Fußball

Ein Mann für alle Fußball-Wunder Otto Rehhagel, Klopper, Kumpel und König

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Er ist dabei, als die Fußball-Bundesliga startet. Und hat sie geprägt wie kaum ein anderer. Otto Rehhagel ist zwar nicht der erfolgreichste Trainer der Geschichte, aber der Mann für die besonderen Momente. Was bleibt? "Maul halten und klatschen."

Wenn für jemanden die Stanze "Kind der Bundesliga" erfunden wurde, dann für Otto Rehhagel. Für ihn ist das allerdings keine Floskel. Er bezeichnet sich selbst so. Exakt 1031 Mal war er dabei, 201 Mal als Fußballspieler und, wesentlich erfolgreicher, 830 Mal als Trainer. Das ist ein Rekord, keiner hat mehr erlebt. Es passt, dass der Mann aus Essen, der von Anfang an mittendrin war, heute zum Start der Bundesliga seinen 75. Geburtstag feiert.

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Mittendrin statt nur dabei: Otto Rehhagel im Jahr 1963.

(Foto: picture alliance / dpa)

Am 24. August 1963, vor 50 Jahren also, startete die deutsche Eliteliga in i hre erste Saison. Otto Rehhagel auch, im Trikot von Hertha BSC mit der Nummer zwei auf dem Rücken, beim 1:1 vor 60.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion gegen den 1. FC Nürnberg. Mitspieler Hans-Joachim Altendorff beschrieb im vergangenen Jahr im Gespräch mit der "Berliner Morgenpost" seinen ehemaligen Mitspieler: "Otto war rechter Verteidiger - ein sicherer Rückhalt. Er konnte einfach nicht verlieren. Wenn wir hinten lagen, hat er uns immer angefeuert: Los Jungs, das schaffen wir noch! Einfach ein richtig verrückter Fußballer."

Das war in der Zeit, als Otto noch nicht König, sondern Kumpel war. Otto Rehhagel, Jahrgang 1938, erlebt als kleiner Junge den Zweiten Weltkrieg und die Bombenangriffe auf seine Heimatstadt. Sein Vater, Bergmann auf der Zeche Helene in Altenessen, stirbt, als Otto elf Jahre alt ist. Seine Mutter und er leben in einer kleinen Wohnung von ihrer Witwenrente, nach der Volksschule macht er eine Lehre als Maler und Anstreicher und arbeitet anschließend in seinem Beruf ebenfalls auf der Zeche.

"Weg von diesen Trümmern, dem Hunger, der Not"

1960 wechselt er vom Vorortklub TuS Helene Essen zu Rot-Weiß Essen, seinem Lieblingsverein, in die Oberliga. Die 400 Mark, die er dort als Vertragsspieler im Monat bekommt, liefert er zu Hause ab. Drei Jahre später heiratet er seine Jugendliebe Beate, die beiden haben einen Sohn. Jens Rehhagel arbeitet als Nachwuchstrainer bei Hannover 96. Seinen Antrieb hat Otto Rehhagel so beschrieben: "Damals habe ich gedacht: Nein, du musst es zu was bringen. Weg von diesen Trümmern, dem Hunger, der Not. Der einzige Weg war der Fußball." Und er nahm sich vor: "Wenn es die Bundesliga gibt, bin ich dabei, dann steig' ich da ein." Er hat es geschafft. Vor 50 Jahren, mit der Nummer zwei auf dem Rücken.

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Hoch die Schale: Der Meister 1988 heißt Werder Bremen. Und der Trainer?

(Foto: picture alliance / dpa)

A ls Spieler "ein fürchterlicher Klopper", wie Braunschweigs Nationalspieler Lothar Ulsaß einst sagte, und zu Beginn seiner Trainerlaufbahn eher einer für die kurzfristigen Engagements, schuf er sein sportliches Lebenswerk in Bremen, wo er von 1981 bis 1995 arbeitete. Er übernahm die Mannschaft in der zweiten Liga und machte aus dem Aufsteiger eine Spitzenmannschaft, wurde zweimal Meister, zweimal Pokalsieger und gewann den Europapokal. Er war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Sie nannten ihn "König Otto". Nach 14 Jahren beim SV Werder ging er im Sommer 1995, weil die Bayern riefen. Doch in München kam er nicht gut zurecht, trotz eines Fünf-Jahres-Vertrags war nach zehn Monaten Schluss. Schon im November hatte er resigniert festgestellt: "Einige Spieler haben keinen Teamgeist. Die sind viel zu egoistisch, narzisstisch." Otto Rehhagel war als Nachfolger von Giovanni Trapattoni gescheitert. Er stand, so schien es, vor dem Ende seiner Karriere.

Triumphe mit Lautern und Griechenland

Doch er heuerte im Sommer 1996 beim 1. FC Kaiserslautern an. In der zweiten Liga. Wie in Bremen führte Otto Rehhagel die Mannschaft zum Aufstieg. Er bereitete damit den Boden für den größten Coup in der Geschichte der Bundesliga vor. Die Lauterer eroberten früh die Tabellenspitze. Und feierten am Ende der Saison 1997/1998 als erster und bisher einziger Aufsteiger die Deutsche Meisterschaft. Vor dem FC Bayern München. Otto Rehhagel war wieder obenauf. "Nach einer solchen unglaublichen Aufführung gibt es in der Oper nur eins: Maul halten und klatschen." Seit er schließlich mit Griechenland 2004 in Portugal sensationell die Europameisterschaft gewann, war ihm der Titel "König Otto" nicht mehr zu nehmen.

Das betont er immer wieder, wenn er mit Journalisten spricht. "Meine Reputation kann man mir nicht mehr neh­men", sagte er, als er im Februar 2012 noch einmal für zwölf Spiele die Hertha übernahm. "Das größte Co­meback seit Elvis 1968", nannte der frühere norwegische Nationalspieler Jan Age Fjör­toft die Rückkehr des Altmeisters. Am Ende stieg Berlin ab. Otto Rehhagel aber bleibt der Spezialist für Fußballwunder.

So schroff, unnahbar und oft selbstherrlich er in den späteren Jahren auftrat, so gut schaffte er es immer wieder, mit seinen Mannschaften eine Wagenburgmentalität zu entwickeln. Wir gegen die anderen, das konnte er gut. Den "König des Underdogs-Prinzips" nannte ihn einst die "Neue Züricher Zeitung". Es findet sich kaum ein ehemaliger Spieler, der schlecht über Otto Rehhagel redet. Im Gegenteil, die meisten seiner Schützlinge sprechen von einer Familie, wenn sie an die Zeit mit diesem offenbar außergewöhnlichen Trainer denken.

Seine Sprüche vom "demokratischen Diktator" waren wohl eher für die Journaille gedacht. Als würden andere Trainer über die Aufstellung abstimmen lassen. Jürgen Rollmann, seinerzeit zweiter Torhüter bei Werder, schrieb für die "NZZ": "Während meiner Zeit in Bremen bekam kein Spieler, der ihn um einen freien Tag bat, diese Bitte abgeschlagen." Geldstrafen bei Vergehen habe es nicht gegeben. "Straftraining oder übertriebene Übungseinheiten nach Niederlagen, was jüngere Trainer gerne als Zeichen von Stärke demonstrativ für die neugierige Öffentlichkeit machen - lächerlich für Otto Rehhagel." Thomas Helmer, der als Verteidiger dessen unglückliche Episode in München erlebte, sagt: "Menschlich war er eine Granate."

Quelle: ntv.de