"Beinahe Totalausfall"Mats Hummels fällt über den BVB her

Borussia Dortmund reist mit großem Selbstvertrauen zu den angeschlagenen Tottenham Hotspur. In London verfällt der BVB in eine unerklärliche Lethargie. Sie spielen eine Halbzeit des Grauens und simulieren danach immerhin etwas Einsatz. Der Unmut ist groß.
Der Tabellenvierzehnte der englischen Premier League war eine Nummer zu groß für den Tabellenzweiten der Fußball-Bundesliga. Mit 2:0 (2:0) spazierte Tottenham an einem regnerischen Dienstag im Januar an Borussia Dortmund vorbei. Die, das gehörte zur Wahrheit, schauten manchmal interessiert zu und manchmal nicht.
Vor dem 1:0 durch Christian Romero (14.) im Nachgang einer Ecke drehte sich Julian Brandt bei einem missglückten Schussversuch von Wilson Odobert erschrocken weg, der 21-jährige Franzose traf den Ball zwar nicht richtig, aber Brandt sah ihn nicht mehr. Odobert spielte in die Mitte und dort wartete der argentinische Weltmeister von 2022.
Das Tor jedoch war nur der Auftakt für den blutleeren Auftritt der Dortmunder gegen die Spurs, die sich vor dem Spiel nicht nur mit zahlreichen Ausfällen, sondern auch einer veritablen Trainerdiskussion um den Dänen Thomas Frank hatten herumschlagen müssen. Am Ende dieser 90. Minute war zumindest die für wenige Tage ausgesetzt. Dabei war auch die traditionell kaum zurückhaltende Presse im Königreich von einem letzten Spiel für Frank ausgegangen.
Keine Zweikämpfe, kein Ballbesitz
Die Zahlen des BVB, mit nur je einer Niederlage in der Champions League (bei Manchester City), in Bundesliga (beim FC Bayern) und im Pokal (gegen Bayer Leverkusen) waren zu beeindruckend, der Ruf des Klubs vielleicht etwas angekratzt, aber immer noch einer, der in Europa Eindruck schinden konnte. Das dürfte sich nach Dienstag geändert haben und das hing viel mit den ersten 45 Minuten zusammen. "Die ersten fünf Minuten waren noch okay", sagte Nico Schlotterbeck bei Prime. Eine Aussage, die hilflos und wahr zugleich war.
Der BVB hatte eine Halbzeit zum Vergessen hingelegt. Da waren sich im Nachklang alle einig. Die erste Halbzeit , konstatierte die BVB-Legende Mats Hummels nach dem Spiel bei Prime, "war leider beinahe ein Totalausfall", "Und ich glaube, ohne BVB-Vergangenheit würde ich das 'beinahe' weglassen." Die ersten 45 Minuten seien eines Champions-League-Spiels "nicht würdig" gewesen.
Ein Blick in die Daten unterstrich das mit einem dicken roten Marker. Die Zweikampfquote lag weit unter 40 Prozent, der Ballbesitz auch, die Torannäherungen waren der Rede nicht wert. Borussia Dortmund gelang es nicht einmal, den Ball überhaupt gefährlich in die Nähe des Tores beginnen.
Eine Mannschaft voller Totalausfälle
Es war eine Halbzeit aus der Hölle, eine, die dem BVB Ernüchterung und Unmut einhauchte. Das Spielglück, in den vergangenen Wochen noch ein steter Begleiter in der Bundesliga, war ihnen zusätzlich abhandengekommen. 45 Minuten als Beweis dafür, dass man sich sein Glück tatsächlich erarbeiten muss.
Der zweite Treffer, ein kurioser Stolperer von Dominic Solanke (37.) und die vorherige, etwas hart anmutende Rote Karte für den überspielten Außenverteidiger Daniel Svensson waren dabei nur Folge eines unwürdigen Gastspiels in England. Es war ein Auftritt, der den BVB in Europa zu einem Mitläufer degradierte und ihnen in den kommenden Wochen zwei zusätzliche Spiele in den Playoffs der Champions League bescheren dürfte.
