Fußball

Ideenlos in Amsterdam? Löws DFB-Elf ringt um die Balance

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"Ich habe schon gesagt, dass der Einbau von jungen Spielern auch ein Prozess ist": Joachim Löw.

(Foto: REUTERS)

Nach der desaströsen Fußball-WM ist der Bundestrainer darauf bedacht, dass seine DFB-Elf erst einmal ihr Tor absichert. Bleibt das das auch in den Niederlanden und in Frankreich so? Und was ist mit der offensiven Durchschlagskraft?

Nach der blamablen Fußball-Weltmeisterschaft in Russland hat die deutsche Nationalelf viel Kritik einstecken müssen. Und das nicht nur ob des Ausscheidens in der Vorrunde, sondern auch wegen einer halbherzigen Ursachenforschung. Bundestrainer Joachim Löw versucht nun mit fast unverändertem Personal die Trendwende. Das hat mit dem 0:0 in der neuen Nations League gegen Frankreich und beim 2:1 im Test gegen Peru Anfang September so leidlich funktioniert. Nun stehen wieder zwei Partien in der Nationenliga an. In Amsterdam geht es am Samstag (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) gegen die Niederlande. Am Dienstag drauf (gleiche Zeit, gleicher Ticker) steht in Paris das Rückspiel beim Weltmeister an.

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Mit Sebastian Rudy und Toni Kroos vor der Abwehr: So könnte die deutsche Mannschaft in den Niederlanden spielen.

Seit der WM sind aus der Nationalmannschaft, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen, lediglich Mesut Özil und Mario Gomez zurückgetreten. Sami Khedira würde noch wollen, wurde bisher aber nicht mehr eingeladen. Ein Umbruch sieht gewiss anders aus. Für den Bundestrainer liegen die Gründe für das schlechte Abschneiden in Russland offenbar nicht beim Personal. "Ich habe schon gesagt, dass der Einbau von jungen Spielern auch ein Prozess ist. Das wollte ich nicht von heute auf morgen. Man hat gesehen, dass Verteidiger wie Mats Hummels, Jérôme Boateng oder auch ein Toni Kroos extrem wichtig sind. Es ist wichtig, solche Spieler in der Mannschaft zu haben, die mit ihrer Klasse dagegen halten können", hatte Löw im September gesagt.

Vielmehr versucht er, die eigene Spielidee und die Rollenverteilung innerhalb der Mannschaft zu überdenken. Das deutete sich in den ersten beiden Partien nach der WM an. Während des Turniers war die deutsche Mannschaft vollends auf Ballbesitz und Offensivdominanz geeicht und ignorierte zuweilen die Gefahren, die ein solcher Spielstil mit sich bringt. Sie sicherte das eigene Tor oftmals unzureichend ab, was schon im ersten Spiel in Moskau beim 0:1 gegen Mexiko deutlich wurde, als sich die Innenverteidiger Hummels und Boateng vielfach den Anstürmen der Lateinamerikaner in Laufduellen erwehren mussten.

Ideenlos in der gegnerischen Hälfte

Schon während des Turniers in Russland wurde viel darüber geschrieben und gesprochen, wie die Nationalelf dieses Manko eliminieren könnte. Im zweiten Spiel, beim 2:1 in Sotschi gegen Schweden, sorgte Sebastian Rudy anstelle von Khedira als zentraler Sechser vor der Abwehr für mehr Stabilität, verletzte sich aber und musste nach 31 Minuten raus. Ohne ihn wirkte das deutsche Spiel anfällig wie eh und je. Rudy hatte nicht nur mit seinem guten Stellungsspiel abgesichert, sondern auch viel Ballsicherheit im Aufbau geboten. Kroos war nicht mehr auf sich allein gestellt. Die erste halbe Stunde gegen Schweden, in der Rudy auf dem Platz stand, veranschaulichte einige Lösungsansätze für den Bundestrainer.

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Steht für Stabilität: Sebastian Rudy.

