Fußball

Der geborene Problemlöser Götze ist Dortmunds einziger Lichtblick

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Götze etabliert sich als "Iniesta im Spiel des BVB".

(Foto: imago/Uwe Kraft)

Unter Trainer Peter Bosz schwankt das System des BVB zwischen Statik und Chaos. Einziger Lichtblick beim Fußball-Bundesligisten: Mario Götze. Der hat mit dem Jungen, der besser als Lionel Messi sein sollte, nichts mehr gemeinsam.

Als Mario Götze im November 2009 sein Debüt in der Bundesliga gab, war er gerade mal 17 Jahre alt. Acht Jahre ist das nun schon her. Insidern war der begabte Offensivspieler bereits seit längerem bekannt. Er führte die U19-Mannschaft der Dortmunder Borussia ins Finale um die deutsche Meisterschaft. Sein Talent war nicht zu übersehen. Aber der Schritt auf die große Bühne des Profifußballs bedeutete auch für Götze einen krassen Einschnitt.

Plötzlich wurde aus ihm ein Teeniestar. Die Anhänger kauften seine Trikots, die jungen weiblichen Fans waren verrückt nach ihm. Dortmund hatte nicht nur einen verdammt guten Fußballer in den eigenen Reihen. Sie hatten ein Eigengewächs mit dem Potenzial zum Megastar. Erfolge pflasterten den Weg, aber an so manchem Stolperstein blieb er hängen.

Allein die Liste an Titeln liest sich beeindruckend: Fünf deutsche Meisterschaften, eine Fritz-Walter-Medaille, eine Golden-Boy-Trophäe, ein WM-Titel, bei dem er auch noch das entscheidende Tor im Finale erzielte, und noch so manches zieren den Briefkopf. Trotzdem haben viele das Gefühl, dass Götze die Erwartungen nicht erfüllt hat. Seine Zeit bei Bayern München verlief unbefriedigend. Sein Wechsel zum BVB im Sommer 2016 wirkte weniger wie die Rückkehr des verlorengeglaubten Sohnes, als vielmehr wie Götzes Eingeständnis, dass er bei seinem Ausflug nach München gescheitert war.

Überraschende Trendwende

Nachdem die anfänglichen Vorbehalte ausgeräumt waren, standen die BVB-Fans wieder voll hinter ihrem einstigen Liebling. Und auch heute hoffen sie auf ihn, wenn es in der Bundesliga (ab 15.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im ausverkauften Westfalenstadion gegen den Reviernachbarn FC Schalke 04 geht. Er hatte auch jede Unterstützung nötig. Denn Götze machte in Dortmund dort weiter, wo er in München aufgehört hatte: in der Mittelmäßigkeit. Seine erste Saison war keineswegs zufriedenstellend und wurde durch eine Stoffwechselerkrankung vorzeitig beendet. Der mangelnde Fitnesszustand und die gesundheitlichen Probleme entwickelten sich zu einem wichtigeren Gesprächsthema als Götzes Leistungen auf dem Platz.

Dortmund - Schalke 04, 15.30 Uhr

Borussia Dortmund: Weidenfeller - Guerreiro, Sokratis,  Toprak, Schmelzer - Weigl, Sahin - Jarmolenko, Götze, Pulisic – Aubameyang. – Trainer: Bosz
FC Schalke 04: Fährmann - Stambouli, Naldo, Kehrer - Caligiuri, Meyer, Oczipka - McKennie, Konoplyanka - di Santo, Burgstaller. Trainer: Tedesco
Schiedsrichter: Aytekin (Oberasbach)

Der heute 25-Jährige ist schon lange kein Talent mehr. Er ist ein vollwertiger Profi, von dem allerdings auch erwartet wird, dass er eine Mannschaft mitträgt. Vor dieser Saison hofften Verantwortliche und Fans jedoch zunächst einmal darauf, dass Götze wieder zu normaler Wettkampfform finden würde. Umso überraschender ist es, dass er in jüngster Zeit oft der beste Borusse in einem zugegeben schwächelnden Team war. Götze wirkt in Zeiten der sportlichen Krise mitunter wie der einzige Lichtblick. Sicherlich spielen eine wiedergewonnene mentale Stabilität und seine zunehmend bessere Fitness eine Rolle, lassen sich aber von außen nur schwer beurteilen. Beweisbar ist derweil, dass Götze seine technischen und taktischen Fertigkeiten in die Waagschale werfen kann - und das um einiges besser als beim FC Bayern in den Jahren zuvor.

Keine Messi-Vergleiche mehr

Das Dortmunder Spielsystem schwankt momentan zwischen Statik und Chaos. Entweder es herrscht zu wenig oder zu viel Bewegung. Den richtigen Mittelweg findet die Mannschaft von Peter Bosz aktuell selten. Götze ist der geborene Problemlöser. Er benötigt kein perfektes taktisches System, sondern er selbst hilft mit seinen Dribblings und Positionsverschiebungen dort aus, wo es hakt. Er behält auch auf engstem Raum die Kontrolle über Ball und Gegner. Bei den Bayern war diese Stärke jedoch nicht gefragt. Pep Guardiola tüftelte ständig an der Taktik und hämmerte sie seinen Spielern ein, sodass wenig bis gar keine Fehler gemacht wurden. Götze musste nichts beheben, wo es doch nichts zu beheben gab.

Der zunehmende Trümmerhaufen in Dortmund braucht da schon eher die Hilfe des 25-Jährigen. Diese Rolle zeigt zugleich auf, wie Götze seit seinem Debüt 2009 gereift ist und sich verändert hat. Einst war er der Junge für die magischen Momente. Nun ist er der Mann für handfeste Präzisionsarbeit. Bekanntermaßen flüsterte ihm Joachim Löw kurz vor seiner Einwechslung im WM-Finale 2014 ins Ohr, dass Götze der Welt zeigen sollte, er wäre besser als Lionel Messi.

Jegliche Messi-Vergleiche verbieten sich heute. Weder wird Götze jemals das Niveau des argentinischen Jahrhundertfußballers erreichen, noch ist er mit ihm überhaupt vergleichbar. Götze hat sich stattdessen zu einer Art deutschem Iniesta, dem Kollegen Messis beim FC Barcelona, entwickelt. Iniesta und seine Arbeit auf dem Platz wurden früher auch häufig übersehen, bis immer mehr Beobachter bemerkten, welches Genie in dem kleinen Mittelfeldspieler steckt.

Ähnlich könnte es Götze langfristig ergehen. Er macht die Mitspieler um sich herum mit seiner Übersicht und seinem Spielverständnis besser. Gerade in Zeiten, in denen es beim BVB nicht so rund läuft, könnte er dadurch umso wertvoller werden und zum Führungsspieler heranreifen. Diese Rolle war für ihn wahrscheinlich nie, weder 2009, noch 2016, vorgesehen. Die Karriere des Mario Götze ist gezeichnet von ständiger Veränderung, sein Weg zu breiter Anerkennung verkompliziert durch so manchen Rückschlag. Bis jetzt aber hat er noch jedes Hindernis gemeistert. Sein Verein sollte sich in diesen Tagen vielleicht ein Beispiel an ihm nehmen.

Quelle: n-tv.de

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