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Hängende Köpfe bei Pokalsause RB Leipzig trauert und plant neuen Angriff

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So nah dran war RB Leipzig noch nie an einem Titel.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Die Enttäuschung nach dem verlorenen DFB-Pokalfinale ist riesig: RB Leipzig verpasst den ersten Titel der Vereinsgeschichte. Entsprechend niedergeschlagen haben die Fußballer wenig Lust auf eine ausgelassene Party. Geschäftsführer Oliver Mintzlaff kündigt aber den nächsten Angriff an.

Es war bereits kurz nach ein Uhr nachts, da erhob RB Leipzigs Geschäftsführer Oliver Mintzlaff das Wort. Die Leipziger hatten 1200 Gäste zur Pokalparty in den Hip-Hop- und House-Club Bricks am Berliner Gendarmenmarkt geladen. Eigentlich war die pompöse Sause gedacht, um in großem Stil den ersten großen Titel für die Leipziger zu feiern. Doch nach der 0:3 (0:1)-Finalniederlage musste Mintzlaff die gesenkten Häupter wieder aufrichten. "Das tut natürlich weh. Aber nach ein, zweimal schlafen wird uns bewusst werden, was wir in dieser Saison erreicht haben. Das soll uns erstmal einer nachmachen", rief Mintzlaff bei seiner kurzen Bankettansprache ins Mikrofon.

RB Leipzig - FC Bayern München 0:3 (0:1)

RB Leipzig: Gulacsi - Klostermann, Konate (82. Haidara), Orban (70. Upamecano), Halstenberg -  Adams (65. Laimer), Kampl - Sabitzer, Forsberg - Poulsen, Werner - Trainer: Rangnick
FC Bayern München: Neuer - Kimmich, Süle, Hummels, Alaba - Thiago, Martinez (65. Tolisso) - Gnabry (73. Robben), Müller, Coman (86. Ribéry) - Lewandowski - Trainer: Kovac
Schiedsrichter: Tobias Stieler (Hamburg)
Tore: 0:1 Lewandowski (29.), 0:2 Coman (78.), 0:3 Lewandowski (85.)
Gelbe Karten: Upamecano/ Lewandowski
Zuschauer:
75.000 (ausverkauft)

Dem "lieben Ralf" (Rangnick) dankte er "für den Spirit, den du gebracht hast". Und die Feiergesellschaft im für 160.000 Euro angemieteten Luxus-Club forderte er auf, "trotzdem Gas zu geben. Lasst es krachen." Der Applaus der RB-Mitarbeiter, Partner und zahlungskräftigen Unterstützer war freundlich, aber bemüht. Wie das eben so ist, wenn man trotz einer Niederlage feiern muss. "Es ist keiner gestorben, sondern wir standen im Pokalfinale", hatte der Klubboss noch im Stadion getröstet.

Kein Bock, "richtig zu feiern"

Doch den Spielern, die sich samt ihrer Partnerinnen und Freunden zur Saisonabschlussfeier schick gemacht hatten, war der Frust auch drei Stunden nach Spielschluss anzusehen. "Die Enttäuschung überwiegt momentan, ich weiß nicht, wer Bock hat, richtig zu feiern", sagte Kapitän Willi Orban. Auch Trainer Ralf Rangnick mochte seine Ernüchterung nicht verbergen. Mit schmalen Lippen hatte er sich auf der Tribüne seine Silbermedaille abgeholt, die er sich partout nicht umhängen wollte. Er hat die Pfiffe der Bayern-Fans ertragen und einen flüchtigen Blick auf den goldenen Pokal neben ihm geworfen, mit dem kurz darauf die Bayern posierten. "Wir haben eine außergewöhnlich gute Saison gespielt. Trotzdem ist es heute so enttäuschend, weil wir dieses Spiel nicht zu verlieren brauchen", sagte der Trainer und Sportdirektor. "Schon gar nicht 0:3. Das Ergebnis hat mit dem Spielverlauf nicht viel zu tun. Wir waren die ersten 30 Minuten die klar dominierende Mannschaft, aber wir haben es versäumt, in dieser Phase in Führung zu gehen."

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Rangnick sah seine Mannschaft im Endspiel vor 75.000 Zuschauern "absolut auf Augenhöhe". Dieser Eindruck stimmte jedoch nur zum Teil, nämlich jeweils zu Beginn der Halbzeiten, als RB die besseren Gelegenheiten herausspielte. Danach übernahmen die Münchner jeweils dominant, abgezockt, mit viel spielerischer Wucht die Initiative und glänzten dank der individuellen Klasse der Torschützen Kingsley Coman (79.) und Robert Lewandowski, der anders als im Ligaspiel vor zwei Wochen ein tolles Spiel absolvierte und ständig für Gefahr im Leipziger Strafraum sorgte (29., 85.). Insgesamt gab der Rekordmeister 18 zu elf Torschüsse ab, hatte ein klares Chancenplus sowie die besseren Zweikampfwerte (54 Prozent), Passquote (78 Prozent : 69 Prozent), mehr Ballbesitz (57 Prozent) sowieso.

