"Bisschen Ärger" über DFB-FrauenPlötzlich gibt sich der Bundestrainer nicht mit dem Kantersieg zufrieden
Von Anja Rau, Nürnberg
5:1-Sieg, jedes Tor eine andere Schützin, die perfekte Punkteausbeute und die WM-Qualifikation fast sicher: Eigentlich könnte Bundestrainer Christian Wück zufrieden sein mit den DFB-Frauen. Ist er aber nicht - und die Spielerinnen ziehen da mit.
Kurz vor Abpfiff schalten die Fans auf den Tribünen des Nürnberger Max-Morlock-Stadions die Lampen ihrer Handys an, sie singen "Oh, wie ist das schön" und vor allem viele Kinder strahlen. Vielleicht sogar mit den Spielerinnen auf dem Rasen um die Wette. 5:1 (1:0) gegen Österreich in der WM-Qualifikation, das Ticket für das Turnier in Brasilien im kommenden Sommer schon fast gelöst. Zum achten Mal im achten Aufeinandertreffen gewinnt Deutschland gegen den Nachbarn. Wieder einmal ist es absolut deutlich. Zeit für Jubel, Trubel, Heiterkeit also. Nicht allerdings, wenn es nach Bundestrainer Christian Wück geht.
"Ich finde, wir sind nicht an unser Leistungslimit gekommen, was die Mannschaft schon gezeigt hat", sagt er nach der Partie. "Viele leichte Fehler, viele unnötige Fehler", hat er gesehen, "viele Pässe, die nicht auf höchstem Niveau gespielt wurden". Wück kritisiert sein Team für ein "kräftezehrendes" Spiel, "weil wir immer wieder hinterherlaufen mussten. Das hat mich ein bisschen geärgert, weil es einfach unnötig war."
Obwohl sein Team die Gegnerinnen unter Kontrolle hatte und die Abwehrkette fast an der Mittellinie spielen konnte - so tief ließen die Österreicherinnen sich in die eigene Hälfte pressen -, wirkte das Spiel phasenweise zäh, etwas planlos vor dem Torabschluss. In der zweiten Halbzeit lief der Ball mit mehr Stringenz und Selbstsicherheit, was auch in mehr Torchancen - und Toren - mündete.
Also durchaus treffend, was Wück analysiert, aber dennoch überraschend. In einer Fußball-Welt, in der Trainer sich häufig schützend vor ihr Team stellen oder eher mit dem Finger auf so manch übereifrigen Kritiker zeigen. Zumal Wück ja vor allem nach der torreichen zweiten Halbzeit und so manchem Detail hätte besänftigt sein können. Zählt man das zwischenzeitige 3:0, das zunächst Sjoeke Nüsken zugeschrieben worden, aber dann doch als Eigentor von Sarah Puntigam gewertet worden war, nicht mit, hat Wück vier verschiedene Torschützinnen im Team: den Auftakt machte Nicole Anyomi, nach ihr trugen sich auch Vivien Endemann, Jule Brand und Lea Schüller in die Liste der Torschützinnen ein. Ohnehin überragte Brand, die nicht nur das 4:0 selbst erzielte, sondern auch an vier Toren beteiligt war. Wück hat ein Team, das die Gegnerinnen fast vollständig unter Kontrolle hat und in die eigene Hälfte presst.
Wück erwartet 100 Prozent
Aber der Bundestrainer ist sich bewusst: Er trainiert die Besten-Auswahl. Da gibt es keinen niedrigeren Anspruch als das Maximum. "Ich erwarte, dass wir alle versuchen, an 100 Prozent zu kommen und uns damit auch weiterentwickeln. Weil das macht eine Topmannschaft aus."
Bei der WM soll nach 2003 und 2007 der dritte WM-Titelgewinn in Angriff genommen, mit den Besten mitgehalten werden. Das geht nicht mit weniger als dem Besten. "Das ist einfach der Anspruch, den wir von Anfang an in der Mannschaft gesehen haben." Er betonte, er wolle nichts schlechtreden, "aber ich weiß ja, was in der Mannschaft steckt. Ich weiß, was in den einzelnen Mannschaftsteilen steckt, in einzelnen Spielerinnen."
Es ist auch als Lob zu deuten, dass Wück auf sein Team baut, seinen Spielerinnen viel zutraut. Sie daher zu noch mehr auffordert. Er hat seit seinem Amtsantritt im Oktober 2024 viele Spielerinnen getestet, lange keine eingespielte Einheit gehabt, wie er selbstkritisch zugab, ehe es dann bei der EM endgültig klickte und das Erreichen des Halbfinals als Erfolg zu werten war. Inzwischen freut sich eine Jule Brand, dass sie mit Linda Dallmann flexibel die Positionen tauschen kann, freut sich der Bundestrainer selbst, dass er statt der verletzt fehlenden Klara Bühl die frisch aufspielende Vivien Endemann bringen kann, freut sich Rebecca Knaak, dass jetzt im Trainingslager in Herzogenaurach wieder das EM-Feeling aufkam und die Neuen im Team doch schon völlig integriert sind, wie etwa jene Endemann, die im dritten WM-Qualifikationsspiel ihren dritten Treffer erzielte.
