfmeter), 4:0 Gnabry (47.), 5:0 Gnabry (59.), 6:0 Thomas Müller (69.), 7:0 Leroy Sane (71.), 8:0 Musiala (81.)
Zuschauer: keine

Das verrückte 8:0 im Fast-and-Furios-Spielfilm:

0. Minute: Sascha singt die Nationalhymne. Nun ja, immerhin weiß man nun, dass es den noch gibt.

1. Minute: Was ist denn hier los? Schalke macht Druck und sorgt für den ersten Abschluss. Neuer pariert den Schuss, die anschließende Ecke verpusst.

4. Minute: Toooooor für den FC Bayern. 1:0 Serge Gnabry. Einen langen Ball von Kimmich nimmt Gnabry elegant mit rechts an, dreht sich einmal artistisch um die eigene Achse und schlenzt den Ball aus 20 Metern mit links wunderschön ins linke obere Eck.

5. Minute: Der FC Bayern macht da weiter, wo er in Lissabon aufgehört hat. Powerfußball pur. Leroy Sané ist durch, aber umkurvt Schalke-Keeper Ralf Fährmann auf zu komplizierter Art und Weise. Der Neu-Bayer legt auf Robert Lewandowski ab, der viel zu lässig frei vor dem Tor vergibt.

11. Minuite: Der walisische Nationalspieler Rabbi Matondo rast bei einem langen Ball der Schalker allen davon und aufs Bayern-Tor zu. Aber Manuel Neuer klärt in altbewährter Libero-Manier per Kopf.

17. Minute: Ein Schalker Freistoß wird nur gefährlich, weil Niklas Süle unfreiwillig auf seinen eigenen Torwart klärt. Da dies aber unabsichtlich passiert, kann Neuer den Ball aufnehmen.

19. Minute: Tooooooooooor für den FC Bayern. 2:0 Leon Goretzka: Gnabry passt von rechts scharf nach innen. Über Umwege kommt der Ball zum Elfmeterpunkt, wo Müller steht. Der Ex-Nationalspieler legt überlegt nach hinten zum völlig freien Ex-Schalker Goretzka ab, der eiskalt flach ins linke Toreck abschließt.

21. Minute: Lewandowski lässt erneut nach guter Vorlage von Sané eine Großchance liegen. Was ist denn da los?

24. Minute: Gnabry legt von der Grundlinie ganz stark zurück auf den heranrauschenden Kimmich. Fährmann pariert seinen Schuss, aber die Königsblauen haben Glück, hier nicht schon höher zurückzuliegen.

30. Minute: Ozan Kabak fällt Lewandowski. Elfmeter, klare Sache.

31. Minute: Tooooooooooooor für den FC Bayern. 3:0 Lewandowski. Nachdem er mehrere Chancen ausgelassen hat, lässt Lewandowski sich diesen Freischuss natürlich nicht entgehen und verlädt Fährmann eiskalt.

41. Minute: Diesmal setzt sich Gnabry stark auf der linken Seite durch. Seinen scharfen Flachpass in die Strafraummitte haut Goretzka aufs Tor, aber der Ball wird geblockt. Süles Nachschuss klatscht gegen den Pfosten.

47. Minute: Toooooor für den FC Bayern. 4:0 Gnabry: Müller klärt weit mit dem Kopf in der eigenen Hälfte in den Lauf für Sané, der viel schneller ist als alle Schalker Verteidiger. Der Nationalspieler legt den Ball an Keeper Fährmann vorbei, Gnabry saust heran und schiebt die Kugel mit links ins leere Tor.

54. Minute: Halbchance der Schalker. Paciencia schiebt im Strafraum den Ball auf Uth. Dessen scharfe Hereingabe kann Süle gerade noch zur Ecke klären.

59. Minute Tooooooooooooor für den FC Bayern. 5:0 Gnabry: Kimmich schlägt erneut einen tollen Ball auf Sané, der die Kugel extrem stark mit der Brust mit- und dann runternimmt. Seine lässige Vorlage muss Gnabry nur noch ins Netz schieben.

68. Minute: Eine Ecke köpft der völlig alleingelassene Corentin Tolisso über das Tor. Kaum noch Gegenwehr der Schalker.

69. Minute: Tooooooooooor, na für wen wohl? Bayern natürlich. 6:0 Müller: Was für eine Vorlage: Lewandowski lässt zunächst eine Chance liegen, flankt dann aber per Rabona auf Müller in der Mitte des Strafraums, der per Volley vollendet. Kann man so machen.

