Fußball

Anspruch und Wirklichkeit der 3. Liga Klubs tanzen auf der Rasierklinge

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Der FC Ingolstadt musste sich 2009 aus der 2. Bundesliga verabschieden, schaffte aber den direkten Wiederaufstieg.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Sportlich bietet die dritte Fußball-Liga packende Traditionsduelle und den ein oder anderen Spieler, der auch Bundesligisten gut zu Gesicht stehen würde. Finanziell stellt sie für immer mehr Vereine einen finanziellen Kraftakt dar, der kaum zu bewältigen ist. Den hohen Auflagen stehen nur spärliche Einnahmen gegenüber.

Nüchtern geht es unmittelbar nach einem Aufstieg selten zu. In Osnabrück brachen am 25. Mai aber alle Dämme. Durch 200 nervenaufreibende Minuten Relegation hatten sich die Fans von Dynamo Dresden gequält. In beiden Playoff-Partien waren die Elbestädter einem Rückstand hinterhergerannt. Vorangegangen waren 38 Spiele, die der Anhängerschaft die volle Bandbreite zwischen Träumerei und Frust lieferten.

Und dann noch das Vorjahr: Am 19. März 2010 hatten die Dynamo-Fans ähnlich bange Minuten durchlebt wie in den Spielen gegen den VfL Osnabrück. Damals entschied sich die Zukunft des Vereins im Rathaus. Dresden spielte zwar im hochmodernen Glücksgas-Stadion, konnte sich dafür jedoch die Miete nicht leisten und stand folglich kurz vor der Insolvenz. Erst die vom Stadtrat bewilligten Zuschüsse von rund 1,2 Millionen Euro brachten die vorläufige Rettung, sicherten den Dresdnern auch die Saison 2010/2011.

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Der Aufstieg war für Dynamo Dresden fast schon eine Notwendigkeit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vielleicht war es neben dem Alkohol auch die Erinnerung an jenen Schicksalstag, die nach dem 3:1 von Osnabrück dem Grölen der Dresdner Fans seine besonders eindringliche Note verlieh. Denn ein Verbleib in Liga drei hätte wohl nicht nur das leidige Thema der Stadionmiete erneut aufgeworfen. Ein dickes Plus hat Dynamo in Deutschlands dritter Profiliga sicher nicht erwirtschaftet. Nicht in der Spielklasse, die Hajo Sommers, Präsident des Zweitligaabsteigers Rot-Weiß Oberhausen, gegenüber dem Fachblatt "Reviersport" wenig liebevoll als "Pleiteliga" bezeichnete.

Hohe Auflagen vs. kleine Prämien

Bürgschaften in Höhe von 2,045 Millionen Euro hätten die Sachsen nachweisen müssen. "Es ist eine Herkulesaufgabe. Wenn die Stadt oder die städtischen Unternehmen uns nicht helfen, ist es aussichtslos", hieß es dazu von Dynamo-Geschäftsführer Volker Oppitz. In der zweiten Liga wird sich die Summe halbieren – logischerweise. Dort "hängt das Fallnetz einfach höher", erklärt Bernd Hofmann, Vorstandsvorsitzender des Zweitligaaufsteigers FC Hansa Rostock im Interview mit n-tv.de und bezieht sich auf die Einnahmen, die den Vereinen dort winken.

Was der DFB vor drei Jahren aus der zweigleisigen Regionalliga zu einer dritten Profiliga vereinte, kann sich derweil nur in Sachen Anforderungen mit der zweithöchsten Spielklasse messen. 10.000 Fans müssen in den Arenen der Vereine Platz finden, 2000 von ihnen sollten sich setzen können. Wie in den beiden oberen Ligen müssen die Klubs Vorkehrungen für sogenannte "Sicherheitsspiele" treffen und bei der hohen Derby-Dichte ist das auch nicht unbedingt selten der Fall.

