Fußball

Langer Weg durch Institutionen Hertha-Boss Bernstein wird den Fußball nicht abfackeln

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Oben angekommen: Kay Bernstein.

(Foto: IMAGO/Matthias Koch)

Einige alte Männer sorgen sich um die Zukunft des Fußballs: Kay Bernstein ist neuer Präsident von Hertha BSC. Chaos-Tage drohen. Recht und Ordnung werden gegen Pyros und Gewalt eingetauscht. Dem ist nicht so. Der Weg der Ultras ist vielmehr vergleichbar mit dem einer aktuellen Regierungspartei.

Auf dem Boulevard geht die Angst um. Der Fußball ist in Gefahr! Wilde Ultra-Horden übernehmen die Macht in Vereinen, stecken die Stadien der Bundesliga an und schmieden perfide Pläne gegen die Klassenfeinde TSG Hoffenheim und RB Leipzig. In Zukunft wird es kaum noch möglich sein, mit der Familie ins Stadion zu gehen, ohne um sein Leben fürchten zu müssen. Die Bedrohung geht von Berlin aus. Natürlich. Der Chaos-Klub aus dem Westend bedroht das liebste Spiel der Deutschen. So sehen es zumindest die "Bild" und die "BZ".

Der Bundesliga-Verein Hertha BSC wird seit gestern von einem Präsidenten geführt, der sogar schon Stadionverbot hatte. Welch ein Schock für die reaktionären Kräfte. In den Führungsetagen der Vereine kannten diese Kräfte doch sonst nur wegen anderer Vergehen in die Schlagzeilen geratene Personen.

Jetzt eben ein als Ex-Ultra nur unzureichend eingeführter 41-Jähriger, der den seit 2019 in seine Einzelteile zerfallenden Klub einen will. Ob Kay Bernstein, dem Hertha-Fan aus der Kurve, dem Mitgründer Ultra-Gruppierung Harlekins '98 und heutigem Unternehmer, das gelingen wird? Wird die Zeit zeigen. Er tritt tatsächlich komplett unbedarft in eine neue Welt, wird lernen müssen, mit den Eitelkeiten der Branche umzugehen.

Vorreiter einer neuen Generation

Bernstein wird sich auch positionieren müssen und sich nicht auf das auf dem Boulevard vorherrschende Bild des "Pyro-Präsidenten" reduzieren lassen. Er ist nicht nur Präsident der organisierten Fans. Auch er wird mit Vorstand Fredi Bobic arbeiten und mit Investor Lars Windhorst kooperieren müssen. Fakten, die ihm bekannt sein dürften. Fakten, auf die er immer wieder hingewiesen hat und denen auch Windhorst nicht ausweichen will. Dessen Verhältnis zum alten Präsidium war ohnehin nicht mehr existent. Ein Neuanfang.

Fernab des Reinlichkeitsgebots von Vereinen wie RB Leipzig oder eben auch der TSG Hoffenheim hat sich in den vergangenen Jahren ein Wandel im Fußball vollzogen. Das Ankommen von Kay Bernstein an der Hertha-Spitze ist genauer betrachtet eine vollkommen normale Entwicklung, vergleichbar vielleicht mit dem Weg der Grünen in die Regierungsverantwortung. Die organisierten Fans haben längst erkannt, dass sie als APO mit ihren Protesten im Stadion zwar Gehör finden, aber immer auch als Gewalttäter abgetan werden. Sie haben sich neue Wege gesucht, um über die Zukunft des Spiels mitzubestimmen.

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Bernstein (m.) als Mitorganisator des Fankongress 2012.

(Foto: picture alliance / dpa)

Sie haben erkannt, dass man das alte Establishment des Fußballs herausfordern und das Spiel und die Vereine von innen heraus verändern kann. Bereits 2012 organisierte Bernstein den Fankongress in Berlin. Vertreter aller Fanszenen des Landes, aber auch Hannover-Präsident Martin Kind, Vertreter von Sky und DFB waren dabei, um über die Zukunft des deutschen Fußballs aus Sicht der Fans zu diskutieren.

"Fanvertreter in die Gremien", war für lange Zeit eine der Losungen in den Fanszenen. Längst sind sie weiter. Bernstein ist Präsident von Hertha BSC, bei Borussia Dortmund schiebt der ehemalige Fan-Aktivist und Ultra Jan-Henrik Gruszecki seit einiger Zeit als operative Kraft Veränderungen an. Sein Wort hat rund um das Westfalenstadion Gewicht. Sie sind die Vorreiter einer neuen Generation, die geduldig und beharrlich bleiben will. "Es bedeutet eine schwere Bürde, der erste zu sein, der aus der Ultra-Generation hervorspringt und diesen Weg geht", sagte Bernstein am Sonntag.

Gewaltige Aufgaben

Vor ihnen liegt ein langwieriger Prozess, der mit dem Protest auf den Tribünen und in den Kurven nicht vergleichbar ist, der jedoch langfristig gesehen ein nachhaltigerer sein kann. Er wird auch zu Momenten führen, in denen sich die ehemaligen Fanvertreter gegen ihre Vergangenheit stellen müssen.

Über der nun auf dem Boulevard ausgebrochenen Unruhe steht die Frage, wohin der deutsche Fußball will? Es geht um die großen Fragen. Ist 50+1 verhandelbar oder nicht? Findet das Spiel demnächst primär für ein Fernsehpublikum oder für ein Stadionpublikum statt? Kann sich das Spiel aus der sich immer schneller drehenden Eskalationsspirale der Gier nach mehr Geld und mehr Macht für die ohnehin bereits mächtigen Entscheider des Spiels befreien? Will es das überhaupt? Auch die Antworten der nun durch die Institutionen marschierenden Fanvertretern werden nicht immer befriedigend sein, auch sie wird die Zeit verändern. Auch sie werden ihre Anhänger irgendwann enttäuschen müssen.

Es ist gewiss nur Zufall, dass Bernsteins Wahl in das WM-Jahr 2022 fällt. Ein Turnier, an dem sich alles am Fußball nahezu verabscheuungswürdige Verhalten manifestiert. Die Eliten haben das Spiel verkauft, die Fans arbeiten daran, sich ein Stück zurückzuholen. Das passiert nicht nur in Berlin und in Dortmund, sondern auch auf Schalke. Dort hatten die Anhänger einen entscheidenden Anteil am Sturz des Patriarchen Clemens Tönnies. Sie werden gehört. Ein erster Schritt.

Auch der von Bernstein und den Hertha-Mitgliedern gemachte Schritt ist nur einer der Veränderung. Es ist keiner, der den Fußball über Nacht verändern wird und der Angst auslösen muss. Es ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass die Fans das Spiel nicht aufgegeben haben. Sie lieben das Spiel so sehr, dass sie Verantwortung übernehmen wollen. Das sind in erster Linie gute Nachrichten.

Quelle: ntv.de

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