Der BVB hatte dem Gegner nichts entgegenzusetzen. Einige Male war der durch eine "Mystery Box" zu größerer Bekanntheit gelangte Angreifer Karim Adeyemi in aussichtsreicher Lage nicht fähig, den Ball nur annähernd zu kontrollieren. Der Champions-League-Torschützenkönig der vergangenen Saison, Serhou Guirassy, war nur im eigenen Strafraum mit einigen Kopfballaktionen in der Lage, dem Spiel etwas Sinnstiftendes hinzuzufügen. Vorne war er nicht präsent.
Im Mittelfeld fehlte es dem BVB an allem. Jobe Bellingham, der Königstransfer der Borussia, zeigte sich mit allem überfordert, Nationalspieler Felix Nmecha tauchte ab. In der Abwehr ließen sie sich immer wieder übertölpeln, manchmal sogar auffressen.
Ein Spiel, das Niko Kovac verärgert
Wenn du denkst, du kannst in der Champions League gegen einen vielleicht angeschlagenen Gegner so agieren, indem du nur versuchst, mit dem Ball etwas zu machen und ohne Körperlichkeit, dann wird es schwierig", sagte Niko Kovac nach dem Spiel: "Mich ärgert eigentlich in erster Linie nicht nur das Ergebnis, sondern in allererster Linie die Art und Weise, wie wir aufgetreten sind".
Auch Sportdirektor Sebastian Kehl schimpfte nach dem Spiel. "Wir sind nicht gut ins Spiel gekommen", sagte er. "Wir werden das sicherlich auch mit der Mannschaft sehr kritisch besprechen. Die erste Halbzeit war schlecht - wenig Zweikämpfe geführt, wenig direkte Duelle einfach gewonnen, wenig Intensität. Und die Chancen, die wir heute hatten, haben wir damit in der ersten Halbzeit fahrlässig verspielt."
Mit zehn Mann und neuem Personal, Julian Ryerson war für Brandt und Emre Can für Guirassy gekommen, erspielte der BVB sich in der zweiten Halbzeit über große Strecken zwar eine Scheindominanz. Doch die ertüchtigte die Dortmunder bis auf einen Ryerson-Freistoß nicht zu Chancen. Viel mehr erweckten sie nur den Anschein, mit einer klugen Bewegung, einer schnellen Seitenverlagerung eventuell in den nächsten Minuten einmal zu einem Torabschluss zu kommen. Mehr nicht.
"Wir haben jetzt nicht gegen eine Mannschaft aus Tottenham gespielt, die in überragender Form ist und die gerade vor Selbstvertrauen strotzt. Wir haben uns hier deutlich mehr erhofft und erwartet", sagte Kehl.
Tottenham-Trainer gönnt sich Rotwein
Auf der anderen Seite lächelte der angeschlage Trainer Frank. "Ich bin sehr, sehr glücklich", sagte er. "Ich brauche jetzt zwei große Gläser Rotwein. Aber ich weiß: Wir müssen diese Konstanz jetzt auch weiter zeigen. Das Wichtigste ist: Darauf aufbauen, weiter gute Leistungen zeigen und gegen Burnley gewinnen." Die sind Vorletzter der Premier League. Von ihnen dürfte mehr Gegenwehr zu erwarten sein als von diesen Dortmundern. Die müssen am Samstag zu Union Berlin und sind mal wieder nur eine Niederlage von der großen Unruhe entfernt.
Seit Wochen nun wird über die B-Note, den Stil der Borussia diskutiert, frustrierte Fans wollen die Spiele nicht mehr besuchen, so genervt sind so von dieser. Bislang waren sie erfolgreich. Gegen Union und dann gegen Inter am kommenden Mittwoch steht die A-Note auf dem Prüfstand. "Die Ergebnisse sind das Wichtigste im Fußball", hatte Hummels vor der Partie gesagt. Am Dienstag war dies nicht das einzige Problem der blutleeren Dortmunder. Mit der in London vorherrschenden Lethargie und Passivität wird sich der Lauf der Saison in Bälde auch die A-Note krallen.