Die sicher nicht überzogenen Stadionvorschriften sind für Klubs wie Dresden oder Rostock kein Problem. Die Finanzierung der Unterhaltskosten dagegen schon. Das zeigt nicht nur das Beispiel der Elbestädter. "Ein Verein wie Hansa, dessen Stadion privatwirtschaftlich betrieben wird, bezahlt allein dafür etwa eineinhalb bis zweieinhalb Millionen Euro. Das ist mehr als das Dreifache von dem, was er durch TV-Gelder einnimmt", erklärt Hansa-Boss Hofmann. "Im TV-Bereich fällt man als Zweitliga-Absteiger von vier Millionen auf etwa 750.000 Euro, die Zuschauereinnahmen sind geringer, weil zumindest die Eintrittskartenpreise sinken. Und da man nicht über das nötige TV-Vermarktungspotential verfügt, schrumpfen natürlich auch die Sponsorengelder", so Hofmann weiter.

Ein Teufelskreis

Gerade Teams mit professionellen Strukturen haben also am Dasein in Liga drei zu knabbern. Sollen aus den modernen Arenen keine Millionengräber werden, ist der Aufstieg in die 2. Bundesliga Pflicht, können doch dort zumindest die Unterhaltskosten problemlos aus dem TV-Topf finanziert werden. Dabei genießen Klubs wie Dresden oder Hansa zumindest noch den Vorteil eines hohen Zuschauerzuspruchs. 2010/2011 strömten im Schnitt etwa 17.000 Fans in das Glücksgas-Stadion und fast 15.000 in die DKB Arena. Wohl der Schlüssel zu Bürgschaften und einer Perspektive im Profifußball.

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Ein Zuschuss der Stadt Potsdam sorgte beim SV Babelsberg für sonnigere Gemüter.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das hohe Fanaufkommen und die damit verbundene höhere Sponsorennachfrage sind das Produkt einer jahrzehntelangen Entwicklung. Eine Entwicklung, die Vereinen wie dem Beinahe-Zwangsabsteiger SV Babelsberg 03 sowie den kollabierten Rot Weiss Ahlen und TuS Koblenz schon jetzt vergönnt scheint. Obwohl die Vereine über Zweitligaerfahrung verfügen, fehlen ihnen Tradition und Einzugsgebiet, um auch in unteren Ligen einen breiten Anhang zu mobilisieren. In der vermeintlichen dritten Profiliga wollten sich durchschnittlich nicht einmal 3000 Zuschauer die Spiele von Babelsberg und Ahlen ansehen. Koblenz lockte immerhin fast 5000 pro Spiel ins Stadion Oberwerth.

Wahrscheinlich würden sich Fanbasis und Sponsorenpool bei einer stetigen Verbesserung in der Dritten Liga langsam verbreitern. Das 10.000-Mann-Stadion könnte sich irgendwann lohnen und der Steuerzahler würde nicht mehr über Finanzspritzen von Bundesländern und Kommunen klagen. Da man sich die Liga jedoch nicht leisten kann, wird es auf lange Sicht wohl weder in Brandenburgs Hauptstadt noch an der Werse einen Zuspruch wie in Dresden und Rostock geben. Ein Teufelskreis: Die Vereine brauchen Sponsoren und Fans, um sich die Dritte Liga leisten zu können, die wiederum wollen sich zunächst aber mindestens durch eine längere Präsenz in dieser Spielklasse überzeugen lassen.

Widerspruch in der Jugendförderung

Natürlich darf nicht nur die Struktur der noch jungen Liga als Argument für die erhöhte Gefahr von Vereinspleiten herhalten. So erholte sich Dresden nur langsam von der Misswirtschaft der frühen 1990er Jahre. In der abgelaufenen Saison brachten die beinahe schon obligatorischen Führungsquerelen den Klub-Berater Reiner Calmund in Rage: "In der Winterpause steht man auf einem guten fünften Platz, intern ist Ruhe eingekehrt. Da sitze ich mit meinem kleinen iPad in Asien und denke ich sehe nicht richtig: Respektlosigkeit, Minenleger und jeder wirft dem anderen ein Bömbchen in den Garten." Die Klubführung von Carl-Zeiss Jena verwies 2010 in einer Erklärung des Vereins ausdrücklich auf die Misswirtschaft der Vorgänger-Leitung. 2011 mussten die Thüringer zum wiederholten Male in die Verlängerung am Verhandlungstisch, um die Drittligalizenz zu erhalten. Vielleicht spielte dabei auch eine Rolle, dass sich der Verein in der gerade beendeten Saison gleich drei Trainer gönnte.

