Fußball

Ben Redelings will Fußball-Fasten "Midlife-Crisis? Das ist noch absurder"

Ben Redelings nennt sich selbst einen "totalen Fußball-Nerd" und lebt das ungeniert in seinen n-tv.de Kolumnen aus. Im Mai wagt der Bochumer nun den Radikalschnitt: 31 Tage Fußball-Fasten, 31 Tage Enthaltsamkeit vom aktuellen Sportgeschehen auf dem Rasen - auch beim Abstieg seines VfL Bochum. In vier Kolumnen wird er auf n-tv.de über seine Erfahrungen berichten. Nur - warum das alles? Ein Gespräch über Wahnsinn, Sinnkrisen, Entbehrungen, Bewusstseinsschübe und rote T-Shirts mit Stoppzeichen.

Ben Redelings ohne Fußball - das ist wie Bochum ohne Fiege-Bier, Curry ohne Wurst, Berlin ohne Alex. Was ist da los?

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Redelings: Ich habe mir vor ungefähr einem Jahr, wahrscheinlich von Thomas Tuchel angeregt, ein Fußball-Sabbatical verordnet: Ein Jahr lang kein Fußballbuch schreiben, was für mich schon eine Wahnsinnsleistung ist. Und ein Jahr keine Auftritte zum Thema Fußball. Letztlich ist übriggeblieben, dass ich tatsächlich kein Fußballbuch mache, aber auftrete - und deshalb dachte: Du musst das ganze komprimieren und verrückter, wahnsinniger machen.

Und da blieb nur Fußball-Fasten?

Was ist für mich selbst, der seit zehn Jahren berufsmäßig nichts anderes macht als Fußball von morgens bis abends, härter als zu sagen: Ich will im Entscheidungsmonat Mai 31 Tage nichts vom Fußball mitbekommen? Ich mache den Radikalschnitt.

"Fußball ist nicht das Wichtigste"

Ben Redelings, Jahrgang 1975, sagt: "Ich lese eigentlich alles, was es zur Bundesliga gibt." Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und kümmert sich seit 15 Jahren hauptberuflich um alles, was mit Fußball zu tun hat. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er alle zwei Wochen mittwochs die spannendsten und lustigsten Geschichten auf - eigentlich. Seit dem 1. Mai befindet sich der "Fußball-Nerd" in einem besonders nerdigen Selbstversuch: 31 Tage Enthaltsamkeit, 31 Tage Fußball-Fasten. Wie das funktioniert und ob überhaupt - davon berichtet er noch bis zum Ende des Monats jede Woche in seiner Kolumne.

Sie sind ganz sicher, dass Sie keine Sinnkrise durchleiden?

Die Geschichte mit dem Fußballbuch und den Auftritten, das mag so etwas sein. Man wird bald 40, man überdenkt nochmal ein paar Sachen. Aber 31 Tage lang wirklich nichts vom Fußball mitbekommen zu wollen und dafür auch alles zu tun: Das kann man nicht mit einer Midlife-Crisis vergleichen, in der man sich ein neues schickes Auto kauft oder ab sofort auf ein Sixpack hin trainiert. Das ist, finde ich, noch absurder.

Nur: Wie soll das funktionieren?

Ich will vom aktuellen Geschehen nichts mitbekommen und damit meine ich in der Tat: gar nichts. Wie das möglich sein wird, weiß ich nicht. Bestimmte Sachen werden nicht mehr gehen: Einfach so ins Internet, Facebook, Twitter, alles was mit sozialen Medien zu tun hat. Da von jetzt auf gleich Verzicht zu üben, wird mit am härtesten.

Muss Ihre Frau jetzt morgens zum Briefkasten und den Fußball-Giftmüll entsorgen?

Einfach die Zeitung aufschlagen, wird nicht mehr klappen. Die muss vorher von meiner Frau durchgesehen werden. Ich werde mir auch jeden Abend die Fernsehnachrichten aufnehmen lassen müssen. Im Fernseher ist 24 Stunden Sky Sports News eingespeichert. Wenn ich den selbst einschalte, würde ich irgendetwas mitbekommen.

