Fußball

Sepp Maier feiert Geburtstag Größter Entertainer des deutschen Fußballs

imago01699286h.jpg

Lustig, gell? Sepp Maier am 9. Juni 1979.

Sepp Maier hält bis heute einen Rekord, den nie wieder jemand in der Fußball-Bundesliga wird brechen können: In 442 Spielen hintereinander steht er im Tor des FC Bayern. Doch nicht diese Bestmarke, sondern sein Sinn für Humor und sein Showtalent machen ihn so beliebt.

Bundestrainer Helmut Schön war voll des Lobes. Josef Dieter Maier sei ein Mann mit "eminenter Begabung und ungeheurer Energie". Das stimmt. 442 Bundesligaspiele stand der Torwart des FC Bayern hintereinander im Kasten des Rekordmeisters. Das sind 13 komplette Spielzeiten am Stück für ein und denselben Verein. Eine unglaubliche sportliche Leistung. Und doch erinnern sich die meisten Fußballfans vor allem an Sepp Maier als Entertainer und Karl-Valentin-Double auf dem Rasen.

imago15840767h.jpg

Bayrisch halt.

(Foto: imago/Fred Joch)

Bei Empfängen nach Länderspielen soll Maier gerne einmal die Schuhbänder der Gäste unter dem Tisch zusammengebunden haben. Und zwar so, dass die feinen Damen und Herren beim Aufstehen ihr blaues Wunder erlebten. Seine Streiche waren auch bei den Kollegen so legendär wie gefürchtet. Doch den größten Schrecken verbreitete Maier einmal völlig unschuldig im Schlaf ("Ein Torwart muss Ruhe ausstrahlen, er muss nur aufpassen, dass er dabei nicht einschläft").

Es war die Nacht vor dem Triumph im Europapokal der Pokalsieger am 31. Mai 1967. Trainer Tschik Cajkovski hatte die Mannschaft vor dem Zu-Bett-Gehen noch einmal richtig heißgemacht auf das Endspiel in Nürnberg gegen die Rangers aus Glasgow. Beim Einschlafen überlegte der Torhüter, was in der Partie alles passieren könnte. Maier: "Und dann hab ich geträumt: Eine Flanke fliegt in meinen 16er, ich spring hoch, die Schotten fliegen nur so rechts und links von mir weg, und ich pack mir den Ball." Maier erinnert sich genau. Er zeigt, wie er seine Hände in der Nacht gehalten hat. Genauso wie auf dem Rasen, wenn die Kugel zwischen seinen Handschuhen klebte. Sein Traum ging noch weiter: "Ich hab den Ball fest, die Fans jubeln, und ich zeig ihnen den Ball, halt ihn hoch: Schaut her - ich hab ihn. Da schreit einer: Sepp, Sepp - willst mich umbringen?! Ich wache auf: Da hab ich den Kopf vom Hans Rigotti (Maiers Zimmergenosse) in den Händen. Ich hätt’ ihn fast erwürgt."

"Und wer küsst mich?"

Maier hat im Vorwort zu einem seiner Bücher geschrieben: "Die größten Lieblinge beim Publikum sind meistens die Torschützen. Die werden dann, wenn sie dem Torhüter mal wieder ein Ei in den Kasten gelegt haben, so richtig abgebusselt. Und wer küsst mich? Doch ehrlich gesagt, bin ich ganz froh, dass das beim Keeper anders ist. Möchten Sie etwa von einem nass geschwitzten und matschverschmierten Spieler umarmt werden? Ich nicht! Ich bin doch kein Tor." Doch gerade die Gemeinschaft war genau Maiers Sache.

imago01403244h.jpg

"Wir können Freunde sein, wenn du darauf verzichtest, aufgestellt zu werden": Maier und Horst Wolter bei der WM 1970 in Mexiko.

Sein Kollege Paul Breitner hat gesagt: "Der Sepp war der Einzige, der sich auch um die Kleinen kümmerte, um die ganz unten, die Nobodys, um uns junge Spieler. Wenn der Seppl uns damals mit seinen Witzen nicht immer aufgeheitert hätte, wäre die ganze Gesellschaft nicht mehr zu ertragen gewesen." Und so lustig er war, so kollegial ging er auch mit seinen Teamgenossen um. Bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko sagte er zu seinem Konkurrenten Horst Wolter aus Braunschweig: "Wir können Freunde sein, wenn du darauf verzichtest, aufgestellt zu werden." Der Eintracht-Keeper war einverstanden: "Wir wohnten ja in einem Zimmer, und ich wollte meine Ruhe haben."

Maier war sicherlich einer der verrücktesten Spieler, die die Bundesliga je gesehen hat. Im Winter baute er auf dem Platz Iglus, und im Frühling pflanzte er in seinem Kasten Osterglocken an, versehen mit einem kleinen Hinweisschild: "Bitte nicht knicken!" Sein liebstes Hobby war das Zaubern, und so hatte er im Kofferraum seines Autos immer die kompletten Magier-Utensilien liegen. Maier war eben ein Spaßvogel, wie sich auch in dieser Geschichte zeigt: Am 12. Dezember 1970 spielten die Bayern bei Hessen Kassel und logierten im vornehmen "Hotel Reiss". Die Empfangsdame nahm einen Anruf entgegen: "Nein, haben wir leider nicht … was?" Erregt legte sie den Hörer auf die Gabel.

