Fußball

Fußball-Zeitreise, 7.12.1918 Max Merkel, der gefürchtete Sprücheklopfer

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Als Trainer von Atlético Madrid grüßte Max Merkel schon mal als Torero verkleidet.

(Foto: imago/Sven Simon)

Als Trainer war Max Merkels Motto "Zuckerbrot und Peitsche". Der Meistercoach des TSV 1860 München und des 1. FC Nürnberg verstand es in den ersten Jahren der Bundesliga die Massen zu unterhalten. Später als Boulevardjournalist gingen seine Sprüche jedoch häufig unter die Gürtellinie.

Die große Schnauze haben viele dem Max Merkel nie verziehen. Sein Talent, kleine Bösartigkeiten geschickt in feine, kurze Sequenzen zu verpacken, war gefürchtet. Und manch einer hat sich für all die verbalen Schmähungen dann auch einmal gerächt. Benno Möhlmann war einer von ihnen. Vom ehemaligen Spieler und Trainer der Bundesliga sind folgende Zeilen übermittelt: "Viele alte Leute haben das Glück, körperlich und geistig gesund Ratschläge und Erkenntnisse weitergeben zu können. Herr Merkel gehört leider nicht dazu. Ihm ist aber zu wünschen, dass er wenigstens körperlich unversehrt bleibt."

Vom Tage seiner Geburt am 7. Dezember 1918 in Wien bis zu seinem Tod am 28. November 2006 in Putzbrunn hatte Merkel eine große Leidenschaft: den Fußball. Zu Münchener Zeiten in den 60er-Jahren erzählte man sich die Geschichte des Bayern-Trainers Tschik Cajkovski und des Coachs des TSV 1860 München, Max Merkel. Beide trafen sich eines Tages zufällig im Kaufhaus, quatschten eine lange Zeit angeregt über das runde Leder und gingen schließlich nach über einer Stunde nach Hause - ohne Einkäufe, denn die hatten die beiden über ihre gemeinsame Leidenschaft komplett vergessen.

"Schon greifen sie mit der Tatze nach ihm!"

Den ersten Höhepunkt als Bundesliga-Trainer feierte Max Merkel 1966 auch beim TSV 1860 München mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft. Damals war der österreichische Coach ohne Frage der Mann der Saison. Merkel wurde in diesen Tagen endgültig zum medialen Star, der es wie kaum ein anderer verstand, die Bühne Bundesliga für sich zu nutzen. Seine kessen Sprüche wurden von den Journalisten geschätzt und von den Fußballfans geliebt: "Ich fühle mich wie ein Dompteur, der in der Manege mit der Peitsche schnalzt. Kehrt er seinen Raubtieren auch nur für einen Moment den Rücken zu - schon greifen sie mit der Tatze nach ihm. Auch Fußballer brauchen die Peitsche. Und wenn es geklappt hat, bekommen sie von mir ihr Zuckerl." Jahre später wurde dieses Zitat verkürzt zu einem Titel seiner zahlreichen Bücher: "Mit Zuckerbrot und Peitsche".

Als einer der wenigen ahnte der österreichische Meistercoach, dass dieser Triumph der Saison 1965/66 ein ganz besonderer für den TSV 1860 München war: "Es gibt Titel, da kommst du mit ins Buch der Rekorde. Meine Meisterschaft mit den Sechzigern zum Beispiel. 100 Jahre vorher war da nix, 100 Jahre danach wird da wohl nix sein."

Als er zur Spielzeit 1967/68 nach Nürnberg kam, hatte der Klub gerade die Saison als Tabellenzehnter abgeschlossen. Niemand traute dem Verein etwas Besonderes zu - nur Bayern-Trainer Tschik Cajkovski hatte mal wieder den richtigen Riecher: "Die Bundesliga ist ausgeglichener geworden. Selbst Nürnberg kann Meister werden." Und so passierte es tatsächlich. Der Klub beendete die Spielzeit als Tabellenerster. Und Merkel? Der hatte sein Team, als es zwischenzeitlich in der Saison eng wurde und die Tabellenführung flöten zu gehen drohte, zu sich gerufen. Todernst hatte er seine Mannschaft gefragt, ob sie wisse, warum Kühe auf der Alm Glocken um den Hals tragen würden. Er kassierte nur irritierte Blicke: "Damit sie nicht im Stehen einschlafen. Übrigens, ich habe gerade ein Dutzend für euch bestellt." Was soll man sagen? Es half.

Schalke schaffte Merkel

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Beim FC Schalke 04 war es schnell vorbei mit Merkels Herrlichkeit.

(Foto: imago/Frinke)

Nach einem Auslandsgastspiel in Spanien ("Spanien wäre ein schönes Land, wenn nicht so viele Spanier dort leben würden") beim FC Sevilla und bei Atlético Madrid und einem kurzen Rückkehr-Intermezzo beim TSV 1860 München kehrte Max Merkel im Juli 1975 in die Bundesliga zum FC Schalke 04 zurück. Doch das Verhältnis des Trainers Merkel zum gesamten Klub stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Dabei hatte der Coach noch vor der Saison geschwärmt: "Eine Nationalmannschaft ohne Schalke ist wie ein Gebiss, in dem die Zähne fehlen."

