Fußball

FC Bayern kostet Erfolg aus Pokal-Drama nagt an RB Leipzig

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"Timo hat schon so vieles durchgestanden, er wird auch das aushalten." Timo Werner hat ja auch nur einen Elfmeter verschossen.

(Foto: dpa)

Nach dem Pokal-Aus gegen den FC Bayern sind Leipzigs Fußballer stolz auf sich - und sauer auf den Schiedsrichter. Ralph Rangnick stürmt mit dem Handy aufs Spielfeld, Mats Hummels maßregelt ihn. Und Timo Werner versagen die Nerven.

Als diese epische Pokalschlacht nach 120 Minuten und Elfmeterschießen irgendwie abrupt beendet war, versuchten sich die Fans von RB Leipzig kurz an einem "Timooo Werner"-Sprechchor. Doch der Gesang verebbte rasch, zu sehr schmerzte das Aus in der zweiten Runde des DFB-Pokals gegen den FC Bayern München auch auf den Rängen. Nach 90 und 120 Minuten hatte es an diesem Mittwochabend 1:1 (0:0) gestanden; nachdem zuvor alle Schützen vom Punkt getroffen hatten, schoss Werner den entscheidenden fünften Strafstoß zu lasch und unplatziert, sodass Sven Ulreich, der Torwart des FC Bayern, den Ball ohne Mühe hielt. Dem eingewechselten Nationalstürmer, auf den in den vergangenen Monaten viel eingeprasselt war und der nach seiner Erschöpfung noch nicht wieder richtig fit wirkt, hatten die Nerven versagt.

Doch es war nicht etwa der bedauernswerte Werner, der sofort von den Kollegen getröstet wurde, oder die Leistung seiner Mannschaft, die die Leipziger Verantwortlichen nach dem Spiel aufbrachte. Vielmehr war das Hauptthema Schiedsrichter Felix Zwayer, den Trainer Ralph Hasenhüttl ungewöhnlich scharf kritisierte, weil er das Spiel mit zwei Entscheidungen gegen RB maßgeblich beeinflusste. "Unterm Strich waren 22 Akteure sehr gut auf dem Platz heute, nur einer konnte das Niveau nicht halten", sagte Hasenhüttl entnervt. Es war nicht schwer zu erraten, dass er den Unparteiischen aus Berlin meinte.

Nach dem "heroischen Kampf" seines Teams, das 70 Minuten in Unterzahl agieren musste, sagte der Österreicher selbst völlig ausgelaugt: "Ich bin so stolz auf die Jungs, und mir tun sie so leid, weil sie in der Kabine sitzen und nicht genau wissen, warum sie heute verloren haben." Man muss dazu wissen, dass Hasenhüttl kein Trainer ist, der bei jeder erst besten Gelegenheit die Schuld beim Schiedsrichter sucht. Im Gegenteil: Normalerweise beschäftigt sich der selbstkritische Coach intensiv mit den eigenen Fehlern und denen seiner Mannschaft. Seit er im Sommer 2016 bei RB Leipzig anheuerte, hatte es noch keine Referee-Schelte gegeben. Doch an diesem Abend kam Hasenhüttl nicht umhin.

Hummels sagt Rangnick, was Sache ist

Zu Recht, denn Zwayer suchte den ganzen Abend über nach einer Linie, die er nicht fand. Das gipfelte in drei Szenen in der 34., 54. und 66. Minute. Nachdem Arturo Vidal Emil Forsberg mit einer Schere von hinten in die Beine gefällt hatte, zeigte Zwayer sofort auf den Punkt. Doch nach dem Gespräch mit seinem Assistenten, der von der gegenüberliegenden Seite hinters Tor geeilt war, korrigierte er auf Freistoß. Vidals Foul habe vor dem Strafraum begonnen, erklärte er den Leipziger Spielern. "Er pfeift aus drei Metern Abstand Elfmeter und nimmt ihn dann zurück, weil es der Linienrichter aus 40 Metern Entfernung es besser sieht?", fragte Hasenhüttl. "Tut mir leid. Das ist ganz, ganz schwer zu akzeptieren, was da in einem Schiedsrichter vorgeht."

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Neulich in Leipzig: Herr Rangnick und Herr Hummels treffen sich.

(Foto: imago/Revierfoto)

Da es im DFB-Pokal erst ab dem Viertelfinale den Videobeweis geben wird, wollte Ralf Rangnick dem Unparteiischen die TV-Bilder nach dem Halbzeitpfiff selbst zeigen. Als der RB-Sportdirektor mit dem Telefon in der Hand zornig auf den Rasen stürmte, wurde er unter anderem von Mats Hummels und David Alaba verbal und körperlich zurückgehalten. Auch im Spielertunnel soll es noch hoch her gegangen sein, Rangnick erhielt Innenraumverbot. "Es geht nicht, dass er mit dem Handy zum Schiedsrichter geht, um ihm Szenen zu zeigen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das erlaubt oder gewollt ist", sagte Hummels. "Ich habe Herrn Rangnick gesagt, dass er das nicht nötig hat und dass es unsportlich ist." Rangnick selbst äußerte sich nicht dazu. Und auch Zwayer mochte sich nicht stellen.

