Fußball

Sechs Jahre nach Coming-Out Hitzlspergers Beispiel zu folgen bleibt schwer

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Vor sechs Jahren vollzog Thomas Hitzlsperger ein öffentliches Coming-Out: Seitdem hat sich viel getan, aber noch nicht genug.

(Foto: imago images/Sportfoto Rudel)

Vor genau sechs Jahren macht Thomas Hitzlsperger seine Homosexualität öffentlich. Besonders im Amateurbereich sorgt das für positive Veränderungen. Bei den Profis herrscht aber nach wie vor viel Angst - Homosexualität ist im Fußball noch lange nicht selbstverständlich.

"Ich wurde von vielen gewarnt", schrieb Thomas Hitzlsperger am Mittwoch auf Twitter über sein Coming-Out im Januar 2014. "Aber ich bin froh, dass ich aufgehört habe zu fragen und stattdessen tat, was ich für richtig hielt." Sein Schritt habe ihm gezeigt, dass er auch ohne Verbiegen ein Jemand sein könne. Der Zuspruch in den sozialen Medien für den VfB-Boss ist groß, mehr als 27.000 Personen haben seinen Beitrag mit einem Like versehen.

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Sechs Jahre ist es her, seitdem sich mit Hitzlsperger der erste und bislang einzige Ex-Nationalspieler öffentlich zu seiner Homosexualität geäußert hat. Weitere Profis oder Ex-Profis folgten seinem Vorbild in Deutschland nicht. "Nach fast zehn Jahren unserer Basisarbeit sehen wir langsam Verbesserungen", sagt Christoph Rudolph, Mitinitiator von Fußballfans gegen Homophobie, gegenüber ntv.de. "Auch seit dem Coming-Out von Thomas Hitzlsperger hat sich das Klima sichtbar positiv verändert. Allerdings sind wir noch weit weg davon, dass Homosexualität im Fußball selbstverständlich ist."

Homosexualität ist in den oberen Ligen auch in den Jahren nach Hitzlspergers Schritt an die Öffentlichkeit noch ein Tabu, die erhoffte Trendwende setzte nicht ein. "Ein Coming-Out bedarf eine große Menge Mut", sagt Rudolph, "wir wollen den Spieler die Angst nehmen." Ein Coming-Out würde zwar wohl nie komplett geräuschlos ablaufen, besonders in den sozialen Medien müsste man mit negativen Kommentaren rechnen, "aber die große Mehrheit in Deutschland würde positiv reagieren."

"Bereitschaft für Veränderung ist größer geworden"

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Dass Fußballdeutschland Homosexualität weitaus offener gegenüber steht als noch vor zehn Jahren, zeigt der Fall des seit Oktober 2019 aktiven Twitter-Users mit dem Namen "gay_Bundesligaspieler", der behauptet, ein Zweitligaprofi zu sein und sich outen zu wollen. Er erhielt viel Zuspruch, auch von Bundesligavereinen. Aber im Dezember schrieb der User: "Sorry, ich dachte ich wäre stärker. (...) Ich wollte ja herausfinden, ob ich dem Druck standhalten kann." Ein Outing blieb auch im Januar aus, auf dem Twitter-Profil ist nun zu lesen: "Ich bin nicht zu schwach mich zu outen (Quatsch), sondern der Sport ist viel zu homophob! Nehmen wir z.B. die mangelnde Rückendeckung des DFB: Der DFB geht bis jetzt meines Wissens nicht auf meinen Vorschlag einer externen AGG-Beschwerdestelle gegen Diskriminierung ein."

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – umgangssprachlich auch Antidiskriminierungsgesetz genannt – schützt gegen "Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität". Mittlerweile schätzen viele User den Account von "gay_Bundesligaspieler" allerdings als Fake ein. Wer sich dahinter verbirgt, wird vielleicht nie aufgelöst, dass aber die Strukturen in Deutschland schwule Fußballer noch nicht genug unterstützen, ist eine Tatsache.

"Die Fußballverbände und der DFB sollten ihren Vorbildcharakter ernst nehmen und alle ihre Mitglieder mitnehmen", erklärt Rudolph. "In den letzten Jahren ist da leider nicht viel passiert." Aber 2019 hätte der DFB für positive Aktionen mit der Regenbogen-Fahne und den All-Gender-Toiletten bei Länderspielen gesorgt. Auch die Einführung des diversen, dritten Geschlechts im Berliner Fußballverband sei positiv zu bewerten, so der Mitinitiator der Initiative: "Die Bereitschaft für Veränderung ist weitaus größer geworden. Aber für einen richtigen Schritt nach vorne bräuchte es Profis, die sich outen. Der Weg könnte zunächst über ehemalige Profis gehen, das ist realistischer und wäre sehr wichtig für die Sichtbarkeit der Debatte."

"Schwul wird immer noch mit schwach gleichgesetzt"

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Unisex-Toiletten gab es etwa beim Länderspiel Deutschland gegen Serbien im März 2019.

(Foto: imago images / Pressefoto Baumann)

Im Dezember hatte Trainer Julian Nagelsmann von RB Leipzig die Debatte über den Umgang mit homosexuellen Fußballern wieder angestoßen. "Sollte ein homosexueller Spieler mir sagen, ich bin nicht frei und kann mich auch in meiner Leistung nicht entwickeln, würde ich ihm sagen: 'Oute dich, steh' dazu!'", hatte er gesagt. Nagelsmann betonte aber auch, dem Spieler im umgekehrten Fall davon abzuraten: "Der Fußball geht noch immer nicht offen damit um." Solche konkreten Statements von prominenten Figuren im Fußball sind so selten wie wichtig. Trainer, Nationalspieler und Funktionäre sollten sich ein Beispiel daran nehmen und unmissverständlich klarstellen, dass schwule Fußballer in ihren Mannschaften vollwertige (Mit)Spieler wären, logischerweise genauso zweikampfstark, technisch versiert oder motiviert kicken können wie heterosexuelle Fußballer und sich keine Sorge um ihren Platz im Team machen müssten.

"Aber schwul wird immer noch mit schwach gleichgesetzt und homosexuelle Spieler haben Angst, nach einem Coming-Out nicht mehr aufgestellt oder als gute Fußballer betrachtet zu werden", sagt Rudolph. "Solche subtilen, unterschwelligen Botschaften sind schwer für schwule Fußballer." Zurecht wird der Fußball immer wieder als ein verbindendes Element gelobt - aber aufgrund des Leistungsgedanken hat er auch immer etwas Ausschließendes.

Thomas Hitzlsperger hat mit seinem mutigen Schritt vor sechs Jahren Positives angestoßen. Aber die überfällige Bewegung findet hauptsächlich bei den Amateuren statt, der Profibereich bleibt stumm oder gibt PR-vorgefertigte Statements ab. "An der Basis haben wir viel Diversität, aber ansonsten sind die Verbände hauptsächlich weiß, männlich und hetero", sagt Rudolph dazu, wer im Fußball die Fäden zieht. "Dadurch werden die vorherrschenden Bilder weiter befördert." Es bleibt noch viel zu tun, damit die alten Fußball-Krusten aufbrechen.

Quelle: ntv.de