Fußball

Missglücktes Experiment mit Özil Löw kennt seinen Feind genau

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Merke: Mesut Özil ist der falsche Neuner.

(Foto: imago sportfotodienst)

Während die deutsche Nationalelf mit dem Wissen zur WM fährt, dass sie defensive Gegner auch fußballerisch knacken kann, denkt der Bundestrainer gleichzeitig darüber nach, wie es noch besser geht. Und warum Mesut Özil so wenig Freude hat.

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Gutgelaunt nach Brasilien: Bundestrainer Joachim Löw nach dem entscheidenden Quali-Sieg über Irland.

(Foto: imago sportfotodienst)

Das Bessere ist der Feind des Guten. Wusste schon der französische Aufklärer Voltaire. Das weiß aber auch Joachim Löw. Und so gab der Bundestrainer nach dem 3:0 der deutschen Fußballer gegen Irland und der souveränen Qualifikation für die Weltmeisterschaft am "Ende der langen Reise", wie er es nannte, bereitwillig darüber Auskunft, was aus seiner Sicht noch besser werden könne bei der DFB-Elf. Auch wenn er keine Geheimnisse verriet.

Die Hebel, an denen er ansetzen wolle, seien ja bekannt, sagte er nach der Partie in Köln: "Die Defensive insgesamt, dass schon die Spieler vorne damit beginnen zu verteidigen und den Gegner auch mit Tempo unter Druck setzen." Der zweite Ansatzpunkt sei das letzte Drittel, "dass wir auch aus wenigen Chancen Tore machen". Und schon sind wir wieder bei der viel beschworenen Balance zwischen sicherer Abwehr und spektakulärer, aber eben auch effizienter Offensive. Die gilt es zu finden, damit die Reise für Joachim Löw und seine Auswahl nach Brasilien so erfolgreich wird, wie sie es sich erträumen. Und endet, wie die meisten es von ihnen erwarten - mit dem Titel.

Deutschland - Irland 3:0 (1:0)

Tore: 1:0 Khedira (12.), 2:0 Schürrle (58.), 3:0 Özil (90.+1)

Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Boateng, Jansen - Khedira (82. Kruse), Schweinsteiger - Müller (88. Sam), Kroos, Schürrle (86. Götze) - Özil
Irland: Forde - Coleman, Clark, Delaney, Kelly - Gibson, Wilson - Whelan, McCarthy, Doyle - Stokes

Referee: Gumienny (Belgien) Zus.: 46.237 (av)

Ein guter Plan, wäre da nicht die Sache, die der Philosoph Jean-Paul Sartre einst so formulierte: "Im Fußball verkompliziert sich alles durch das Vorhandensein der gegnerischen Mannschaft." Auch das weiß der Bundestrainer. "Seit der letzten EM spielen die anderen Mannschaften noch defensiver gegen uns - darauf mussten wir uns einstellen." Ein gutes Beispiel boten die Iren, die von Beginn an nur darauf aus waren, den Schaden zu begrenzen. Mit einem guten Torwart David Forde, der nicht nur, wie es sein Trainer Noel King sagte, wegen seiner Rettungstaten der Mann des Spiels war. Sondern bereits nach 25 Minuten damit begann, die Sekunden zu schinden, indem der mit dem Ball am Fuß so lange mit dem Abstoß wartete, bis selbst das vergnügungswillige Kölner Publikum ihn auspfiff.

Und dann ist da noch der Gegner

Es spricht für die hohe Qualität der deutschen Mannschaft, dass sie diese Aufgabe unaufgeregt und, abgesehen von einigen Wacklern in der Abwehr, letztlich sicher meisterte. Auch wenn die schier endlosen Ballstafetten bisweilen langweilten und ein etwas stärkerer Drang zum Tor durchaus wünschenswert gewesen wäre. Joachim Löw betonte zwar, dass die Mannschaft ihre Pflicht erfüllte habe: "Gegen die Iren haben wir Geduld bewahrt und im richtigen Moment die Chancen herausgespielt." Er stellte aber anschließend selbst die Frage, die nicht nur ihn beschäftigt: Wie kann ich ein attraktives Spiel zustande bringen, wenn sich der Gegner vor dem Sechzehner verschanzt?"

Ansatzweise schon so, wie es die deutsche Mannschaft gegen die Iren versucht hat. Zeitweise versuchte sie in einer Art rotierendem 2-4-4-System das Abwehrbollwerk von der Grünen Insel zu knacken. Mesut Özil und Thomas Müller wechselten in der Sturmmitte ständig die Positionen, dito im zentralen Mittelfeld Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger, der allerdings einen schlechten Abend erwischt hatte. Der Münchner 99-Spiele-Jubilar spielte letztlich die Rolle, die er neuerdings auch beim FC Bayern innehat - und überließ Sami Khedira die Sechserposition. Und Kapitän Philipp Lahm, nominell rechter Verteidiger, kombinierte offensiv ebenfalls fleißig mit. Alles sehr flexibel und fix. Das war es, was Löw meinte, als er sagte: "Das war ein tolles Spiel und ein toller Abend." Nur in einem Punkt hatte sich der Bundestrainer verkalkuliert.

Özil ist der falsche Neuner

Weil Miroslav Klose und Mario Gomez verletzt fehlten, hatte er Özil ins Angriffszentrum beordert. Das war, wie jeder sehen konnte und nun hinterher weiß, dann nicht so toll. Er wirkte verloren, wenn er vorne war, kam meist nur an den Ball, wenn er sich zurückfallen ließ. Freude kann ihm das nicht bereitet haben.

Dementsprechend defensiv beurteilte der Bundestrainer hinterher diesen Versuch: "Es war für mich ein Experiment. Es war gut, ihn einmal so zu sehen." Dann weiß er ja jetzt mehr. Denn als zehn Minuten vor dem Ende der Partie der Mönchengladbacher Max Kruse eingewechselt wurde und den Job als Mittelstürmer übernahm, blühte Özil auf und erzielte mit dem Außenrist ein Tor, wie es lässiger kaum hätte sein könnte.

Am Ende stand so ein souveräner Sieg und die nicht ganz neue Erkenntnis, dass die DFB-Elf gegen Gegner minderer fußballerischer Güte auch dann gewinnt, wenn nicht alles rund läuft. "Ich denke, wir haben heute auch gezeigt, dass wir das Maß aller Dinge waren in dieser Gruppe, dass wir von Anfang an vorneweg marschiert sind", sagte Joachim Löw nach dem achten Sieg im neunten Spiel. Das ist in der Tat gut. Bis einer kommt, der besser ist.

Quelle: n-tv.de

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