Letzte Chance: Aufstieg?Noch verweigert sich Hertha BSC der schnöden "Normalität"

Eine Rotsperre und mysteriöse Ausfälle: Die Aufstiegsmission von Hertha BSC zurück in die Fußball-Bundesliga startet unter schlechten Vorzeichen. Im Berliner Westend will man sich zum Rückrundenstart davon aber nicht beirren lassen - denn es geht ums große Ganze.
Im Berliner Westend ist das mit der Hoffnung so eine Sache. Wer es schon länger mit Hertha BSC hält, weiß, dass man sich der Versuchung nur ganz vorsichtig oder eben heimlich hingeben darf. In der Nachspielzeit fällt immer noch ein Gegentor, die drei Punkte gegen den Abstiegskandidaten müssen auch erst mal geholt werden. Doch im vergangenen Sommer begannen selbst die härtesten Pessimisten, an sich zu zweifeln: Es gab erstaunlich viele Argumente, dass es der Hauptstadtklub im dritten Anlauf tatsächlich wieder in die Fußball-Bundesliga schaffen könnte.
Die Ausgangslage war fantastisch, zumindest stand das in diversen Saisonvorschauen. Mit Stefan Leitl steht nicht nur ein Trainer mit Aufstiegserfahrung an der Seitenlinie, sondern auch ein sachlicher Pragmatiker im hysterischen Umfeld. Die Qualität des Kaders wandelt erneut trotz des Abgangs von Ibrahim Maza zu Bayer Leverkusen irgendwo zwischen erster und zweiter Liga (mit Schwächen auf den Flügeln). Und klar, auch 2025 hat der schillernde Kapitän Fabian Reese den Versuchungen anderer Klubs widerstanden.
Alles Ha-Ho-Herrlich, oder? Nun ja, die Realität spielte halt nicht mit. Und der FC Schalke 04 auch nicht. Im vergangenen August eröffneten die beiden Traditionsklubs die neue Zweitligasaison. Nicht nur die 62.271 Menschen in der Arena auf Schalke sahen, wie die Berliner von den leidenschaftlichen Königsblauen regelrecht aufgefressen wurden. S04-Trainer Miron Muslic peitschte Team und Stadion unermüdlich nach vorne. Am gewann Schalke mit 2:1 und Hertha war wieder einmal bedient. Vielmehr noch: Die Berliner kamen nach ihrem erschreckend schwachen Spielvortrag sichtbar selbst ins Zweifeln.
Und wenn es wieder nicht klappt?
Nun, fünfeinhalb Monate später, also wieder Schalke. Am Abend (20.30 Uhr/RTL, Sky und im ntv.de-Liveticker) treffen beide Klubs erneut aufeinander, diesmal im ausverkauften Berliner Olympiastadion. Mit schlechten Vorzeichen aus Berliner Sicht: Trotz der Rotsperre von Innenverteidiger Toni Leister und einer mysteriösen Grippewelle unter der Woche sollten sich die Berliner nicht erneut überrumpeln lassen. Es geht nicht nur um die direkte Tabellenposition - Tabellenführer Schalke ist schon neun Punkte enteilt. Für Hertha geht es um den Aufstieg, diesmal wirklich. Dafür ist die Rückrunde, die der Klub mit fünf Punkten Rückstand auf den Relegationsrang beginnt, naturgemäß entscheidend.
Seit dem Abstieg im Sommer 2023 lebt der Zweitligist über seine Verhältnisse. Klar, ein weiteres Jahr in der 2. Liga übersteht Hertha BSC schon, sagte der neue Geschäftsführer Peter Görlich unter der Woche der "Sport Bild". Aber: "Wir sehen größer. Das macht uns Druck, der von innen und außen kommt. Aber wenn man das Feuer nicht verträgt, muss man auch nicht an den Herd. Der Aufstieg ist ein Beschleuniger in der Konsolidierung. Er ist unser größtes Ziel, daher ordnen wir ihm vieles unter."
Was er damit meint? Die Stars Reese, Michael Cuisance und Co. werde man wohl kaum noch ein weiteres Jahr in der Zweitklassigkeit halten können. "Natürlich werden sich Dinge ändern, wenn wir Ziele nicht erreichen", formulierte es Görlich. Man bearbeite das Interesse an den Top-Akteuren "sehr gewissenhaft und professionell" - und wolle "die besten Spieler" auch halten. Nur: Der Kader sei gerade sehr kostenintensiv. Hertha müsse "wieder mehr auf Normalität und Wettbewerbsfähigkeit achten. In der Hinsicht gibt es viel zu tun".
