Fußball

Serientöter im Dauerregen Löws Titanen lassen sich nochmal reizen

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Titanenduell im Regen von Vigo: Spaniens Marc Bartra ringt mit dem späteren Torschützen Toni Kroos um den Ball.

(Foto: REUTERS)

Bei widrigem Wetter überrascht Löws Weltmeister-Rumpftruppe zum Jahresabschluss. Toni Kroos bestraft in Vigo spanische Hybris, Thomas Müller erwischt‘s hingegen an der "linken Arschbacke". Die Gewinner des Spiels sind andere.

Wenn Serien schon reißen müssen, dann an Abenden wie diesem. 14 Jahre lang hatte eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft nicht mehr gegen Spanien gewonnen. 34 Spiele waren die Spanier daheim ungeschlagen, seit November 2006, und in Vigo hatten sie überhaupt noch nie verloren. Aber dann kam an diesem windig-verregneten 18. November 2014 Joachim Löw mit seiner Weltmeister-Rumpftruppe an die spanische Atlantikküste gereist, im Gepäck ein lasches 4:0 gegen Fußballzwerg Gibraltar und den dringenden Wunsch nach Ferien, und erwühlte sich auf dem Fußballacker des charmant baufälligen Estadio Balaidos tatsächlich einen 1:0-Sieg.

Löw sah höchst zufrieden aus, als er den bestmöglichen, weil unerwartet erfreulichen Jahresabschluss kommentieren durfte. Er wusste natürlich auch: "So ein Spiel hat schon auch einen anderen Reiz als Gibraltar." Trotzdem fühlte er sich bestätigt: von der neuen 3-4-3-Formation, aber mehr noch von seinem Team, das sich noch einmal reizen ließ. Löw hatte in Vigo öffentlich beteuert, dass Spanien nicht Gibraltar sei und intern den "ausdrücklichen Wunsch" geäußert, "dass wir nochmal den Biss und diese Motivation haben, gegen so einen starken Gegner wie Spanien zu bestehen". Er wurde erhört.

Fußballerisch war das Duell zwischen den personell jeweils arg gebeutelten Weltmeistern und Europameistern zwar weit entfernt vom vermeintlichen Titanenduell, eher Magerkost als Klassiker. Wie sich Löws DFB-Kicker in der ersten Halbzeit dem spürbaren Offensivdruck der Gastgeber widersetzten und sich dann tatsächlich noch aufrafften, selbst ein wenig "Fußball zu spielen" (Sami Khedira), hatte nach einem harten Jahr aber wahrhaft titanenhafte Züge. Löws spanische Titanen in der Einzelkritik.

Spanien – Deutschland 0:1 (0:0)

Tor: 0:1 Kroos (89.)

Spanien: Casillas (77. Casilla) - Ramos (46. Bartra), Pique (46. Albiol), Bernat, Azpilicueta - Isco, Raul Garcia (70. Callejon), Bruno, Sergio (46. Camacho), Nolito (77. Pedro) - Morata

Deutschland: Zieler - Höwedes, Mustafi, Rüdiger - Rudy, Durm, Khedira (92. L. Bender), Müller (22. Bellarabi), Kroos, Götze (84. Kruse) - Volland

Referee: Johannesson Zus.: 22.000 in Vigo

Ron-Robert Zieler: Der 25-jährige Keeper von Hannover 96 bekam in Spanien den Vorzug vor Roman Weidenfeller als Welttorhüter-Vertreter und so zu seinem vierten Länderspiel. Wirkte dabei zunächst, als sei ihm seine bislang dürftige DFB-Bilanz allgegenwärtig. Drei Spiele, kein Sieg, dafür eine historische Rote Karte - wenig titanenhaft. Erregte schon nach zehn Minuten den Unmut des Bundestrainers, als er Teamkollege Benedikt Höwedes per schlampigem Pass in Bedrängnis brachte. Durfte trotzdem weitermachen und wurde dann umso sicherer, je stärker der Wind die Regenschwaden durchs Stadion Balaidos peitschte. Verhinderte gegen Nolito (12./59.) und Pedro (82.) mit starken Paraden den Rückstand, hatte trotz des sumpfigen Rasenackers keine Angst vor Fußballeinlagen und sagte hinterher: "Zu null zu spielen ist immer toll für einen Torwart. Die Chance, die ich bekommen habe, habe ich einfach versucht zu nutzen." Hat titanesk geklappt.

