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Drohender CL-Ausschluss Muss Man City diesmal wirklich zittern?

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Das große Ziel der Verantwortlichen von Manchester City ist der Triumph in der Champions League. Für diesen Wettbewerb aber könnte der Klub gesperrt werden.

(Foto: imago/DeFodi)

"Völlig unbefriedigend, verkürzt und feindselig"; "Fehler, Fehlinterpretationen und Verwirrungen": Am Donnerstag ist die Auseinandersetzung zwischen Manchester City und der Uefa vollends eskaliert. Vier Tage, nachdem Josep Guardiola und seine Mannschaft mit einem Marktwert von über einer Milliarde Euro den sechsten Titel in der englischen Premier League errungen hatten, teilte einer der reichsten und mächtigsten Fußballklubs der Welt per Pressemitteilung in scharfer Diktion gegen die europäischen Regelhüter aus und kritisierte den Ermittlungsleiter Yves Leterme persönlich. Es herrscht höchste Alarmstufe bei dem von der Herrscherfamilie von Abu Dhabi kontrollierten Luxusverein.

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Professor Ludwig Hierl ist Buchautor und Experte zum Thema Bilanzanalyse von Fußballklubs.

Wenn ein Klub wie ManCity das diplomatische Parkett verlässt und sich einer verbalen Grätsche bedient, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Lage ernst ist. Es geht um nichts Geringeres als den Ausschluss aus der Champions League. Es wäre ein Super-GAU für die "Citizens", die sich nach nichts mehr sehnen als nach dem Titel in der "Königsklasse". Wie das Magazin "Der Spiegel" berichtet, soll der Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan bereits etwa zwei Milliarden Euro in den Verein investiert haben.

Zur Person: Ludwig Hierl

  • Der 44-Jährige forscht und lehrt an der staatlichen Dualen Hochschule Baden-Württemberg am Standort Heilbronn.
  • Professur insbesondere für Accounting und Controlling.
  • Beirat des Wissenschaftlichen Instituts des Bundesverbands der Bilanzbuchhalter und Controller.
  • Autor des Fachbuches "Bilanzanalyse von Fußballvereinen".
  • Aktuell läuft ein neues Buchprojekt über Financial Fairplay, das bei Springer Gabler erscheinen wird

Belgiens ehemaliger Premierminister Leterme, Chef der unabhängigen Finanzkontrollkammer für Klubs (FKKK), hatte den Fall ManCity am Donnerstag nach gut zwei Monaten Ermittlungszeit an die rechtssprechende Kammer der Uefa weitergeleitet. Laut der Zeitungen "Telegraph" und "New York Times" mit der Empfehlung, ManCity aus dem Wettbewerb auszuschließen. Vor allem diese Vorab-Veröffentlichung, möglicherweise durch einen Uefa-Informanten, erzürnte den Klub. Nun soll die FKKK darüber befinden, ob der Verein gegen die Financial-Fairplay-Regelung der Uefa verstoßen hat. n-tv.de beantwortet gemeinsam mit Professor Ludwig Hierl, Buchautor und Experte zum Thema Bilanzanalyse von Fußballklubs, die Fragen zum Finanzskandal.

Worum geht es?

Durch die Enthüllungen von Football Leaks konnten wahrscheinlich indirekte Zahlungen des Anteilseigners Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan an ManCity aufgedeckt werden. Die Veröffentlichungen legen nahe, dass der Klubbesitzer Zahlungen nicht direkt an seinen Klub geleistet, sondern systematisch über Sponsoren wie beispielsweise die Fluggesellschaft Etihad oder die Tourismusbehörde von Abu Dhabi umgeleitet und somit versteckt haben könnte. Die Sponsoren sollen Millionenbeträge von der Holding Abu Dhabi United Group (ADUG), zu der auch ManCity gehört, erhalten und diese Zahlungen zusammen mit ihrem Anteil an der Sponsoring-Gesamtzahlung an den Klub weitergeleitet haben. So könnte ManCity die Uefa getäuscht haben, um sich höhere Ausgaben erlauben zu können. Experte Hierl sagt: "Im Sinne des Financial Fairplay wäre es naheliegend, dass diese Sponsoringzahlungen von der Uefa nun als nicht marktüblich, sondern als unüblich hoch bewertet werden und die versteckten Zahlungsanteile des Scheichs aus den Sponsoringbeträgen herausgerechnet werden."

Wogegen verstößt ManCity?

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Was wird? Trainer Josep Guardiola.

(Foto: Action Images via Reuters)

Diese getarnten Zusatzzahlungen des Scheichs könnten dann bei der Ermittlung der sogenannten "relevanten Einnahmen" unberücksichtigt bleiben. So ist es möglich, dass innerhalb der aktuellen Monitoring-Periode - diese umfasst drei Jahre - die relevanten Einnahmen geringer sind als die relevanten Ausgaben. Durch die sogenannte Break-Even-Regel soll garantiert werden, dass die Klubs gesund wirtschaften und Klubbesitzer nicht nach Gutdünken Geld zuschießen. Genau das aber könnte bei ManCity versteckt geschehen sein. Die zulässige Unterdeckung beträgt laut Regelwerk fünf Millionen Euro. Sofern ein Investor, wie im vorliegenden Fall der Scheich, das Defizit ausgleicht, kann das zulässige Defizit auf bis zu 30 Millionen Euro erweitert werden. "Dass die Finanzkommission die Ermittlungen abgeschlossen und ihre Unterlagen an die rechtssprechende Kammer weitergeleitet hat, deutet darauf hin, dass eine Überschreitung dieser Defizitgrenze vorliegt", sagt Hierl. Da sich die Uefa auf eine Konfrontation mit einem der potentesten Klubs einlässt, dürfte der zu beanstandende Betrag erheblich sein.

