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Spiel in USA als Fluchtchance Kubas Fußballer suchen Weg in die Freiheit

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Alejandro Portal und Kapitän Yordan Santa Cruz setzten sich nach 0:6-Niederlage in Kanada vom kubanischen Nationalteam ab.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Von Kuba sind es bis zum Südzipfel Floridas nur 150 Kilometer. Für viele Kubaner sind die USA trotzdem unerreichbar. Um der Armut in der Heimat zu entkommen, nutzen Fußballer immer wieder Länderspiele zur Flucht. In der Nacht auf Samstag treten sie wieder in den USA an.

Heute werden sie in Kubas Fußball-Nationalmannschaft wieder etwas angespannter sein. Die Verantwortlichen wie Trainer Pablo Elier Sanchez zum Beispiel. Denn heute ist wieder Länderspiel. Nations League. Die Kubaner treten gegen die USA an (Samstag, 1 Uhr deutscher Zeit). Doch der Gegner ist eher zweitrangig. Der Austragungsort hingegen, der macht diese Dienstreise so brisant. Gespielt wird in Washington D.C. Doch es hätte genauso gut Los Angeles, Chicago, New York oder ein namenloser kleiner Ort irgendwo im Nirgendwo von, sagen wir mal, North Dakota sein können. Sanchez und sein Trainerteam sowie die kubanischen Offiziellen wären genauso nervös.

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Denn Auswärtsspiele in den USA oder auch Kanada bereiten dem kubanischen Verband immer Sorgen. Das Team reist zwar geschlossen an, aber nur selten auch komplett wieder zurück. In den vergangenen 17 Jahren haben 44 Spieler diverser kubanischer Auswahlteams derlei Partien zur Flucht genutzt. Erst vor einem Monat waren fünf Spieler nicht vom Auftaktspiel der Nations League in Toronto gegen Kanada heimgekehrt. David Urgelles und Orlendiz Benitez hatten sich bereits vor der Partie abgesetzt - Alejandro Portal, Andy Baquero und Kapitän Yordan Santa Cruz folgten nach der 0:6-Niederlage.

Zwölf Nachwuchsspieler flüchten in Florida

Im Juni war der damalige Spielführer, Yasmani Lopez, nach dem ersten Gruppenspiel der Kontinentalmeisterschaft des Verbandes für Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik, Concacaf, in Los Angeles gegen Mexiko geflüchtet. Beim Concacaf-U20-Turnier waren im November 2018 sogar zwölf Akteure in den USA geblieben. Dabei ist es für Kubaner dort nicht mehr so leicht wie noch vor einigen Jahren. Im Januar 2017 wurde das "wet feet, dry feet"-Gesetz als eine der letzten Amtshandlungen von Präsident Barack Obama abgeschafft. Diese Verordnung hatte besagt, dass Kubaner, die auf dem, Wasserweg zwischen beiden Ländern erwischt werden, zurück in ihre Heimat müssen. Sollten sie jedoch US-amerikanischen Boden betreten, können sie dort Asyl beantragen. Unter dem jetzigen Amtsinhaber, Donald Trump, hat sich die Lage noch verschärft. Er will illegal eingewanderte Immigranten bekanntlich ausweisen.

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Aroldis Chapman hält mit 169,1 km/h den Rekord für den schnellsten Pitch der in der Geschichte der Major League Baseball. Der gebürtige Kubaner floh 2009 aus seiner Heimat in die USA und spielt aktuell bei den New York Yankees.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Wenn in der Vergangenheit kubanische Sportler aus ihrer Heimat geflohen sind, waren es meist Baseballer. Die haben weltweit einen ebenso guten Ruf wie die Boxer. Und in der Major League Baseball hat es schon immer Klubbesitzer gegeben, die für einen Kubaner tief in ihr Portemonnaie griffen. Viele Spieler verließen ihre Heimat auf riskante Weise per Boot, unterstützt von Schmugglern, die sich ihre Dienste bestens bezahlen ließen. Die Reputation von Kubas Fußballern hingegen reicht kaum über die heimischen Bolzplätze hinaus. Für sie würden Schlepper-Banden keine nächtliche Flucht über das Wasser riskieren. Der Ertrag wäre viel zu gering. So bleiben Kubas Kickern oft nur Länderspielreisen, um in die Freiheit zu kommen.

Gold Cup als goldene Gelegenheit

Vor allem der 1991 eingeführte und alle zwei Jahre in den USA ausgetragene Gold Cup ist eine gute Gelegenheit. 1998 war Kuba erstmals bei der Meisterschaft des Concacaf-Verbandes dabei, seit der Jahrtausendwende sind acht weitere Teilnahmen hinzugekommen. 2015 war Nationaltrainer Raul Gonzalez mit einem 19er Kader angereist. Doch nach den drei Vorrundenspielen fehlten vier Akteure. Stürmer Keyler Garcia war bereits vor der Auftaktpartie gegen Mexiko in Chicago weg - und tauchte sechs Tage später im Studio des spanisch-amerikanischen TV-Senders Univision auf, um Kubas letztes Gruppenspiel gegen Guatemala zu analysieren.

