Fußball

Nur DFL kann Retortenklub stoppen RB Leipzig will mit aller Macht nach oben

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Fest auf Wiese: Leipzigs Aufstiegshelden lassen sich feiern. Trotz seines Retortenimages ist der RasenBallsport-Klub in der Region voll akzeptiert.

(Foto: dpa)

Gerade einmal fünf Jahre benötigt RasenBallsport Leipzig von der Gründung bis zum Aufstieg in die 2. Fußball-Bundesliga. Hinter dem Erfolg stecken die Millionen von Red Bull. Das Modell ist umstritten, die Liga fordert Veränderungen für die Lizenz. Der Klub will in die Champions League.

Am Ende durfte sogar die Leipziger Festwiese endlich einmal wieder ihrem Namen gerecht werden. Tausende Menschen versammelten sich und jubelten im Schatten der Arena, als der Mannschaftsbus von RasenBallsport Leipzig auf einem bereits vorbereiteten Podium vorfuhr. Nebensächlich war plötzlich, dass der Erfolg des vom Getränkehersteller Red Bull finanzierten Retortenvereins durchaus erwartbar war. Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke warnte bereits vor einem Jahr vor dem Plan-Projekt "Rasenschach Leipzig".

Dass Red Bull nichts dem Zufall überlässt, ist bekannt. Aufstiegs-Shirts und Konfetti-Kanonen, Weizenbiergläser und eben die Festwiesenfeier. Alles war perfekt vorbereitet. Passend dazu – das hätte sich selbst die Marketing-Abteilung nicht besser ausdenken können – feierte die Mannschaft am Samstag ausgerechnet beim Aufstiegsspiel in die 2. Bundesliga vor einem Rekordpublikum von mehr als 40.000 Zuschauern mit einem berauschenden 5:1 (4:0) gegen den 1. FC Saarbrücken den höchsten Saisonsieg. Schon die Halbzeitführung erleichterte die Party-Planung. "Dritte Liga war schön, Zeit für uns, zu geh’n", sangen Spieler und Fans auf der Festwiese unisono. Dabei war RB Leipzig nach nur einer Saison aufgestiegen.

Mit Rangnick geht es aufwärts

In der 2. Bundesliga möchte sich Leipzig gleich mit Düsseldorf, St. Pauli oder 1860 München messen. Aue, Aalen oder Sandhausen sollen nur Zwischenstationen sein. Der Anspruch von Red Bull ist nichts weniger, als in einigen Jahren einer der großen Player im Fußball-Geschäft zu sein. Sportdirektor Ralf Rangnick betonte bereits kurz nach dem Spiel: "Geduld gehört nicht zu unseren absoluten Stärken."

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Seit Ralf Rangnick als Sportdirektor das Fußballprojekt von Red Bull betreut, läuft es in Leipzig.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit Rangnick vor zwei Jahren als Sportdirektor die Leitung übernahm, geht es mit dem ambitionierten Verein auch sportlich aufwärts. Zuvor musste die mit altgedienten Bundesligaprofis gespickte Mannschaft zwei ungeplante Extrarunden in der Regionalliga drehen. Lediglich die Infrastruktur und die Investitionen waren vor zwei Jahren bereits auf Bundesliganiveau, allein das moderne Trainings- und Nachwuchszentrum verschlingt rund 35 Millionen Euro.

Rangnick kündigte eine neue "Zeitrechnung" an und versprach, er wolle seine Philosophie verankern und sämtliche "Puzzleteile" anbieten, um das ambitionierte Projekt zum Erfolg zu führen. Der 55-Jährige brachte gleich Trainer Alexander Zorniger mit nach Leipzig. Der war eher unbekannt - im Gegensatz zu seinem Vorgänger Peter Pacult -, gerade aber Jahrgangsbester der Fußball-Lehrer-Ausbildung geworden. Als ersten Spieler verpflichtete Rangnick den talentierten Dominik Kaiser, den er noch von seiner Zeit bei der TSG Hoffenheim kannte. Und Rangnick hielt Wort, verjüngte die Mannschaft konsequent. Die stieg zweimal auf und schaffte als erstes Team den Durchmarsch "ab durch die Dritte", wie die Marketing-Abteilung schon vor der Saison das Ziel ausgab.

Zorniger spielt Rangnick-Fußball

Zorniger setzt dabei Rangnicks Philosophie des aggressiven, intensiven Pressing-Fußballs um, mit der in diesem Jahr auch der zweite von Rangnick dirigierte Standort Salzburg für Furore sorgte. "Das ist eine einmalige Konstellation, diese Synergien zu haben", freute sich Rangnick bereits bei seiner Vorstellung. Der Tüftler träumt davon, in Zukunft nur noch entscheiden zu müssen, ob ein vielversprechendes Talent besser nach Salzburg oder Leipzig passt. Zunächst soll die deutsche Mannschaft um Kapitän und Torjäger Daniel Frahn im Kern zusammen bleiben, aber zugleich mit etwa fünf hochtalentierten Akteuren gezielt verstärkt werden.