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Toni Kroos wechselte mit 15 Jahren in die Jugendabteilung FC Bayern München. Davor hatte er die Rostocker Nachwuchsakademie durchlaufen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der eine oder andere Klub mag sich zudem bei Spielerkäufen übernommen haben, statt auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Allerdings leidet die Brieftasche auch unter qualitativ hochwertiger Jugendförderung, weil der Deutsche Fußball Bund sie nicht zu würdigen weiß. Rostock stieg nicht zuletzt auf Grund der guten Leistungen seiner U23-Spieler auf. 2010 ergatterte der Klub die deutsche A-Jugendmeisterschaft, Sturmtalent Felix Kroos wechselte damals zu Werder Bremen. Und sein Bruder Toni ist der wandelnde Beweis dafür, dass auch die Nationalmannschaft von der Hansa-Nachwuchsschule profitiert.

Eine Prämie für das vereinseigene Nachwuchsleistungszentrum "steht jedoch nur Erst- und Zweitligisten zu – in der Dritten Liga gibt es gar nichts", erklärt Bernd Hofmann und gibt zu bedenken: "Im Endeffekt ist es schon kurios, dass eine der Anforderungen, die ein Drittligist nicht erfüllen muss, die Existenz eines Nachwuchsleistungszentrums ist. Normalerweise müsste doch gerade der Verein, der über wenig Geld verfügt, seinen Nutzen aus der Jugendarbeit ziehen."

DFB und Vereine in der Pflicht

In Hinblick auf die Nachwuchsförderung muss der DFB seine Politik ändern, sollen förderungswillige Vereine ihr löbliches Konzept weiterverfolgen. Zudem könnte ein Ligasponsor, den der Verband seit gut drei Jahren verspricht, für finanzielle Entlastung sorgen. Selbst wenn die TV-Gelder in Liga drei die sämtlicher europäischer Pendants übersteigen, sind sie zu niedrig, bedenkt man die empfindlich hohe Stadionmiete, die einige Klubs zu zahlen haben. Nur schwer nachvollziehbar ist außerdem, dass noch immer die zweiten Mannschaften von höherklassigen Vereinen mitmischen dürfen. Denn was nützen große Stadien, wenn der Auswärtsblock bei Duellen gegen Bremen II auch geschlossen bleiben könnte? Die Talente der großen Klubs können sich wohl auch in einer Reserveliga, wie sie die Bundesliga einst hatte und wie sie in England noch immer existiert, entwickeln.

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Für DFB-Präsident Theo Zwanziger zählt die Dritte Liga "zum Besten, was der Fußball in Deutschland zu bieten hat". Die Klub-Bosse teilen diese Ansicht mit Blick auf die Finanzen eher nicht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Doch ohne Frage sind auch die Teams selbst gefordert. Sich Jahr für Jahr auf öffentliche Gelder zu verlassen, kann kein Ausweg aus der Zwickmühle sein und ist zudem dem Steuerzahler nur schwer vermittelbar. Realistische Planungen und eine sorgfältige Spielersichtung sollten eine Grundvoraussetzung sein. Jedoch wird man auch neue Wege gehen müssen. Rostock beispielsweise hat durch die Kleinsponsoren-Aktion "3>2>1 für den Erfolg des Vereins" bisher fast eine Viertelmillion Euro eingenommen. Jena verkauft Plätze in einem virtuellen Stadion und macht seine Fans so zum Teil eines Weltrekordversuchs. Wie schon erwähnt, bedarf es für solche Aktionen jedoch einer breiteren Fanbasis, weswegen sie nicht für jeden Verein uneingeschränkt kopierbar sind.

Dynamo Dresden dürfte fürs Erste gerettet sein. Fürs Erste. Denn sollten die Sachsen in der übernächsten Saison erneut in Liga drei landen, rückt wohl auch der Gang ins Rathaus wieder in bedrohliche Nähe. Da macht es vor allem Sinn, sich in der Führungsriege als Einheit zu präsentieren und sich auf Rückschläge vorzubereiten. Die Mannschaft hat es in Osnabrück vorgemacht.

Quelle: n-tv.de

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