(Foto: imago/Andreas Gora)

Einerseits müssen die Innenverteidiger mehr Unterstützung erhalten. Zusätzliche Spieler sollten stets hinter dem Ball bleiben, um bei Ballverlusten direkt eingreifen und den gegnerischen Konterangriff stoppen zu können. Andererseits müssen die Abläufe im Ballbesitzspiel überdacht werden. Nachdem der Ball oftmals in die gegnerische Hälfte geschleppt wurde, fehlte es an Ideen, um durch den Abwehrverbund hindurch zu brechen.

Das Offensivspiel der Deutschen ist seit jeher auf Pässe ausgerichtet. Über eine große Anzahl an herausragenden Dribblern verfügte und verfügt Deutschland nicht. Das ist beispielsweise der Unterschied zu Weltmeister Frankreich, der einige Ausnahmetalente für Eins-gegen-Eins-Situationen besitzt, aber im Passspiel nicht an die Klasse der deutschen Mannschaft heranreicht. Bei der WM gerieten allerdings Julian Draxler und Thomas Müller viel zu oft in jene Eins-gegen-Eins-Duelle am Flügel, die sie nicht gewinnen konnten. Sie drehten ab und der Ball ging wieder nach hinten. Die Angriffe erlahmten.

Sicherheitsfußball nach der WM

Löws Antwort in den ersten Spielen nach der WM: Er wollte die defensive Stabilität dadurch erhöhen, dass mehr defensivorientierte Spieler in der Viererkette und vor der Abwehr aufgeboten wurden. Gegen Frankreich spielten Antonio Rüdiger und Matthias Ginter in der Außenverteidigung, Joshua Kimmich unterdessen vor der Abwehr anstatt auf der rechten Abwehrseite. Der Weltmeister kam lediglich zu zwei gefährlichen Torabschlüssen. Die neue Ausrichtung ging jedoch zulasten der offensiven Durchschlagskraft.

Das wurde schon an der Aufstellung deutlich. Gegen Frankreich spielte Leon Goretzka auf der Zehnerposition, gegen Peru war Ilkay Gündoğan der offensivste Mittelfeldspieler. Löw machte den Angriffsstil bewusst langweiliger. Seine Spieler hatten seltener die Verlockung, mit blinder Angriffslust nach vorn zu marschieren und die eigenen Defensivaufgaben zu vernachlässigen. Aber: Er würde damit der DFB-Auswahl langfristig ihrer besonderen Stärke berauben. Beim WM-Gewinn 2014 in Brasilien mag dieser Stabilitätsfokus noch Früchte getragen haben. Damals standen mit Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm allerdings äußerst erfahrene Allrounder auf dem Rasen, die viel abfangen konnten. Die Generation nach ihnen definiert sich vor allem über Ballbesitz und nicht über Sicherheitsfußball.

Giftige Niederländer warten

Vielleicht aber ist Löw noch auf der Suche, und die ersten Spiele waren nur Experimente, zumal gegen Peru weiter Absicherungsprobleme zu Tage traten. In Amsterdam wartet insofern ein dankbarer Gegner. Die Niederlande bieten im Mittelfeld aber Spieler auf, die mit cleverem Verteidigungsverhalten das deutsche Team entnerven könnten. Momentan geht es allerdings nicht vorrangig um Ergebnisse, sondern um das Auftreten der DFB-Auswahl.

Wenn das niederländische Mittelfeld ähnlich wie das mexikanische oder südkoreanische den Spielaufbau der Deutschen attackiert, wird sich zeigen, ob Löw eine passende Antwort parat hat. Außerdem muss sich der Bundestrainer entscheiden, ob er seine Abwehrkette gegen einen verteidigenden Gegner wieder derart defensiv ausrichtet oder doch sein Heil in der Flucht nach vorne sucht. Allein diese Fragen machen die Auftritte der DFB-Elf bei der eigentlich unbedeutenden Nationenliga so interessant.

Quelle: n-tv.de

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