Gab es vorab ein Trainingslager, um auch Ihr Umfeld auf Fußball-Nachrichtenverweigerung einzustellen?

Ich wurde schon gefragt, ob ich auch SMS und E-Mails nicht mehr checken kann. Das kann tatsächlich passieren. Seit einer Woche habe ich bewusst kommuniziert, dass ich nichts erfahren will. Und wenn ich nach draußen gehe, werde ich immer ein rotes T-Shirt mit einem Stoppschild anhaben, auf dem steht: "31 Tage ohne Fußball". Das wird die Leute hoffentlich dazu bewegen, mir nichts zuzuraunen.

Wie viele T-Shirts existieren bislang?

Ich habe erstmal zwei bestellt, weil ich dachte: Wahrscheinlich gehe ich nicht so viel nach draußen. Wenn ich aber merke, ich kann mich draußen doch noch frei bewegen, werde ich sicherlich schnell noch welche nachordern.

Mit welchen Erwartungen starten Sie das Fasten-Experiment?

Ich habe schon einmal fünf Tage richtig gefastet und kann mich noch genau an den fünften Tag erinnern, als ich gesagt habe: Ich brech' das jetzt ab. Ich weiß noch, wie ich dann ein komplettes Brot mit Käse verschlungen habe. Deshalb bin ich sehr gespannt, ob es mir diesmal nach 31 Tagen ohne Fußball auch so gehen wird. Ob ich feststelle: Ich muss unbedingt wieder Fußball total genießen. Oder ob ich vielleicht merke: In Maßen reicht eigentlich auch.

Was wäre Ihnen lieber?

Ich hoffe ein wenig auf einen Bewusstseinsschub. Wir sind von Fußball so überladen, dass selbst ich als Nerd schon teilweise sage: Es ist mir einfach zu viel.

Was passiert nach dem Fußball-Fasten? Intensives Nacharbeiten?

Absolut. Ich habe mehrere Leute in meinem Umfeld darauf getrimmt, dass sie alles aufschreiben, womit sie in den 31 Tagen an Fußball konfrontiert werden. Wir werden auch alle möglichen Zeitungen aufbewahren, um am Ende auszuwerten: Wie häufig war Fußball auf den Titelblättern? Ich glaube, es ist zu viel und wäre gut, wenn es weniger wäre. Aber ich lass mich da überraschen.

Fürchten Sie Entzugserscheinungen?

Ganz ehrlich? Ich befürchte tatsächlich, dass es das gibt. Und vor allem auch dieses Gefühl, nichts zu erfahren und nichts zu wissen. Ich glaube, das macht einen besonders kirre. Es wird aber bestimmt Leute geben, die wissen, dass sie mir nichts zutragen dürften - und das dann trotzdem machen.

Zum Beispiel den Abstieg ihres Lieblingsvereins VfL Bochum. Wollen Sie so etwas wirklich erst Tage später erfahren?

Ich glaube, wenn der VfL Bochum absteigt, wird man es in der Stadt merken. Da wird man nicht drumherum kommen, einfach weil man es an den traurigen Gesichtern der Leute sieht. Vielleicht merkt man es aber auch nicht, weil der Verein doch nicht so wichtig ist in der Stadt, wie man immer denkt? Mal schauen. Am besten wäre, es passiert erst gar nicht!

Wäre es Ihnen im Abstiegsfall gestattet, sich daheim mit dem VfL-Schal eine Träne abzutupfen?

Das könnte ich tatsächlich erst am 1. Juni machen, weil ich keine Fußballinformation bewusst kontrollieren werde. Ich weiß ja eigentlich nichts, und diesen Zustand will ich bis zum Ende auch behalten. Egal, was passiert.

Wirklich egal, was passiert?

Ich hoffe bei allen Entbehrungen, dass es am Ende auch viel Spaß macht und es keinen Grund für einen vorzeitigen Abbruch gibt. Aber, auch ein alter Leitspruch: Fußball ist Leben, Fußball ist verrückt, und man weiß nie wie es ausgeht.

Mit Ben Redelings sprach Christoph Wolf

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Quelle: n-tv.de

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