Und Wück hat Spielerinnen, die seiner Vision folgen. Die sich ebenfalls nicht mit genug zufriedengeben, wenn da noch mehr gehen könnte. Wie etwa die dominierende Brand: "Ich sehe uns im Training und ich weiß, wie viel Potenzial wir haben. Und da stimme ich ihm zu, dass wir noch viel, viel mehr Potenzial haben", sagt sie über die Kritik des Bundestrainers. Auch Mittelfeldspielerin Elisa Senß stimmte zu: "Ich glaube, wenn man sich das Spiel genauer anguckt, gibt es auf jeden Fall Punkte, die wir schon mal besser gemacht haben." Etwa das "Spiel ohne Ball" in der ersten Halbzeit.
Ein Punkt, den auch Wück erwähnt. Sein Team habe vor allem in der ersten Halbzeit nicht immer die spielerischen Lösungen gefunden, den Gegnerinnen unnötig den Ball gegeben. Etwas, was er mit dem Team in diesem Lehrgang vor dem Länderspiel-Doppelpack gegen Österreich (Rückspiel am Samstag, 18 Uhr/sportschau.de und im ntv.de-Liveticker) "eigentlich trainiert hatte". Wobei er auch anmerkt, dass insgesamt eher wenig gemeinsam trainiert worden sei. Aus Rücksicht auf die Spielerinnen, die zuletzt noch in der Champions League aktiv waren - insgesamt betraf dies zwölf aus Wücks Kader - und daher mehrere englische Wochen hintereinander durchstehen mussten. "Es ist unheimlich wichtig, dass die Spielerinnen athletisch fit sind", so der Trainer, "aber auch vom Kopf her müssen sie frisch sein." Es sei zwar wünschenswert, dass die Spielerinnen viel reisen, weil es heißt, dass sie ganz oben mitspielen, man müsse aber auch mehr aufpassen. Fluch und Segen zugleich.
Eine der noch in der Champions League Aktiven war Sjoeke Nüsken, entsprechend pragmatisch sieht die Chelsea-Spielerin die Kritik von Wück: "Es gibt solche Spiele. Es ist jetzt Ende der Saison. Man merkt, wir haben viel gespielt. Dass wir trotzdem noch 5:1 gewinnen, zeigt, was wir für eine Stärke haben. Und man kann nicht immer 100 Prozent performen. So sehe ich das."
Dieses eine Gegentor ...
Innenverteidigerin Knaak war da schon selbstkritischer: "Das Gegentor nervt schon sehr. Beim letzten Lehrgang waren wir sehr stolz drauf, dass wir zweimal zu null gespielt haben (5:0 gegen Slowenien, 4:0 gegen Norwegen, Anm.d.Red.). Das war heute das Ziel. Deswegen muss ich schon sagen, dass es ein bisschen stört." Ein langer Ball hatte die DFB-Auswahl kurz nach dem Wiederanpfiff nach dem 4:0 kalt erwischt, schon war Chiara D'Angelo auf und davon und überwand auch Torhüterin Ann-Katrin Berger (77.).
Nun ist der Bundestrainer also nicht zufrieden mit einem 5:1-Kantersieg. Vor gut einem Jahr hatte er noch frustrierter geklungen - da hatte sein Team gerade 4:1 gegen Österreich gewonnen, ebenfalls in Nürnberg. "Ich war überhaupt nicht zufrieden mit der ersten Hälfte", hatte Wück im Februar 2025 gesagt. "Das war nicht das, was wir uns vorgenommen hatten und auch nicht das, was in der Mannschaft drinsteckt." Damals gab es eine wirklich katastrophale erste Halbzeit zu erleben, das Gegentor in der 3. Minute hatte den Auftakt gemacht. Dagegen kann Wück jetzt schon viel mehr aufatmen, sein Team wirkt viel mehr wie eine Einheit. Klar ist aber auch: Österreich ist nicht der Maßstab.
Während es 2022 bei der Europameisterschaft im Viertelfinale noch ein Duell auf Augenhöhe gab, das das DFB-Team mit 2:0 für sich entschied und hinterher alle glücklich waren, ist die Schere der beiden Auswahlen auseinandergegangen. Deutschland will sich mit Größen wie den Weltmeisterinnen aus Spanien oder den zweimaligen Europameisterinnen aus England messen. Österreich dagegen steht nach drei Qualifikationsspielen bei null Punkten, ist Gruppenletzter, das Tor gegen das DFB-Team war das erste überhaupt in dem Ausscheidungsrennen zur Weltmeisterschaft.
Der Blick auf die Tabelle lässt Wücks Team als Top-Auswahl erscheinen: die perfekte Ausbeute von neun Punkten, dazu 14:1 Tore. Etwas, das dann auch den kritischen Coach besänftigt: "Wir sind mit dem Ergebnis zufrieden." Was ja nicht heißt, dass am Samstag nicht noch mehr drin ist.