Fußball

Sein letztes Spiel auf Schalke Huub Stevens ist froh, dass es vorbei ist

imago40188640h.jpg

Huub Stevens ist Schalkes "Jahrhunderttrainer". Seine dritte Amtszeit in Gelsenkirchen konnte der Holländer aber selten genießen. Am Ende steht immerhin der Klassenerhalt.

(Foto: imago images / DeFodi)

Mit 65 Jahren ist nun Schluss für Huub Stevens. Der Schalker Jahrhunderttrainer darf sich im Heimspiel der Fußball-Bundesliga gegen Stuttgart von seinen Fans als Retter feiern lassen. Danach ist Erholung angesagt für einen Mann, der nach zwei Monaten sichtlich mitgenommen wirkt.

Der Mann kann wieder lachen. Er ist sogar zu Scherzen aufgelegt. Das Gespräch vor dem Fußballspiel in der Bundesliga zwischen dem FC Schalke 04 und dem VfB Stuttgart am Samstag (ab 15.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) hätte rekordverdächtig kurz werden können, hätte Huub Stevens seine Absicht, das Podium schon nach Sekunden wieder zu verlassen, in die Tat umgesetzt. Weil sich die Journalisten mit ihrer ersten Frage seiner Ansicht nach zu viel Zeit ließen, stand der Trainer der Gelsenkirchener auf und sagte: "Keine Fragen? Dann kann ich ja wieder gehen." Gleich darauf aber strahlte der 65 Jahre alte Niederländer und hatte sichtlich Freude an seinem gelungenen Bonmot, bevor die Talkrunde dann doch ihren ordentlichen Verlauf nahm.

Keine Frage: Stevens wirkte wohl selten so gelöst wie in diesen Tagen. Seit dem 4:2-Sieg in Dortmund geht das nun so. Und erst recht, seitdem Gewissheit herrscht, dass die Blau-Weißen auch in der kommenden Spielzeit erstklassig sein werden. Viele sagen, das sei sein Verdienst. Er habe den Schalker Sturz gestoppt, der den Tabellenzweiten der vorangegangenen Saison bis tief in den Tabellenkeller trudeln ließ. Mitte März zogen die Verantwortlichen die Reißleine, beurlaubten den glücklosen Domenico Tedesco und baten Stevens zu übernehmen. "Wenn Schalke dich braucht, dann sagst du nicht nein."

"Schwerste Aufgabe meiner Karriere"

Er hatte eine Mission, und die hat er am Ende erfüllt. Seine Aufgabe war gewaltig, aber er hat sich ihrer mit Erfolg entledigt. Oder das, was man in dieser tristen Saison am Schalker Markt Erfolg nennt, denn allein im Kampf gegen den Abstieg zu bestehen, entspricht nicht dem Selbstverständnis dieses großen Vereins und seiner leidensfähigen Anhänger. Wie schwer diese Aufgabe zu bewältigen war, und wie sehr sie ihm zu schaffen machte, hat wohl auch Stevens nicht überblicken können. Das kam erst im Laufe der Wochen, als ihm offenbar wurde, in welch grauenhaftem Zustand jenes Kollektiv war, mit dem er nun täglich auf dem Platz stehen und arbeiten musste. "Die Aufgabe war schwer, wahrscheinlich sogar die schwerste in meiner Karriere. Wir alle sind glücklich und glimpflich davongekommen. Und ich bin froh, sagen zu können, dass es vorbei ist."

Die letzten zwei Monate haben viel Kraft gekostet. Das ist ihm anzusehen. Vergleicht man Fotos aus dem März mit aktuellen, so können diese zwei Gesichter nicht mehr zur Deckung gebracht werden. Stevens hat Gewicht verloren, "und nicht, weil ich weniger gegessen habe", sagt er. Schuld sei der immense Stress gewesen, der von der verfahrenen Situation auf Schalke ausging. Auch wenn ihm, mit Verlaub, dieses leicht Ausgezehrte gut steht, braucht der Mann eine Pause. "Ich werde in den Aufsichtsrat zurückkehren", sagt er. "Aber sicher nicht sofort. Ich brauche nun Zeit und Abstand, um mich zu erholen."

imago40088645h.jpg

"Das macht unsere Saison nicht wieder gut": Stevens in Dortmund.

(Foto: imago images / VI Images)

Wie schwer seine Aufgabe tatsächlich war, davon erzählt die Bilanz seiner Ergebnisse vielleicht die offensichtlichste Geschichte. In den neun Spielen gelangen gerade mal zwei Siege, einer davon glücklich in Hannover mit 1:0, und einer beim Rivalen Borussia Dortmund mit 4:2; nur das der mit allem aufgeladen war, was Fußball so bewegend macht: Schalke entkommt dem Abstieg, vermasselt dem BVB womöglich die Meisterschaft, rettet in den Augen vieler Fans eine vergurkte Saison und nimmt erfolgreich Revanche für 2007, als der BVB die Schalker am vorletzten Spieltag aus allen Titelträumen riss. Die Bedeutung dieses Triumphes hat Stevens zwar stets heruntergespielt ("Das macht unsere Saison nicht wieder gut."), doch in den Tagen danach gab er sich sichtlich gelöst.

In den Wochen davor war Stevens keiner Kontroverse aus dem Weg gegangen. Er hatte sich mit den Schiedsrichtern angelegt, mit den Journalisten und selbst mit einigen Spielern wie Nabil Bentaleb und Amine Harit, die er prompt suspendierte. Er hat gehobelt, und es fielen Späne. Viele Erkenntnisse habe er in dieser Zeit sammeln und tiefe Einsichten gewinnen können. "Davon bin ich voll", sagt er. "Und das werde ich nun intern mit den Leuten besprechen, die damit etwas anfangen können."

Mit Wagner "gemütlich über Schalke geredet"

Zum Beispiel sein Nachfolger David Wagner, dem er keinen scheckheftgepflegten Bundesligisten übergeben wird. Der einstige Eurofighter, dem nachgesagt wird, sich seiner Spieler eher über persönliche Ansprache und Ausstrahlung zu nähern, denn über die Theorie, steht bereits in engem Austausch mit seinem ehemaligen Vorgesetzten. Stevens sagt: "Wir haben uns getroffen, hatten ein angenehmes Gespräch und haben gemütlich über Schalke geredet. Nun, da der Abschied mit dem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart naht und eine große Trainerkarriere wohl endgültig endet, spürt er eine Mischung aus Erleichterung und Wehmut. Man spürt es förmlich, dass er diese letzten Tage in vollen Zügen genießt."

Auch, weil ihm, der Mannschaft, dem Klub und der gewaltigen, bundesweit verstreuten Anhängerschaft der Showdown in Form zweier Endspiele in der Relegation erspart bleibt. Dennoch hat er einen letzten, wenn auch nicht mehr sehr bedeutsamen Auftrag. "Der Derbysieg", sagt er, "war nur ein Pflaster auf diese Saison. Jetzt wollen wir im letzten Spiel ein zweites Pflaster darüber kleben". Ob und wie er sich denn von seinen Fans, die ihn einst zum Schalker Jahrhunderttrainer gekürt hatten, verabschieden werde, war die letzte Frage des Tages. "Ja, sicher, aber so wie ich das immer tue: nicht übertreiben. Das passt nicht zu mir." Aber vielleicht gelingt ihm ein Heimsieg, bevor der letzte Vorhang für ihn fällt. Denn in der Gelsenkirchener Arena ist Stevens in seiner dritten Amtszeit noch immer ohne Dreier.

Quelle: ntv.de