Klar ist, dass Rangnick nach jungen, formbaren Spielern sucht, "für die der Weg nach Leipzig der nächste logische Schritt ihrer Karriere ist", wie der Sportdirektor stets betont. Bei der TSG Hoffenheim hat der 55-Jährige bereits bewiesen, dass er weiß, wie man von der dritten Liga bis an die Spitze der ersten Bundesliga durchmarschiert. Damals setzte Rangnick auf internationale Talente wie Carlos Eduardo, Luiz Gustavo, Demba Ba und Chinedu Obasi, die er für Millionenbeträge ins beschauliche Kraichgau lotste. Auch nach Leipzig hat er mit dem Dänen Yussuf Poulsen sowie Joshua Kimmich vom VfB Stuttgart und Federico Palacios-Martinez vom VfL Wolfsburg bereits mehrere Junioren-Nationalspieler geholt.

Inbegriff des durchkommerzialisierten Retortenklubs

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Mit Alexander Zorniger hat Rangnick den perfekten Trainer gefunden.

(Foto: dpa)

Schon Hoffenheim wurde kritisch beäugt, in Leipzig steigern sich die Bedenken der Anhänger und Verantwortlichen der etablierten Fußball-Vereine noch erheblich. Längst ist RB Leipzig der Inbegriff des durchkommerzialisierten Retortenvereins. Weil der Verein bislang allzu offensichtlich von Red Bull gesteuert wird, gibt sich auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL), der Vermarkter der Bundesligen, bislang hart. Im ersten Durchgang der Lizenzierung stellte der Ligaverband Leipzig ein paar Bedingungen und Auflagen: er soll unter anderem ein neues Vereinslogo, eine vom Geldgeber unabhängigere Besetzung der Führungsgremien sowie geringere Hürden für neue Mitglieder fordern. Nach wie vor soll es im Verein nur neun Stimmberechtigte geben. Auch wenn Sportrechtsexperten glauben, dass die DFL keine wirkliche Handhabe gegen die Satzung im Graubereich des Vereinsrechts hat, soll sich RB Leipzig nun etwas verändern.

Es ist eine Grundsatzentscheidung, weil dem Leipziger Beispiel später ähnliche Konstruktionen folgen können. Allerdings kann sich niemand vorstellen, dass das professionelle Projekt auf die Forderung nicht vorbereitet gewesen wäre, und dass ein Aufstieg nun an Formalitäten scheitert. Im Hintergrund dürfte schon länger an einer Einigung gearbeitet werden, die beide Seiten ihr Gesicht wahren lässt. Die DFL hat aber nur jetzt die Chance, wirklich Druck auf RB Leipzig auszuüben. Erteilt sie einmal die Lizenz, kann sie in Zukunft schlecht weitere Bedingungen stellen. Es wird also auch verhandelt, inwieweit sich RB Leipzig den Regeln jetzt anpasst - oder nie.

"Die Stadt fußballerisch wachgeküsst"

Interessant ist, dass RB Leipzig vom DFB die Lizenz stets ohne Auflagen bekam. Ende Januar hat der Verein seine Satzung auf einer geheimen Jahreshauptversammlung zudem bereits überarbeitet, allerdings wurde die vom Amtsgericht Leipzig zunächst nicht akzeptiert. Die Gründe dafür sind unklar, sicher ist, dass RB Leipzig beim Nachbessern nun zunehmend unter Zeitdruck gerät. Am 28. Mai entscheidet der Lizenzierungsausschuss endgültig, ob Leipzig wirklich aufsteigen darf. Bis dahin muss der Kompromiss gefunden werden. - oder Red Bull wählt den Weg über die Gerichte. Auch deshalb hat der Verein fristgerecht Beschwerde gegen die DFL-Bedingungen eingelegt.

In Leipzig ist das alles kein Thema. Nach sechzehn tristen Jahren in den unterklassigen Ligen des Landes will die Stadt einfach nur die Rückkehr in auf die größere Bühne feiern. Die Euphorie ist riesig und zumindest in Leipzig wird in Kauf genommen, dass der Erfolg mit einer österreichischen Brause kam. Im Schnitt strömten mehr als 15.000 Zuschauer ins Stadion. Das Projekt wird längst angenommen.

"Wir haben die Stadt fußballerisch wachgeküsst", jubelte dann auch der sonst so gestrenge Trainer Zorniger. Dass Lok Leipzig in der Regionalliga gegen den Abstieg kämpft und Sachsen Leipzig wieder mal pleite ist, ist da nur eine Randnotiz. Das Nummernschild des RB-Mannschaftsbusses war nach dem Aufstieg bereits provisorisch angepasst. Vor zwei Jahren startete das Gefährt mit dem Kennzeichen "L-RB 4321", mittlerweile ist nur noch "L-RB 21" zu lesen. Und demnächst soll eine weitere Ziffer verschwinden.

Quelle: n-tv.de