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Die Neue Tretjakowgalerie lädt ein zur Ausstellung "Nicht nur Fußball".
Die Neue Tretjakowgalerie lädt ein zur Ausstellung "Nicht nur Fußball".
Freitag, 25. Mai 2018

WM-Countdown (20): Lenin beim Tippspiel - Fußballkunst zur WM

Von Katrin Scheib, Moskau

Auf den ersten Blick wirken die aktuellen Fußball-Ausstellungen in zwei großen Moskauer Museen eher enttäuschend. Erst auf den zweiten Blick wird klar: Im Zweifel kann absolut jedes Bild auch etwas zum Thema Fußball aussagen.

Neulich hab ich mal geschaut, welche Museen in Moskau eigentlich zur WM irgendwas mit Fußball anbieten. Das Fotozentrum "Brüder Lumière" zum Beispiel zeigt ab dem 8. Juni "Grassroots", eine Serie über den Amateurfußball in Russland, der auf Äckern, neben Kraftwerksschloten oder vor unverhofft spektakulären Bergpanoramen gespielt wird. (Wer will, kann hier schon mal gucken.)

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Die Neue Tretjakowgalerie lädt ein zur Ausstellung "Nicht nur Fußball", das Museum von Moskau nennt seine Schau "... und natürlich Fußball". Man merkt schon: Beide behaupten gar nicht erst, dass sie Fußball allzu viel Raum zugestehen. Tatsächlich ist es dann auch nur je ein Raum, in dem sich die Fußballkunstwerke finden. Im Museum von Moskau sind es Gemälde mehrerer zeitgenössischer russischer Künstler, ein halbes Dutzend der Werke zeigt Fußballszenen, der Rest Menschen beim Fechten, Eishockey oder Eisschnelllauf. In der Tretjakowgalerie ist es ein Zimmer mit Skulpturen, zwei von ihnen haben mit Fußball zu tun, ansonsten schwimmt eine Schwimmerin, ringen ein paar Ringer, trainiert ein Karatetrainer Karate. Das Ganze ist, nun ja - nett. Gut gemeint. Ganz okay. Aber wenn man bedenkt, dass sich zwei der wichtigsten Hauptstadtmuseen so mit dem weltweit wichtigsten Sportereignis des Jahres auseinandersetzen, dann ist das Ergebnis schon ein bisschen … unterwältigend.

Enttäuscht wollte ich mich schon auf den Heimweg machen, da fiel mir etwas auf. Wer braucht schon Sonderausstellungen zum Fußball, wenn schon die ständige Sammlung so viel WM-Kunst hergibt? Okay, man muss an den Namen der Kunstwerke eventuell ein winziges bisschen feilen, das reicht dann aber auch schon. Schließlich ist es ein Merkmal wahrhaft großer Kunst, dass sie die großen, endgültigen Dinge angeht und, unabhängig von Zeit und Ort, dem Betrachter etwas zu sagen hat. Hier also acht Werke, die alle in der Neuen Tretjakowgalerie hängen - und die von ihren Erschaffern garantiert als Auseinandersetzung mit der Fußball-Weltmeisterschaft gedacht waren. Echt jetzt.

"Ein Fifa-Offizieller beim Betrachten des Stadionrasens in Samara" (David Sterenberg, 1927, Öl auf Leinwand). Der großflächige Einsatz kalter Blautöne rekurriert auf die westliche Perzeption Russlands als weitgehend aus Sibirien bestehendem Land. Gleichzeitig verdeutlicht die Quasi-Monochromie die Ödnis des Wartens auf die finale Fertigstellung des WM-Stadions.

"Klarheit dank Videobeweis" (Aristarch Lentulow, 1913, Öl und farbige Folie auf Leinwand). Das Werk ist geprägt von Verständnis und Hochachtung für die schwierigen Aufgaben des Videoschiedsrichters, der mit geschultem Blick Ordnung ins Chaos bringt. Kritiker sind sich uneins, ob Lentulow auf diesem Bild die Situation vor oder nach der Anwendung des Videobeweises darstellt.

"Gottes Vuvuzela" (Dmitri Schilinski, 2004, Tempera auf Pappkarton). Der Maler zeigt den Fußballfan als Apotheose kindlicher Reinheit und Unschuld. Die Botschaft ist klar: Gottes Gesetz gilt mehr als die Regeln der Fifa - und bricht so auch das Vuvuzela-Verbot in den russischen WM-Stadien.

"Die Zukunft des Stanislaw Salamowitsch" (Michail Roginski, 1965, Öl auf Holz mit metallener Klinke). Lackiert in der Signalfarbe Rot, ist dieses Objet trouvé in direktem Bezug zur Roten Karte zu sehen. Der Künstler reklamiert für sich die Rolle des Schiedsrichters und gibt als solcher eine Prognose ab zur Perspektive des russischen Nationaltrainers über das Turnier hinaus.

"VIP-Lounge" (Boris Kustodiew, 1921, Öl auf Leinwand). Ein weiblicher VIP lockt sirenengleich den Betrachter, sich in ihren Anblick zu vertiefen. Der Künstler nötigt damit den Rezipienten in eine ähnliche Situation, wie sie die Frau in der opulent dekorierten Lounge erlebt: Keine von beiden hat Interesse oder auch nur Gelegenheit, das Spielgeschehen zu verfolgen.

"Wenn der Livestream stockt" (Anna Leporskaja, 1932-1923, Öl auf Leinwand). Dieses Gemälde ist bis heute Gegenstand wütender Grabenkämpfe zwischen Kritikern. Das eine Lager ist überzeugt, dass wir ein eingefrorenes Fernsehbild sehen, auf dem die Gesichter der gezeigten Figuren kaum zu erkennen sind. Das andere Lager sieht eine Allegorie auf die innere Leere, die ein Fußballfan empfindet, wenn er mangels Bandbreite das Spiel seiner Mannschaft nicht weiter verfolgen kann.

"Dopingkontrolle" (Pjotr Kontschalowski, 1913, Öl und Collage auf Leinwand). Zahlreiche bereits vorgefüllte Gefäße, einige von ihnen in Farben, die der menschliche Körper nicht in der Lage ist, selber zu produzieren. Kontschalowski bewegt sich gekonnt im Grenzbereich zwischen unausweichlicher Körperlichkeit und philosophischen Konzepten wie Ethik und Gerechtigkeit.

"Lenin beim Tippspiel" (Isaak Brodski, 1930, Öl auf Leinwand). Der Revolutionär wird hier in privater Pose gezeigt. Gleichzeitig spielt das Werk gekonnt mit Gezeigtem und nicht Gezeigtem: Die Ausrichtung der Möbel ermöglicht es dem Betrachter, zu schlussfolgern, wo in Lenins Wohnzimmer der Fernseher steht.

Alle Folgen des WM-Countdown finden Sie hier.

Quelle: n-tv.de