Doch schon nach drei Spieltagen war Merkel ernüchtert: "Die Burschen laufen auf fremden Plätzen herum, als wenn sie einen Rucksack von 50 Kilo mit sich herumschleppen würden." Und nach dem fünften Spieltag und einer 2:1-Niederlage in Frankfurt wurde Merkel bereits sarkastisch: "Wenn man bedenkt, dass in Frankfurt unser letztes Aufgebot gespielt hat, dass unser Mittelfeld demoliert ist, der Herr Nigbur sehr unsicher wirkte und unser Superstar sich scheinbar beim Militär befindet, konnte man in Frankfurt nicht mehr verlangen."

Als er dann auch noch anfing, einzelne Spieler zu beleidigen, wurde es problematisch für Merkel: "Unser Abramczik wird in seinem Leben nie Kopfweh bekommen, weil er seinen Kopf nie zum Denken benutzen wird. Wenn ein Mittelstürmer dauernd im Abseits steht, so kann ich das verstehen. Schließlich muss der nach zwei Seiten beobachten, und das ist manchmal zu viel verlangt. Ein Rechtsaußen aber muss nur nach einer Seite schauen. Doch noch nicht einmal das schafft dieser Junge. Eher werde ich ein Sänger an der Metropolitan Opera als der Abramczik ein großer Fußballer bei Schalke!" Das wurde er schließlich aber doch und dieses Zitat zu einer Legende. Doch da war Merkel schon lange nicht mehr auf Schalke. Bereits im Dezember hatte Präsident Günter Siebert gesagt: "Selbst wenn wir noch Meister würden, der Vertrag mit Merkel wird auf keinen Fall verlängert."

"Wo der Max hinkommt, passiert etwas"

Kurz zuvor hatte Merkel gemeint: "Einige meiner Stars haben zu viele weibliche Hormone!" Irgendwann tönte Merkel auch noch lauthals in seiner Haus- und Hofpostille mit den vielen bunten Bildern: "Das Beste an Schalke ist die Autobahnauffahrt nach München." Zu allem Überfluss ließ er sich dabei ein "Glückauf"-Bier in einer Maß zubereiten. Nach nur neun Monaten taten ihm die königsblauen Verantwortlichen schließlich den Gefallen und entließen den Trainer zu seiner abschließenden großen Fahrt über die Autobahn von Gelsenkirchen in die Weltstadt mit Herz, ins schöne Bayernland, nach München

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Paul Breitner ist offenbar nicht nachtragend.

(Foto: imago/Fred Joch)

Für einen letzten kurzen Moment kehrte der große Zampano Max Merkel in der Spielzeit 1981/82 zurück auf die Bundesligabühne. Er sollte den KSC vor dem Abstieg bewahren. Und wie das ging, verkündete er bereits bei der ersten Pressekonferenz. Merkel: "Wo der Max hinkommt, passiert etwas", und: "Manchmal genügt schon Handauflegen zum Sieg", oder: "Wir müssen die Kohlen einfahren, bevor es kalt wird." Trotz dieser gewohnt markigen Worte verlor Merkel sein erstes Spiel gegen den 1. FC Köln mit 1:4. Am Ende langte es aber dennoch zum Erreichen des Klassenziels. Es war die letzte Bundesliga-Station für den Österreicher.

In seinen erfolgreichen Anfangsjahren in München, ließ Max Merkel einmal alle Spieler in einer langen Reihe antreten. Anschließend mussten die Akteure den Kopf immerzu von rechts nach links drehen. Minutenlang ging das so. Dann erklärte Merkel endlich den Sinn der eigenartigen Übung: "Damit ihr wisst, was ihr sagen müsst, wenn euch einer fragt, ob ihr Fußball spielen könnt." Die Maxime des größten Sprücheklopfers der Bundesliga-Geschichte war immer: "Wir müssen den Zuschauern so viel bieten, dass wir den Tresor vor lauter Geld nicht mehr schließen können."

Dieser Idee blieb er auch nach seiner Trainer-Karriere als Kolumnist der "Bild"-Zeitung treu. Oft landeten zum Zwecke der Unterhaltung seine Sprüche tief unter der Gürtellinie ("Dem gehört eine Banane in die Hand und dann ab auf den Baum", über Paul Breitner). Und nur wenige Protagonisten der Bundesliga konterten seine Gemeinheiten so wunderbar schlagfertig wie einer von Merkels früheren Trainerkollegen. Über ihn hatte der Österreicher gesagt: "Der Dettmar Cramer hat doch nur den Schwarzen im Senegal beigebracht, wie man Kakteen umdribbelt." Daraufhin meldete sich Cramer gelassen-süffisant zurück: "Hier ist der Kollege Merkel schlecht in Geographie: Im Senegal gibt es gar keine Kakteen."

Unser Kolumnist Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Sein aktuelles Buch heißt "Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs, live ist Redelings deutschlandweit mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: ntv.de