72. Minute: Jetzt aber mal ruhig hier, wie soll man denn da tickern? Toooooooooor für den FC Bayern, 7:0 Sané. Umschaltsituation der Bayern, Kimmich schickt Sané, der mal wieder allen enteilt. Allein vor Fährmann bleibt er cool und schiebt mit links ein.

81. Minute: Toooooooooooooooooooooooooooor für den FC Bayern. 8:0 Jamal Musiala. Ein 17-Jähriger vernascht die Schalker Hintermannschaft. Nach einer Vorlage von Lewandowski zieht Musiala vom linken Strafraumeck nach innen, verzögert kurz und schießt dann präzise ins linke Toreck. Er ist der fünftjüngste Torschütze der Bundesliga.

Abpfiff: Endlich, werden die Schalker sich denken. Was für ein beschämendes Spiel. Die Königsblauen verloren nur eines ihrer jetzt 1765 Bundesliga-Spiele höher. Am 7. Januar 1967 gingen die Knappen bei Borussia Mönchengladbach sogar 0:11 unter.

Was war gut?

Der Bundesligastart war auch der Beginn des Mammutprogramms des FC Bayern mit - wenn alles rund läuft - 55 Pflichtspielen ohne Winterpause in diesem Jahr. Viel war vorher deswegen über Belastungssteuerung geredet worden. Flick hatte allerdings nach Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes "bei keinem Spieler" Anzeichen von Müdigkeit oder eine abnehmende Bereitschaft, "100 Prozent zu geben" gesehen haben wollen. Dennoch pflichtete der Coach seinem Mittelfeldmann Leon Goretzka bei, der Mitte der Woche darüber öffentlich nachgedacht hatte, "ob wir unsere Spielweise nicht ein Stückweit ändern müssen, weil es schwierig wird, das Pressing, wie wir es in den letzten Monaten gespielt haben, über eine Saison ohne Pausen durchzuziehen, wenn wir alle zwei, drei Tage spielen". "Grundsätzlich", so Flick, wolle man nicht von der dominanten Spielweise abrücken, die den Bayern das Triple beschert hatte, aber, so erklärte er am Donnerstag: "Gewisse Phasen im Spiel müssen wir etwas cleverer lösen."

Nun, eine Änderung der unglaublich dominanten Spielweise der Bayern war gegen Schalke in keiner einzigen Sekunde erkennbar. Phasenweises Zurückziehen? Pressing aus einer tieferen Position? Pressing und aggressives Anlaufen in Schüben? Nichts da. Die Münchner pressten die Schalke von Minute eins in Grund und Boden. Aggressiv wurde jeder Schalker mit Ballbesitz angelaufen. Die Münchner umstellten teilweise den Schalker Strafraum komplett und boten Fährmann keine Anspielmöglichkeiten beim Abschlag.

Der FC Bayern spielte sehr sicher nach vorne und erkannte sich ergebende Räume stark. Die Automatismen griffen sofort wieder, das unglaubliche Tempo und die Präzision konnten die Königsblauen überhaupt nicht mitgehen. Besonders über die agilen Sané und Gnabry, die immer wieder die Seiten wechselten und jeden Ball festmachten mit ihrem ausgezeichneten Ballgefühl, machte der Rekordmeister enorm Druck. Dass niemand mit der Schnelligkeit der beiden Außenstürmer mithalten kann, zeigte das 4:0 eindrücklich. Auch beim 5:0 harmonierten die Wirbelwinde, als hätten sie schon Jahre zusammengespielt.

Die Bundesliga muss sich bei dieser neuen Offensiv-Flügelzange, eine neue (alte) Waffe der Bayern, warm anziehen. Es passt, dass Sané nun die Trikotnummer zehn von Arjen Robben und Gnabry die sieben von Franck Ribéry trägt. Aus Robbery wird wohl "Gnané" werden und die Konkurrenz das Fürchten lehren.

Was war schlecht?

Die Defensivleistung der Schalker. Der Revierklub verteidigte in der ersten Halbzeit zu hoch und stellte in der zweiten Hälfte die Bemühungen komplett ein. Immer wieder konnten die Schalker mit Bällen hinter die Defensivreihe nicht umgehen, so geschehen bereits in der vierten Minute beim 1:0 durch Gnabry. Die Außenverteidiger waren mit Sané und Gnabry völlig überfordert und schafften es nie, Druck auf den Ball aufbauen. In der zweiten Hälfte ließen die Königsblauen dann komplett ihre Köpfe hängen, ein Aufbäumen gab es nicht. Selbst im Strafraum durften sich die Münchner beinahe unbehelligt bewegen.