Heißt: entweder Aufstieg oder der nächste Umbruch. Wer weiß, ob dann auch im nächsten Jahr eine vielversprechende Mannschaft zusammenkommt? Deshalb tut man sich schwer, sich mit einer Normalität abzufinden, die sich 2. Liga nennt. Es soll schnellstmöglich zurück ins Fußball-Oberhaus gehen. Denn auch das ist eine Erkenntnis: Mit jedem Jahr in der Zweitklassigkeit rückt der Aufstieg ein Stückchen weiter weg. Wenn der "Berliner Weg", also das Setzen auf den eigenen Nachwuchs, die Maßgabe ist, dann ist das zudem ein gewaltiges Problem. Der Klub verliert an Strahlkraft und Geld, beides wiederum wirkt sich unmittelbar auf den Kader und seine Talente aus.
Das heißt, dass so mancher Berliner Junge schon in der Zweitliga-Zeit aus den Reisen nach Elversberg, Braunschweig und Paderborn herauswächst. Maza wirbelt mittlerweile für Bayer Leverkusen in der Champions League, Ex-Trainer-Sohn Bence Dardai ist eine Stammkraft beim VfL Wolfsburg, gleiches gilt für Derry Scherhant beim SC Freiburg. Um das finanzielle Überleben zu sichern, mussten sie alle verkauft werden. Bei dem 16-jährigen Kenneth Eichhorn werden die Hertha-Verantwortlichen im Sommer auch kräftig Abwägen müssen.
Nicht alles ist schlecht
Die Auftaktpleite gegen Schalke war mehr als eine Niederlage; sie sägte am Selbstverständnis und hallte nach. In den ersten vier Spielen holte Hertha BSC gerade einmal zwei magere Pünktchen. Spielerisch war man weit von den eigenen Vorstellungen entfernt. Einen "Scheiß-Saisonstart" diagnostizierte Präsident Fabian Drescher damals, hielt aber weiter am Saisonziel Aufstieg fest. Der Klub, der über Jahre zahlreiche Trainer verschlissen hat, probierte in der unruhigen Zeit etwas Neues: Er hielt an Leitl fest, ließ ihn weiter arbeiten.
Mit Erfolg: Die Berliner arbeiten sich Stück für Stück aus dem Tabellenkeller, zwischenzeitlich gewinnen sie sogar sieben Partien in Folge. Torwart Tjark Ernst bleibt mehr als 1000 Minuten ohne Gegentor, nach und nach kehren die verletzten Stammkräfte zurück. Und, besonders schön für die Fans: Diese für Berliner Verhältnisse beängstigend erfolgreiche Hochphase begann mit einer regelrechten Explosion im Olympiastadion.
Ende November lieferte sich die Hertha über 95 Minuten ein wenig ansehnliches Duell mit Fortuna Düsseldorf. Die Berliner vergeben Topchancen, die Nordrhein-Westfalen verwalteten indes das 0:0-Remis. Erst in der Nachspielzeit wagten die Blau-Weißen einen letzten Konter, den die Bayern-Leihgabe Maurice Krattenmacher in der sechsten Minute der Nachspielzeit ins Tor schlenzte. Und da war sie wieder, diese Hoffnung. Die Siegesserie gipfelte in einem 6:1-Erfolg im Pokal-Achtelfinale gegen Kaiserslautern. Und sie endete mit einer 0:2-Niederlage gegen Magdeburg.
Es ist eine Binse: Aber diese Rückrunde ist die letzte Chance, mit diesem Kader aufzusteigen. Von Jahr zu Jahr schmelzen die finanziellen Möglichkeiten. Kapitän Reese hatte im Winter laut der "Bild" ein gewaltiges Angebot von Besiktas Istanbul auf dem Tisch. Angeblich wurden ihm 2,5 Millionen Euro netto im Jahr angeboten. Wie das Blatt berichtet, soll der 28-Jährige mit Verweis auf seine "Lebensaufgabe" bei Hertha abgelehnt haben. Gemeint ist der Aufstieg, denn auch Reese macht sich noch Hoffnung.