Antonio Rüdiger: In seinem fünften Länderspiel agierte der 21-Jährige vom VfB Stuttgart als rechtes Ende der flexiblen Dreierabwehrkette, die Löw im Jahr 2015 zu internationaler Marktreife führen will. War in Vigo der erste deutsche Spieler, der den Ball berührte, als er nach genau 65 Sekunden die Auftaktballstafette der Spanier beherzt unterbrach. Warf sich auch danach wiederholt in Schüsse, Pässe und Flanke, zeigte gegen die schneller Spanier meist gutes Stellungsspiel, aber auch zwei seltsame Kerzen am eigenen Strafraum und einen kläglichen Abschluss im spanischen. War außerdem zuständig für die "Nolito, Nolito"-Sprechchöre im Stadion, indem er den spanischen Lokalhelden einmal zu leicht zum Abschluss kommen ließ (12.) und einmal regelwidrig am Abschluss hinderte (52.). Hat viel Kredit beim Bundestrainer und davon gegen Spanien wenig verspielt. Die Null stand auch dank Rüdiger.

Shkodran Mustafi: Im Frühjahr als vage Option für die Zukunft erstmals ins DFB-Team eingeladen, vor der WM wieder aussortiert, dann doch nachnominiert, als Aushilfsaußenverteidiger Weltmeister geworden, dann zum FC Valencia gewechselt. Und nun zum Jahresabschluss als Spanien-Legionär in Spanien als deutscher Abwehrchef und Teilzeit-Libero gefragt. Der 22-jährige Mustafi hat in diesem Jahr den erstaunlichsten Aufstieg im deutschen Fußball hingelegt und wirkte nach seinem sechsten Länderspiel, als würde er sich deshalb selbst regelmäßig kneifen: "Früher habe ich gedacht, dass man dafür acht oder zehn Jahre braucht, um das alles zu erreichen." Zeigte gegen die Spanier als umsichtiger und lautstarker Dirigent der Abwehr, dass er im Zentrum besser aufgehoben ist als auf den Außenpositionen. Trotzdem noch kein Defensivtitan wie Boateng oder Hummels.

Benedikt Höwedes: Mit 26 Jahren, 30 Länderspielen und zwei Toren ging der Schalker als erfahrenster und torgefährlichster deutscher Abwehrspieler ins Jahresabschlussspiel. War gegen die spanische Offensive links in der Abwehr weniger gefordert als Rüdiger auf rechts. Verzichtete dennoch darauf, selbst auf Torjagd zu gehen. Jagte lieber den Spaniern schnörkellos den Ball ab, so sie sich mit ihm in seine Nähe trauten. Brachte einmal seine Abwehrkollegen unnötig in Bedrängnis, als er sich in der 30. Minute im eigenen Strafraum grob verschätzte. Grätschte dafür Spaniens Morata (57.) in letzter Sekunde den Ball vom Fuß und nutzte Verletzungspausen, um junge Kollegen wie Erik Durm auf dem Platz zu coachen. Allround-Titan.

Erik Durm: Der 22-Jährige aus Dortmund verrichtet sein Fußwerk als Außenverteidiger auf einer absoluten Mangelposition im deutschen Nationalteam und darf sich deshalb auch ambitionslose Auftritte wie gegen Gibraltar erlauben. Spielte gegen Spanien nominell links im Vierermittelfeld, bei gegnerischem Ballbesitz aber oft weit zurückgezogen. Ließ sich in seinem siebten Länderspiel vom großen Namen des Gegners zu größerem Engagement als in den letzten Partien bewegen, agierte defensiv solide, machte offensiv aus vergleichsweise viel Ballbesitz aber relativ wenig - obwohl er sich kurzzeitig von der Spielfreude Karim Bellarabis anstecken ließ. Noch lange kein Lahm-Titan.

Sebastian Rudy: Der 24-jährige Hoffenheimer setzte in seinem fünften Länderspiel den ersten deutschen Offensivakzent. Seine Flanke aus dem Halbfeld (5.) konnte Kevin Volland allerdings nicht verwerten. Zielte in der 33. Minute bei einem Schussversuch zu ungenau, als er den Ball drüber drosch. Ließ sich gemeinsam mit Rüdiger defensiv ein paar Mal überlaufen. Half dem Stuttgarter im zweiten Durchgang aber mehrfach gegen Nolito und machte seine Sache rechts insgesamt recht gut. Hat bei Löw mehr Kredit gewonnen als verspielt, verwirrte aber die spanischen Journalisten. Die wollten vor dem Anpfiff nicht glauben, dass Rudy und Rüdiger zwei verschiedene Spieler sind.