Offensiv spielte Schalke teilweise gut mit und deutete bei Kontersituationen Gefahr an, aber meist verpufften die Angriffe dann doch. Ausnahmsweise mal nicht so gut: die Chancenausbeute Lewandowskis. Allein in den ersten 20 Minuten ließ der Torjäger zwei dicke Möglichkeiten liegen. Ob er Angst hatte, in der Halbzeit verhaftet zu werden? Beim Elfmeter blieb er aber eiskalt, das Tor von Müller legte er akrobatisch auf.

Außerdem richtig mies: Die Offiziellen der Münchner und der Schalker, die trotz eines komplett leeren Stadions ohne Masken und ohne Abstand auf ihren Sitzen das Spiel beobachten - und das, nachdem in München die Infektionszahlen in die Höhe geschossen waren und deshalb auf Fans verzichtet werden musste. Nach den Vorgaben der Deutschen Fußball Liga sind alle Personen in der "Zone 2" des Stadions, zu der die Tribüne zählt, "zum Tragen des Mund-Nasen-Schutzes verpflichtet, sofern der Mindestabstand von 1,50 m nicht einzuhalten ist". Bei 35 oder mehr Neuinfektionen mit dem Coronavirus pro Woche pro 100.000 Einwohner - in München gegeben - besteht eine ständige Maskenpflicht.

Was sagen die Beteiligten?

Hansi Flick (Trainer Bayern München): "Wir haben jetzt das erste Spiel, machen wir mal ganz langsam hier. Wir haben es bravourös gelöst, hätten aber in der ersten Halbzeit zwei, drei, vielleicht vier Tore mehr machen müssen. Aber es war wichtig zu zeigen, dass wir auch in dieser Saison auf dem richtigen Weg sind. Ich bin sehr zufrieden mit der Leistung. Das ist jetzt ein Maßstab für beide (Serge Gnabry und Leroy Sane, d.Red.) und die ganze Mannschaft."

Leroy Sané (FC Bayern): "Es hat sich sehr gut angefühlt, endlich in der Allianz Arena zu stehen und mit den Jungs zusammen Fußball zu spielen. Für uns war es ein sehr guter Tag, es sind viele Tore gefallen und wir haben nichts anbrennen lassen. Ich habe mit vielen Jungs bereits in der Nationalmannschaft gespielt, wir kennen uns und mit den Anderen, die ich noch nicht kannte, komme ich auch super zurecht. Ich fühle mich komplett wohl und wusste, dass es beim FC Bayern gut klappen wird. Das gesamte Team war hungrig und hat sich auf den Neuanfang gefreut."

David Wagner (Trainer Schalke 04): "Das war schlecht. Wir haben nicht gut gespielt, Bayern war herausragend. Wir müssen uns jetzt schütteln, diese herbe Niederlage hinnehmen und gegen Bremen die Reaktion zeigen, die wir selber von uns erwarten. Was wahnsinnig ärgerlich ist: Dass wir nach dem vierten, fünften Tor weiter nach vorne spielen wollten, das war naiv."

Bastian Oczipka (Schalke 04): "Das ist ein ganz bitterer Auftakt. Dass es schwer wird, gegen den Triple-Sieger zu bestehen, war klar. Allerdings ist das Ergebnis scheiße, das kann man nicht anders sagen."

Benjamin Stambouli (Kapitän FC Schalke 04): "Es gibt viele Dinge, die nicht funktioniert haben und es gibt viele Dinge, die dagegen bei den Bayern funktioniert haben. Sie sind aktuell vielleicht die beste Mannschaft der Welt, aber dennoch schmerzt dieses Ergebnis enorm. Es ist immer schwer, so aus einer Partie zu gehen. Ich habe dennoch Hoffnung, weil wir nie aufgegeben haben. Wir müssen die ganze Vorbereitung betrachten und dies war nur unser erstes Pflichtspiel. Wenn man gegen so eine Mannschaft spielt, wird jeder Fehler mit einem Tor bestraft. Aber wir werden nicht jede Woche gegen so eine Truppe antreten müssen. Ich habe die große Hoffnung, dass wir in dieser Saison etwas wiedergutmachen können."

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Quelle: ntv.de