Fußball

Coach weg, Kernproblem bleibt Hannover 96 ruiniert sich selbst

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Gefeuert - oder erlöst? Auf jeden Fall hat André Breitenreiter mit Hannovers (Kommunikations-)Krise ab sofort nichts mehr zu tun.

(Foto: imago/Team 2)

Elf - so wenig Punkte hatte Hannover 96 nach 19 Spieltagen in der Bundesliga noch nie. Für die Entlassung von Coach Breitenreiter ist die Horrorstatistik ein gutes Argument. Dessen Nachfolger steht jedoch vor einer Horror-Aufgabe. Denn die Kernprobleme des Klubs kann er nicht lösen.

Immerhin den Abgang bekommen sie bei Hannover 96 einigermaßen stilvoll hin. In einer Mitteilung auf der Klub-Homepage bedankt sich Manager Horst Heldt für die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit André Breitenreiter. Bis zur nun verkündeten Trennung habe der Trainer alles versucht, um das hart kriselnde Team in der Fußball-Bundesliga wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Geklappt habt das freilich nicht - Tabellenplatz 17, elf Punkte aus 19 Spielen sind ein historisch schlechter Wert für den Klub und das beste Argument, um den Coach zu feuern. Da halfen Breitenreiter auch 60 gute Minuten bei Tabellenführer Borussia Dortmund nicht - schließlich endete das Spiel noch fatal mit 1:5 (0:1), nachdem die Mannschaft infolge des katastrophalen Abwehrfehlers des Chilenen Miiko Albornoz vor dem zweiten BVB-Tor durch Marco Reus komplett auseinanderbrach.

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Beim Neujahrsempfang erfuhr (Ex)-Coach Breitenreiter, dass sich der Verein mit Alternativen beschäftigt.

(Foto: imago/Joachim Sielski)

So solide und seriös die Kommunikation der unvermeidlichen Trennung nun nach außen funktionierte, so sehr hatte sie mindestens in den vergangenen Tagen versagt. Seit der ganz schwachen Leistung im Heimspiel gegen Werder Bremen (0:1) zum Start der Rückrunde vor gut einer Woche war Breitenreiter ein entmachteter Coach. Auf mehrere Berichte, dass er bereits entlassen sei, reagierte der Klub stundenlang nicht. Dann ließ Klubchef Martin Kind, dessen Übernahme-Allmachtsfantasien die Fans wütend machte und dem Team fortan wichtige Unterstützung von den Tribünen kosteten, auf einem Medienempfang anklingen, dass der beliebte Breitenreiter sein Schicksalsspiel ausgerechnet beim überragenden BVB bestreiten müsse. Eine faire Chance ist das eher nicht. Und Kinds offizieller Auftrag an den ebenfalls längst nicht mehr unumstrittenen Manager Heldt, alle verfügbaren Trainer für den sich abzeichnenden Notfall (Breitenreiters Entlassung) zu kennen (womöglich auch zu kontaktieren?), grenzt bei aller Offenheit an Chef-Mobbing.

Naive Sicht auf die Dinge

In so einer Situation soll Abstiegskampf erfolgreich gelingen? Das ist naiv. Zumal die Mannschaft ja nicht brutal unter ihren Möglichkeiten spielt. Selbst wenn der Kader der teuerste der Klubgeschichte ist (das sagt Kind), der beste ist er nicht, das war 19 Spieltage lang zu besichtigen. Mit Abwehrchef Salif Sané (FC Schalke 04), Mittelfeld-Antreiber Felix Klaus (VfL Wolfsburg) und Sturm-Wühlbüffel Martin Harnik (Werder Bremen) verließen wichtige Stammkräfte den Verein - qualitativ kompensiert wurde ihr Abgang nicht ansatzweise. Ihre Nachfolger Walace, Bobby Wood (beide HSV) und Kevin Wimmer (Stoke City) enttäuschten bislang total und konnten der auch verletzungsgeplagten Mannschaft keine Stabilität geben. Ebensowenig wie freilich Breitenreiter. Denn auch der Coach, der Hannover erst zurück in die Bundesliga führte und dann den Klassenerhalt schaffte, hat Fehler gemacht.

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Abwehrchef Salif Sané konnte nicht adäquat ersetzt werden.

(Foto: dpa)

Wiederholt hatte er öffentlich erklärt, dass der Kader des Tabellen-17. dringend Verstärkungen bräuchte. Das ist eine zwar ehrliche Einschätzung der Qualität, aber eben auch eine, die das Innenleben einer Mannschaft empfindlich stören kann. Denn sie suggeriert ja eine gewisse Untauglichkeit des vorhandenen Personals. Dass der Coach zudem Leistungsträger anzählte, etwa Stürmer Niclas Füllkrug, den er kurz zuvor noch zu einem ernsthaften Kandidaten für die deutsche Nationalmannschaft erhoben hatte, entspannte das Verhältnis zur Mannschaft mutmaßlich auch nicht wirklich. So berichtet das Portal "Sportbuzzer", dass der Coach zentrale Fürsprecher - hierarchisch wichtige Stützen - innerhalb des Teams verloren habe. Zudem gab es teaminterne Grabenkämpfe, die Breitenreiter erst unterschätzte - und dann nicht mehr in den Griff bekam. Auch der Mannschaftsrat scheiterte an der Wiederherstellung des Teamfriedens.

Weshalb die Frage bleibt: Warum hat der Klub nicht früher auf den sportlichen Absturz reagiert, womöglich schon in der Winterpause? Genug Argumente hatte man da bereits zusammen, die lieferte zum Beispiel der Blick auf die traurige Tabelle. Dem Nachfolger Breitenreiters - Peter Stöger, Felix Magath, Stefan Effenberg oder wie immer er auch heißen mag - wurden somit gleich zwei Chancen genommen: Der Mannschaft in der Vorbereitung neue Impulse zu geben - und sie eventuell auch noch verstärken zu lassen. So wird's vermutlich bei den Neuzugängen Kevin Akpoguma (talentierter Verteidiger aus Hoffenheim), Nikolai Müller (sehr verletzungsanfälliger Außenspieler aus Frankfurt) und Stürmer Jonathas (vorzeitiges Ende einer Leihe nach Brasilien) bleiben, wobei Hannovers Bosse sich ja auch in puncto Transfers herzlich widersprachen und amateurhaft agierten und kommunizierten. Viele Mittel für weitere Transfers sind beim klammen Klub nicht vorhanden - erst recht nicht nach der ausstehenden Millionen-Abfindung für Breitenreiter, dessen Vertrag vor dieser Saison bis 2021 verlängert worden war.

Quelle: ntv.de