Dabei stand er zu Beginn der zweiten Hälfte gleich wieder im Fokus. Naby Keita hatte Robert Lewandowski auf Höhe der Mittellinie gefoult und sah dafür die Gelb-Rote Karte (54.). In der ersten Hälfte war der Guineer gegen Corentin Tolisso zu spät gekommen und hatte für einen Tritt auf den Fuß Gelb gesehen. "Naby bekommt für das erste Foul grundsätzlich Gelb. Er wurde zuvor Dutzende Male gefoult. Da fehlt mir ein bisschen die Gleichbehandlung", monierte Hasenhüttl. Vor dem Hintergrund, dass Keita selbst reihenweise Tritte von Vidal und Tolisso - ungesühnt - wegstecken musste, war der Platzverweis nach dem zweiten Foul des Spielmachers die falsche Entscheidung. Eine letzte Ermahnung wäre angebracht gewesen. Hasenhüttls Ansicht, das Spiel sei dadurch "kaputt gemacht" worden, teilten viele im Stadion.

Dass Zwayer dann wenig später Elfmeter für die Rasenballsportler pfiff, weil Jérôme Boateng den Hintern gegen Yussuf Poulsen herausgestreckt hatte, bezeichnete Hummels "als Königin der Konzessionsentscheidungen". Auch das kann man so stehenlassen. Forsberg traf vor 42.558 Zuschauern im ausverkauften Zentralstadion nach 68 Minuten trocken zur 1:0-Führung. Der kleine Thiago (1,74 Meter) erzielte nach Flanke von Boateng hinter die Leipziger Viererkette den Ausgleich (73.) per Kopf.

Rummenigge kostet den Erfolg ausgiebig aus

So wurde in den Stadionkatakomben bis weit nach Mitternacht über falsche Pfiffe und Entscheidungen gesprochen. Doch die Antwort auf die Frage, ob RB Leipzig schon reif genug ist, um den Rekordmeister und Rekordpokalsieger vom Sockel zu stoßen, konnte das Spiel unter diesen Umständen nur bis zur 54. Minute seriös liefern, als die Kräfteverhältnisse noch ausgeglichen waren. Und da hatte RB Leipzig von der zehnten bis zur 45. Minute die Oberhand. "Wir waren bis zur 55. Minute sehr konsequent gegen den Ball, hatten mit dem Ball gute Lösungen, wir waren ruhig, haben den Gegner auch ab und an mal in die eigene Hälfte gepresst", lobte Hasenhüttl. "Das ist gegen Bayern nicht einfach."

Während die Münchener kaum echte Torgefahr erzeugen konnten, hatte RB durch die dribbelstarken Forsberg (25., 36.) und Jean-Kévin Augustin (28., 33.) gefährliche Gelegenheiten. Zu Beginn der zweiten Hälfte entwickelte der FC Bayern dann mehr Druck. Nach dem Platzverweis war die Partie einseitig, Bayern hatte teils Chancen im Minutentakt. Es war dem leidenschaftlichen Abwehrkampf und dem überragenden Torhüter Peter Gulacsi zu verdanken, der mit Sprechchören gefeiert wurde, dass die Rasenballsportler nicht schon in der regulären Spielzeit ausschieden. Sein Kollege Jupp Heynckes, der wegen Nasenblutens sein blaues Hemd ablegen musste und in einem weißen Shirt zur Pressekonferenz kam, sagte: "Der Sieg ist für uns sehr hoch zu bewerten."

Vor dem erneuten Aufeinandertreffen in der Bundesliga am Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) verhehlten die Leipziger Trainer und Spieler nicht, dass das Pokal-Aus an Physis und Psyche nagt. "Das war körperlich und mental ein schönes Brett, dass wir da bekommen haben", sagte Hasenhüttl. Forsberg versuchte, sich bereits wieder optimistisch zu geben: "Wir müssen stolz über unsere Leistung sein", sagte der Schwede. "Wir haben gezeigt, dass wir mit Bayern mithalten können. Am Samstag kommt eine neue Chance im nächsten großen Spiel." Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge kostete den Erfolg ausgiebig aus und ließ sich in der Tiefgarage des Stadions lange von den Journalisten befragen: "Wir wollen jetzt den Schub, den schönen Steilpass, den sich die Mannschaft verdient hat, mitnehmen."

Am Ende des Abends stand dann noch die Frage im Raum, weshalb gerade Werner den fünften Elfmeter schießen sollte. "Weil er sich dazu gemeldet hat", erklärte Hasenhüttl. Da die besten Elfmeterschützen Forsberg, Sabitzer, Augustin, Poulsen und eben Keita nicht mehr auf dem Platz standen, hätten die Freiwilligen "nicht gerade Schlange gestanden", so Hasenhüttl. "Wir mussten schauen, dass wir fünf Schützen zusammenbekommen." Das Schlusswort fand Yussuf Poulsen: "Timo hat schon so vieles durchgestanden, er wird auch das aushalten. Vor einem Jahr war er der meistgehasste Mensch Deutschlands. Einen Elfmeter zu verschießen, ist nix dagegen."

Quelle: ntv.de

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