Zu viele Chancen nicht genutzt

Dennoch hätte die Partie anders laufen können, wenn Rasenballsport sein dominantes und couragiertes Angriffspressing, mit dem sie die Bayern anfangs in Verlegenheit brachten, in Tore hätte ummünzen können. "Du musst deine Gelegenheiten eben nutzen. Wenn du fünf Großchancen gegen die Bayern hast, darfst du die nicht alle liegenlassen", kritisierte Rangnick.

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Der Treffer wollte Emil Forsberg nicht gelingen.

(Foto: imago images / Chai v.d. Laage)

Die klarste Chance hatte Emil Forsberg kurz nach der Pause (48.), der in den Katakomben des Olympiastadions müde davon berichtete: "Die zweite Ballmitnahme war ein bisschen zu lang, ich bin zu nah an Neuer herangekommen und habe versucht, neben ihn zu schießen. Er hat den Ball super gehalten, erst mit der Zehenspitze und dann der Hand." Auch Yussuf Poulsens gewaltigen Kopfball in der ersten Hälfte nach eine Ecke hatte Neuer pariert und mit einem Weltklasse-Reflex an die Latte gelenkt (11.). Darüber, dass Schiedsrichter Tobias Stieler in der Szene keinen Strafstoß gab, ärgerten sich die Leipziger zu Recht. "Das Foul von Lewandowski an Konaté war ein klarer Elfmeter", monierte Rangnick. Der Referee habe das Spiel zudem "in vielen Kleinigkeiten nicht im Griff gehabt. Aber das soll keine Ausrede sein", sagte RB-Mittelfeldmann Kevin Kampl.

"Sind kampfbereit"

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So mussten die Leipziger die Partie letztlich als Lehrstunde begreifen, um in der kommenden Saison selbst cleverer und torgefährlicher gegen die Münchner zu agieren. Dass RB in drei Vergleichen in dieser Saison kein einziges Tor gegen den FCB erzielte, war kein Zufall. "Man hat gemerkt, dass die Bayern mehr Erfahrung aus ein paar Finals und Titelgewinnen haben", sagte Forsberg. "Wir brauchen diese Erfahrung für das nächste Mal, um zu wissen, was wir besser machen müssen." Bereits am Abend der Niederlage kündigte der Schwede an: "Wir wollen wieder Pokalfinale spielen, wir versuchen nächstes Jahr alles, um wieder hierher zu kommen."

Geschäftsführer Mintzlaff, einst ein exzellenter Halbmarathon-Läufer, machte im Stadionkeller bereits die Pace für weitere Finalteilnahmen. "Für unseren Verein ist relevant, dass wir das hohe Tempo der Entwicklung beibehalten", sagte der 43-Jährige und kündigte angriffslustig an: "Uns wird die Puste nicht ausgehen, wir sind kampfbereit für die kommende Saison, wollen wieder angreifen, weil uns das hier auch gefallen hat."

RB Leipzig hatte die Tage rund um das Endspiel in Berlin Hof gehalten, eine gewaltige Imagekampagne im Wert von vielen Hunderttausend Euro inszeniert. "Wenn man die letzten zwei Tage durch Berlin gelaufen ist, hat man gesehen, dass RB Leipzig in der Bundesliga angekommen ist", sagte Mintzlaff. "Das ganze Drumherum war für unseren Verein unabhängig vom Ergebnis extremst wichtig. Wir merken, dass eine große Begeisterung entstanden ist."

Neue Saison - neue "hochtalentierte Zugänge"

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Fairer Gratulant: Oliver Mintzlaff.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Während sich die Spieler nun in den für viele langen Urlaub verabschieden, wird der Manager in den kommenden Wochen wichtige Weichen stellen, um wieder ein Stückchen zum FC Bayern und zu Borussia Dortmund aufzuschließen. In der kommenden Woche wählt er gemeinsam mit Rangnick einen Nachfolger für den nach Schalke abgewanderten Sportkoordinator Jochen Schneider aus, der peu á peu in Rangnicks Rolle wachsen soll. Kandidat ist Paderborns Sport-Geschäftsführer Markus Krösche. Rangnicks Aufgabenfeld soll neu definiert werden. Zudem kündigte Mintzlaff weitere "junge, hochtalentierte Zugänge" an. "Der Weg, den Abstand zu den Bayern zu verringern, geht nicht über finanzielle Dinge, sondern dass wir weiter auf schlaue Transfers setzen", führte Rangnick aus. "Spieler, die zum Zeitpunkt der Verpflichtung kaum einer kennt, und die wir über gute Trainerarbeit entwickeln."

Erfahrung und Kaltschnäuzigkeit im Abschluss für Titelerfolge garantieren diese Akteure freilich nicht. Das müssen künftig unter dem neuen Trainer Julian Nagelsmann die aktuellen Stammkräfte beisteuern, von denen wohl bis auf Timo Werner alle in Leipzig bleiben werden. Werner mochte übrigens wie seit über einem halben Jahr nichts öffentlich sagen und wünschte nur "schönen Abend". Auch er vergab eine große Möglichkeit, als Niklas Süle auf der Linie klärte (57.). Ein Empfehlungsschreiben für einen Transfer zum FC Bayern war Werners Leistung im Pokalfinale jedenfalls nicht.

Quelle: n-tv.de

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