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"Wir können die Spieler aber schließlich nicht in Handschellen in ihren Hotelzimmern anketten", sagte Reinhold Fanz. Der deutsche Trainer war 2008 knapp neun Monate lang kubanischer Nationalcoach.

(Foto: imago sportfotodienst)

"Die Spieler, die nicht mehr hier sind, haben für uns keine Bedeutung, denn sie haben sich entschieden, ihren eigenen Weg zu gehen", meinte Gonzalez trotzig. Auch mit verkleinertem Kader erreichte sein Team das Viertelfinale - und traf dort auf die von Jürgen Klinsmann trainierten US-Amerikaner. "Wir wissen, dass Kuba einiges durchmachen musste und deshalb haben wir eine große Bewunderung, wie sie damit umgehen", sagte Klinsmann vor der Partie. Seine Mannschaft zeigte sich beim anschließenden 6:0-Sieg weniger diplomatisch.

"Können Spieler nicht in Handschellen anketten"

2008 hieß Kubas Nationaltrainer Reinhold Fanz. Der ehemalige Bundesligaprofi hatte Lutz Pfannenstiel als Torwarttrainer gleich mitgebracht. Nach einer 1:6-Niederlage in Washington gegen die USA war die Amtszeit jedoch vorbei. Bereits vor dem Spiel hatten sich Stürmer Reynier Alcantara und Mittelfeldspieler Pedro Faife abgesetzt und um politisches Asyl gebeten. Fanz hatte somit nur noch 16 Spieler zur Verfügung. "Sie haben ihre Mannschaft betrogen, weil sie den Anreizen des westlichen Geldes erlegen sind", wüteten die staatlichen Medien daheim.

Kurz zuvor waren bereits sieben Akteure der U23-Auswahl bei einem Gastspiel in Tampa/Florida geflüchtet. "So etwas ist für ein kubanisches Team natürlich immer ein Problem", betonte Fanz und ergänzte etwas hilflos: "Wir haben Sicherheitsvorkehrungen, können die Spieler aber schließlich nicht in Handschellen in ihren Hotelzimmern anketten."

Im Supermarkt abgesetzt

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Osvaldo Alonso spielte 17-mal für Kuba, bevor er sich in die USA absetzte. Mittlerweile hat er mehr als 300 Spiele in der MLS absolviert und besitzt die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

(Foto: imago images/Icon SMI)

Kubas bekanntester Fußball-Flüchtling ist Osvaldo Alonso. Der defensive Mittelfeldspieler hatte den Goldcup im Juni 2007 genutzt, um abzuhauen. Vor dem Spiel gegen Honduras in Houston war Alonso zusammen mit anderen Mitspielern in einen Supermarkt gegangen. Dann verließ der damals 21-Jährige den Laden unbemerkt, lief orientierungslos durch die Straßen, bis er einen Passanten traf, der Spanisch sprach. Alonso bat um dessen Telefon, um einen Freund in Miami anrufen zu können. Seit 2008 spielt er in der MLS und hat seit 2012 die US-Staatsbürgerschaft.

Und dann gibt es noch das Beispiel des Luis Paradela. Er spielt für Reno 1868 FC aus dem Bundesstaat Nevada in der zweitklassigen USL Championship. Offensivmann Paradela ist ausgeliehen von Universidad de San Carlos in Guatemala. Und obwohl er in den USA arbeitet, trägt Paradela heute in Washington Kubas Nationaltrikot. Denn der 22-Jährige hatte nach dem Gold Cup im Sommer ein Visum beantragt. Laut der Tageszeitung "Washington Post" sei "anzunehmen, dass Paradela der einzige kubanische Athlet ist, der sich in den vergangenen 60 Jahren mittels eines Visums einem US-Sportteam anschloss". Jeder treffe seine eigene Wahl, sagt Paradela. Und nein, er wolle kein Einzelbeispiel bleiben, sondern vielmehr der Beginn einer Gelegenheit für den kubanischen Fußball sein.

Kreieren, ohne zu fliehen

"Wir haben gute Talente auf Kuba. Und wir hoffen, dass sie auf dem rechten Weg bleiben. Je mehr Kubaner in anderen Ligen spielen, desto besser wird auch die Nationalmannschaft", sagt Paradela. Reno-Manager Doug Raftery betont, Paradela hoffe, "etwas zu kreieren, ohne zu fliehen." Und Paradela habe, so Raftery, "mehrfach deutlich gemacht, auch künftig nicht umziehen und Asyl beantragen zu wollen", um so weiterhin für sein Land spielen zu können. Denn wer flieht, ist für den kubanischen Verband tabu. Paradelas US-Visum ist vorerst bis zum Saisonende ausgestellt. Man werde sich anschließend zusammensetzen und über einen Vertrag für die kommende Spielzeit sprechen, heißt es von Vereinsseite. Zumindest um Paradela muss sich Nationaltrainer Sanchez heute in Washington wohl keine Sorgen machen.

Quelle: n-tv.de

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