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Heikelste Aufgabe der Bundesliga Mit Coach Wagner geht Schalke ins Risiko

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David Wagner soll den FC Schalke zurück zum Erfolg führen.

(Foto: imago images / Focus Images)

Die Suche auf Schalke hat ein Ende: Mit dem neuen Trainer David Wagner ist die zentrale Position in der Zukunftsplanung des Fußball-Bundesligisten final besetzt. Die Profi-Erfahrung des US-Amerikaners ist übersichtlich. Eine Personalie mit Risiken - und Chancen.

Englische Zeitungen sind gemeinhin speziell. Vor allem im Bereich des Boulevards geht es mitunter ruppig und rücksichtslos zu. Wer sich auf sie beruft und sie als Fußball-Informationsquelle benutzt, sollte mit den Botschaften vorsichtig umgehen - zumindest wenn sie der Regenbogenpresse entstammen. Doch mit einer Nachricht haben sie alle in den vergangenen Tagen richtiggelegen.

Denn schon vor einer Woche wurde auf der Insel kolportiert, dass David Wagner der neue Coach des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 werden solle und ab Sommer die Nachfolge von Domenico Tedesco und Retter Huub Stevens antreten werde. Diese Nachricht wurde gestern Abend von Vereinsseite per Medieninfo bestätigt. "Mit einem hochmotivierten Rückkehrer in die Bundesliga", so heißt es in der Verlautbarung, "geht die Lizenzspieler-Mannschaft in die neue Saison 2019/2020."

Überraschende Leistungen mit Huddersfield

Hochmotiviert wird er auch sein müssen, der 47-jährige Fußball-Lehrer mit US-Pass. Das Feld, das er in Gelsenkirchen zu bearbeiten hat, ist weit und seine Referenzen als Fachkraft auf der Bank sind im Vergleich zu anderen gehandelten Kandidaten übersichtlich. Seine beste: Er machte aus einem Provinzklub und Außenseiter namens Huddersfield Town in England in kurzer Zeit einen Aufsteiger in die Premier League. Und - was als noch viel größere Leistung gilt - er überstand das erste Jahr in der derzeit wohl aufregendsten Liga Europas.

Erst als das Team in der zweiten Spielzeit nach unten durchgereicht wurde, griffen auch dort die üblichen Mechanismen. Und doch irgendwie anders, weil die Initiative von Wagners Seite ausging, der um seine Freistellung gebeten hatte. Das war im Januar dieses Jahres. "Ich möchte David für alles danken, was er in den vergangenen dreieinhalb Jahren bei Huddersfield Town geschafft hat", sagte Klubboss Dean Hoyle im Januar anlässlich seiner Verabschiedung. "Unter ihm haben wir Dinge auf dem Platz erreicht, die ich mir nie hätte vorstellen können."

Nichts weniger soll er auch in Schalke schaffen, wo er vor mehr als 20 Jahren als - kleiner - Teil der "Eurofighter" blau-weiße Geschichte schrieb. Die wohl schönste Anekdote ist die, dass Wagner damals in der ersten Runde des Uefa-Cups im Rückspiel der Gelsenkirchener bei einem niederländischen Klub namens Roda Kerkrade sogar ein Tor erzielte. Trainer der Kerkrader Mannschaft war damals kein Geringerer als Huub Stevens, der nur wenige Wochen später von Rudi Assauer für die Königsblauen verpflichtet wurde.

Klopp ist Wagners Mentor

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Wagners größter Mentor auf seinem Weg ins Trainergeschäft war jemand, der gerade mit seinem Klub das Finale der Champions League erreicht hat: Jürgen Klopp. Der Teammanager des FC Liverpool kickte einst gemeinsam mit Wagner in Mainz, war später in seiner Dortmunder Zeit dessen Vorgesetzter, als der die Reserve coachte. Beide verbindet schon viele Jahre eine enge Freundschaft: Wagner ist Trauzeuge Klopps, Klopp ist Taufpate von Wagners Tochter. Von Dortmund wechselte der Mann 2015 in die Premier League. "Mit Huddersfield aufzusteigen und dann noch in der Liga zu bleiben, das ist, als würde Remscheid aus der jetzigen Situation hochgehen", sagte Klopp vor wenigen Tagen der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". "Der Verein ist die nächsten 50 Jahre abgesichert, weil David Wagner da war und einen unfassbaren Job gemacht hat", so Klopp.

So einen suchen sie am Schalker Markt seit Jahren. Jens Keller, Roberto di Matteo, André Breitenreiter, Markus Weinzierl und zuletzt auch Domenico Tedesco arbeiteten sich in den vergangenen fünf Jahren vergeblich ab an diesem nur schwer zu greifenden Traditionsklub, wo die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit größer ist als bei vielen anderen Vereinen. Dass nun mit der Verpflichtung Wagners alles besser wird, ist eine Hoffnung, aber keine Gewissheit. So muss man auch das Statement von Jochen Schneider zur Verpflichtung des neuen Mannes lesen. "Wir freuen uns, mit David Wagner einen Trainer für uns gewonnen zu haben, der perfekt ins Anforderungsprofil passt: Einen, der Fußball so gestaltet, dass die Mannschaft das Heft des Handelns selbst in die Hand nimmt, laufintensiv, mit möglichst viel Tempo. Aber auch einer, der mit seiner Persönlichkeit ein Team formen und Spieler individuell verbessern kann", erklärt der Sportvorstand in der offiziellen Verlautbarung des Vereins.

Wenig Planungssicherheit, viel Gestaltungsspielraum?

Wie viel Planungssicherheit die Schalker Chefetage dem neuen Coach derzeit geben kann, ist ungewiss. Noch hat Schneider auf seinem Weg zur umfassenden Neuordnung der sportlichen Führung weder einen Sportdirektor noch einen Kaderplaner präsentieren können, die als Team hinter dem Team Wagner zuarbeiten sollen. Gut möglich aber auch, dass diese nicht unerheblichen Personalentscheidungen nun in engem Schulterschluss mit dem neuen Mann auf der Bank getroffen werden. Wie sehr dabei ins Gewicht fällt, dass Wagner erst ins Gespräch kam, nachdem Kandidaten wie Roger Schmidt, der seinen Vertrag mit Beijing Guoan erfüllen will, oder Marco Rose, der im Sommer zu Gladbach geht, von der Kandidatenliste gestrichen waren, bleibt abzuwarten.

Eines muss man Wagner aber schon jetzt zugutehalten: Er traut sich die wohl heikelste Aufgabe, die die Bundesliga derzeit bereithält, offensichtlich zu. Kenner sagen über ihn, dass er seine Mannschaften mit Ansprache und Ausstrahlung überzeuge, weniger über Fußballtheorie. Damit käme er dem Klopp'schen Fußball-Prinzip sehr nahe. Das alles könnte hilfreich sein, um ein zutiefst verunsichertes und lebloses Knappen-Kollektiv wieder zum Leben zu erwecken, in der Liga erst zu stabilisieren, um dann schrittweise wieder Richtung Europa zu blicken. "Ich kenne aus eigener Erfahrung als Spieler die Kraft, die Schalke 04 entwickeln kann, wenn Mannschaft, Verein und Fans an einem Strang ziehen", so Wagner in der Medieninfo. "Erneut in diese Welt einzutauchen und mitzuhelfen, die aktuelle Situation wieder zum Positiven zu verändern: Das ist die größte Motivation für mich, wieder in die Bundesliga zurückzukehren."

Quelle: n-tv.de

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