Dann rief sie den Portier und die Boys zu sich: "Wisst ihr, was eben los war?", fragte sie immer noch empört. Portier und Boys traten näher. Die Dame entrüstete sich: "Da rief doch der Sepp Maier an und beschwerte sich, dass er kein Radio habe. Wir seien doch schließlich ein erstes Hotel, sagte er. Schicken Sie mir ein Radio rauf, verlangte er. Und als ich ihm sagte, wir hätten kein Radio da …" Die Empfangsdame, Sekunden vorher noch ärgerlich, musste plötzlich laut lachen. "Da sagte Sepp Maier: Dann schicken Sie mir halt jemanden rauf, der mir was vorsingt!"

Das inszenierte Spektakel mit Hannes Löhr

Eine Verletzung beim Namen nennen und über Schmerzen klagen? Nicht mit Maier. Nach einem Tritt mit der Stiefelspitze eines gegnerischen Stürmers in die Rippen erzählte der Bayern-Tormann lieber munter drauflos: "Kennt ihr den Witz von einem Krieger, der einen Speer in die Brust bekommt? Ein anderer fragt den Verletzten: Tut’s weh? Er antwortet: Nur beim Lachen. Und so ähnlich geht’s mir auch." Vermutlich hat sein sonniges Naturell mit seiner glücklichen Kindheit zu tun. Als der kleine Sepp mit einigen Kameraden Hölzer bei einem nahe gelegenen Sägewerk entwendete, um ein Tor zu bauen, erwischte ihn sein Vater. Doch richtig böse konnte er auf die Jungs nicht sein. Er hob ihnen auf den letzten Metern sogar die Bretter über den Gartenzaun. Weil dies jedoch ein Nachbar sah und ihn bei der Polizei anzeigte, verlor der Vater seinen Job.

imago24435347h.jpg

Maier und Hannes Löhr.

(Foto: imago/WEREK)

Seine Freude an waghalsigen Manövern und außergewöhnlichen Aktionen hat sich Maier auch später als Bundesliga-Torwart erhalten. Und was er Willi Lippens verweigerte, zog er mit einem anderen Kollegen durch. Bei einem Zusammentreffen des FC Bayern zu Hause gegen den 1. FC Köln zelebrierten Hannes Löhr und der Bayern-Keeper einen Showact, den sie schon lange ausprobieren wollten. Abgemacht war: "Ich werde dir einmal während des Spiels den Ball hinwerfen, und dann spielst du ihn mir zurück!" Sagte Maier zu Löhr. Wohlgemerkt: Der Münchner Torwart wollte vor seinem eigenen Kasten das Spielgerät zum Kölner Stürmer schmeißen - in der Hoffnung, dass dieser die Situation nicht ausnutzen und das Leder direkt zu ihm zurückpassen würde. Doch genau das tat Löhr nicht - wenigstens nicht sofort. Sechs Meter vor dem Kasten wollte der Kölner erst noch Maier umkurven, bevor er ihm den Ball zurückspielte. Doch da wurde die Lage selbst dem ansonsten immer so lustigen Bayern-Torwart etwas zu unübersichtlich. Wütend schnappte er seinem Freund das Leder vom Fuß und ballerte die Kugel weit in die Kölner Hälfte. Die Zuschauer waren dennoch sehr angetan von diesem inszenierten Spektakel.

imago06006304h.jpg

"Wenn Ludwig ins Manöver zieht."

(Foto: imago sportfotodienst)

Bei so viel Talent fürs Humorige abseits des grünen Rasens lag eine Frage nahe, die sich Maier selber stellte: "Könnte es ein aussichtsreicher Berufswunsch sein, Komiker zu werden? Ja, ich glaube, das würde mir ganz gut liegen. Ähnliches müssen die Filmleute gedacht haben, die mir Filmangebote machten. Was wird meine Agi sagen, wenn sie mich einmal als Filmschauspieler auf der Leinwand bewundern kann? Nur wenn sie mir meine Leibspeise, Schweinsbraten mit Knödeln und Salat, kocht, wird sie zur Belohnung vom Filmschauspieler Sepp Maier ein Autogramm bekommen." Der Film hieß schlussendlich "Wenn Ludwig ins Manöver zieht" und wurde am 19. Dezember 1967 uraufgeführt. Hinterher gab sich Maier selbstkritisch: "Im Tor bin ich ein besserer Schauspieler!

Maier wusste schon immer, dass das Leben als Fußballstar ein gutes war: "Ich denke gern an meine Zeit als Fußballer zurück. Damals - das ist immer das Paradies." Trotzdem war ihm schon früh klar: "Der Sepp Maier kommt wieder. Womit? Weiß ich noch nicht. Aber irgendwas wird mir schon einfallen." Und so ist es ja dann auch gekommen. Als Torwarttrainer beim FC Bayern und bei der Fußball-Nationalmannschaft sorgte Sepp Maier nicht nur für gut ausgebildete Torhüter, sondern selbstverständlich auch immer wieder für humorige Momente. Seine Filmkamera hatte er dabei immer im Anschlag. Die Aufnahmen sind mittlerweile Zeitdokumente. An diesem Donnerstag feiert der Weltmeister-Torhüter von 1974 seinen 75. Geburtstag. Alles Gute und Glück auf, lieber Sepp Maier!

Quelle: n-tv.de