Welches Strafmaß ist vorgesehen?

In ihrem Klublizenzierungs- und Financial Fairplay-Regelwerk regelt die Uefa explizit, dass bei einem Verstoß gegen die Lizenzierungskriterien als Strafmaß die Verweigerung der Lizenz zur Teilnahme an einem Uefa-Klubwettbewerb droht. Zudem behält sich der Verband vor, durch Ermahnungen, Verweise, Geldstrafen, Punktabzüge, Einbehaltung von Einnahmen aus Uefa-Wettbewerben, Verbote der Meldung von neuen Spielern, Beschränkungen der Anzahl der gemeldeten Spieler sowie Widerruf von Titeln oder Auszeichnungen zu sanktionieren. Auch der englische Ligaverband ermittelt laut "Bild"-Zeitung gegen den Meister und behält sich je nach Uefa-Urteil ebenfalls Sanktionen vor - bis zur Aberkennung des Meistertitels.

Wie wird ManCity zur Verteidigung argumentieren?

"Ziel wird sein, den Fair Value - die Marktüblichkeit - für die beanstandeten Sponsorenzahlungen so zu bewerten und nach oben zu korrigieren, dass die Break-Even-Regel eingehalten wird", sagt Hierl. Ob die gezahlten Sponsoringsummen marktüblich sind, wird von vermeintlich unabhängigen Agenturen wie Nielsen ermittelt. "Um den Vorwurf zu entkräften, zusätzliches Geld des Eigentümers über Umwege erhalten zu haben und damit Lizenzunterlagen wissentlich falsch eingereicht zu haben, ist davon auszugehen, dass ManCity bekräftigen wird, von den Zahlungen des Scheichs in Unkenntnis gewesen zu sein", schätzt Hierl ein. "Das Geld ging ja direkt von den Sponsoren ein." Der Klub hofft: "Manchester City ist von einem positiven Ergebnis völlig überzeugt, wenn die Angelegenheit von einer unabhängigen Justizbehörde geprüft wird."

Ist der Ausschluss von ManCity tatsächlich wahrscheinlich?

Experte Hierl sagt: "Im Grundsatz kann sich die Uefa mit den Klubs auch ohne Überweisung an die Rechtskammer auf einen Vergleich einigen. Das ist effizient für den Verband, weil so ein langwieriger und hinsichtlich des Ergebnisses durchaus ungewisser Rechtsstreit vermieden werden kann." Doch da der brisante Fall nun einmal an die rechtssprechende Instanz weitergeleitet wurde, ist auch ein juristisches Urteil zu erwarten.

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Mansour Bin Zayed Al Nahyan ist der Mäzen der Citizens.

(Foto: REUTERS)

"Ich würde mich im Sinne der Umsetzung der Regelwerke gern irren, aber einen Ausschluss halte ich für unwahrscheinlich", sagt Hierl, der eher mit einer hohen Geldstrafe und anderen Sanktionen rechnet. "Die Uefa hat kein Interesse, einen Topklub und damit ein zentrales Zugpferd von der Champions League auszuschließen. Zu hoch wären drohende Einnahmeverluste." Zudem gilt ManCity als einer der treibenden Kräfte der Idee einer europäischen Super-Liga, bei der sich die besten Klubs Europas ohne Uefa-Beteiligung zusammenschließen könnten. Nichts fürchtet die Uefa mehr.

Wie wurden andere Klubs sanktioniert?

Seit der Spielzeit 2013/2014 ist die Einhaltung der Break-Even-Vorschrift verpflichtend und wird im Grundsatz bei einer festgestellten Verletzung sanktioniert. Am häufigsten waren von solchen Sanktionen Klubs aus der Türkei, Russland und Rumänien betroffen. Die Klubs aus den Top-5-Ligen (Deutschland, England, Spanien, Frankreich und Italien) wurden nur in wenigen Fällen bestraft, überwiegend durch den Abschluss von Vergleichsvereinbarungen. So wie auch im Falle von Manchester City 2014, als der Verein bereits damals 60 Millionen Euro zahlen musste. Der bekannteste Klub, der bislang mit dem höchsten Strafmaß sanktioniert wurde, ist der AC Mailand. Der zunächst ausgesprochene zweijährige Ausschluss von den Europapokal-Wettbewerben wegen Verstößen gegen das Financial Fair Play wurde allerdings wieder aufgehoben und bis 2021 zur Bewährung ausgesetzt. "Der erfolgreiche Einspruch der Italiener beim internationalen Sportgerichtshof CAS wird wohl nicht dazu beitragen, dass die Uefa im aktuellen Fall mit vollem Selbstbewusstsein agieren wird", so Hierl. Doch auch wegen der verbalen Provokationen aus Manchester könnten sich die Alphatiere im Verband herausgefordert fühlen.

Quelle: n-tv.de

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