Sami Khedira: Startete in sein 53. Länderspiel erstmals als Nationalmannschaftskapitän. Die Binde machte ihm aber zunächst die Beine schwer – oder die Knöchelblessur, die er seit einigen Tagen mit sich herumschleppte. Kam schließlich besser in Fahrt und brachte Vigos Greenkeeper mit Pfluggrätschen in Serie zur Verzweiflung. Konnte sich auf der Doppelsechs neben Toni Kroos aber nicht entscheidend für Einsätze bei seinem Verein Real Madrid empfehlen, wo eine Mittelfeld-Planstelle durch die Verletzung von Luka Modric in den nächsten Monaten nicht besetzt ist. Fand den Sieg hochverdient und hatte diese Meinung exklusiv. Machte in der 92. Minute Platz für Leverkusens Lars Bender. Der kommt mit seinen 25 Jahren nun auf 19 Länderspiele.

Toni Kroos: "Wenn solche Spiele für uns nicht wichtig wären, bräuchten wir sie nicht auszumachen", hatte der 24-jährige Spielmacher von Real Madrid vor dem Duell mit Spanien gesagt. Agierte in seinem 57. Länderspiel dann aber so, als hätte er persönlich dieses Spiel niemals ausgemacht. Kroos war ein Spielmacher im Stromsparmodus, der den Sicherheitspass in Vigo meist der schnellen Spieleröffnung vorzog. Trat damit den Beweis an, dass "Stillstand oft Rückschritt" ist, wie er vor dem Spiel bedeutungsschwer philosophiert hatte. Allerdings: Wenn er sich doch mal zu einer Offensivszene aufraffte, wurde es gefährlich. Wie in der 20. Minute, als er die erste nennenswerte DFB-Chance durch Mario Götze einleitete. Oder kurz vor Schluss, als er aus 25 Metern einfach abzog und Spaniens durchaus arroganten Torwartwechsel von Casillas zu Casilla bestrafte. Steht jetzt auf einer Stufe mit Mehmet Scholl und Alexander Zickler. Die hatten 2000 den bislang letzten Sieg über Spanien herausgeschossen.

Thomas Müller: Moserte nach dem Gibraltar-Spiel, dass er solche Partien nicht brauche. Müllerte vorher aber trotzdem zweimal. Ging gegen Spanien in Sachen Tore aber stark gehandicapt in sein 62. Länderspiel, 20 seiner 26 Länderspieltore hat er schließlich in Pflichtspielen erzielt. Spielte in Vigo einen schönen Doppelpass mit Götze (20.). Musste kurz darauf (22.) nach einem Zusammenprall mit Sergio Ramos feststellen, dass Spaniens kompromisslosester Abwehrspieler härter ist als Titan. Verriet später: "Die linke Arschbacke hat's ziemlich erwischt." Konnte da aber schon wieder lachen. Wurde von Karim Bellarabi ordentlich ersetzt. Der Leverkusener Spätstarter kam erstmals im DFB-Trikot von der Bank und war bei seinem vierten Länderspiel spielfreudigster Deutscher in Vigo. Dort ein Dribbling, hier eine Finte, da ein Haken. Nur Zählbares kam nicht heraus. Darf aber sicher wiederkommen und dann auch gern mal ein Tor schießen.

Kevin Volland: Der 22-Jährige war in Vigo der zweite Hoffenheimer in der deutschen Startelf. Damit stellte der Hopp-Klub im Prestige-Duell gegen Spanien ebenso viele DFB-Starter wie der FC Bayern. Bestätigte das Lob des Bundestrainers, der Vollands Einsatz mit großer Einsatzfreude begründet hatte. Wagte sich als Links- oder Rechtsaußen immer wieder in Dribblings, führte robuste Zweikämpfe, presste bei spanischem Ballbesitz und hatte zwei gute Torchancen. Zeigte damit all das, was Sturmkonkurrent Kruse gegen Gibraltar vermissen ließ. Offensivtitänchen.

Mario Götze: Der Bayern-Profi hat mit erst 22 Jahren schon 41 Länderspiele. Sein 14. Tor kam gegen Spanien nicht dazu, weil Iker Casillas seinen Schuss in der 20. Minute nach Doppelpass mit Müller parieren konnte. Agierte in Vigo meist als falsche Neun und traf bisweilen die falsche Entscheidung. Verlangsamte das deutsche Spiel mehrmals, als er es hätte schnell machen können, oder entschied sich im falschen Moment für den Außenristpass. Wies trotzdem nach, dass ihm sein Siegtor im WM-Finale einen Schub gegeben hat. Durfte in der 84. Minute vorzeitig unter die heiße Dusche, für ihn musste Gladbachs Max Kruse auf den Acker von Vigo. Der hat jetzt zehn Länderspiele, wird aber auch 2015 kein Titan mehr.

Quelle: n-tv.de

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