Fußball

Der "kleine" EM-Held Rakete Wirtz schickt Liebesgrüße an Löw

Im März nominiert Joachim Löw den gerade einmal 18-jährigen Florian Wirtz für das DFB-Team. Spielen darf er nicht, anders als jetzt bei der U21. Im Halbfinale gegen die Niederlande reüssiert er. Löws Nachfolger Hansi Flick hat ihn bestimmt schon auf dem Zettel.

Dieser Fußballabend startet ganz bitter. Zumindest, wenn man Oranje die Daumen drückt. Die niederländische U21-Nationalmannschaft wird von der deutschen Auswahl völlig überrumpelt: 21 Uhr, Anpfiff zum Halbfinale der Europameisterschaft im ungarischen Székesfehévár. Die Elf von Stefan Kuntz hat Anstoß, der Ball wird in der eigenen Hälfte hin- und hergepasst, erst nach 23 Sekunden überquert er die Mittellinie. Er kommt zu Lukas Nmecha, der auf links das Spiel schnell macht. Der Top-Torschütze des Teams passt mit dem rechten Außenrist perfekt unmittelbar vors Tor, wo Florian Wirtz eingelaufen ist und mit rechts ins Tor trifft. 29 Sekunden nach Anpfiff. Kein Niederländer war bis dahin am Ball.

Niederlande - Deutschland 1:2 (0:2)

Niederlande: Bijlow - Teze, Schuurs, Botman (77. Rensch), Malacia - De Wit, Harroui (46. Matusiwa), Kadioglu (69. Sierhuis) - Stengs (59. Dilrosun), Boadu, Kluivert. - Trainer: van de Looi

Deutschland: Dahmen/FSV Mainz 05 - Baku/VfL Wolfsburg, Pieper/Arminia Bielefeld, Schlotterbeck/Union Berlin, Raum/SpVgg Greuther Fürth - Maier/Arminia Bielefeld (79. Stach/SpVgg Greuther Fürth), Dorsch/KAA Gent - Wirtz/Bayer Leverkusen (68. Burkardt/FSV Mainz 05), Özcan/1. FC Köln (68. Janelt/ FC Brentford), Berisha/Red Bull Salzburg (84. Jakobs/1. FC Köln) - Nmecha/RSC Anderlecht (68. Adeyemi/Red Bull Salzburg). - Trainer: Kuntz

Schiedsrichter: Sandro Schärer (Schweiz)

Tore: 0:1 Wirtz (1.), 0:2 Wirtz (8.), 1:2 Schuurs (67.)

Ein Raketenstart ins K.-o.-Duell ums Finale. Das schnellste Tor in der Geschichte der U21-Europameisterschaften. Florian Wirtz steht nun in den Geschichtsbüchern. Doch der nur 1,76 Meter große Offensivmann hat damit noch nicht genug, erhöht nur sieben Minuten später auf 2:0. Diesmal von halbrechts, wo er von Ridle Baku angespielt wird, bis an den Strafraum zwei Niederländer ausdribbelt und abzieht.

Zwei Tore von Wirtz sind der ideale Einstieg ins Spiel. Dass es doch noch einmal eng wird, liegt in an Perr Schuurs, dem in der 67. Minute der Anschlusstreffer gelingt. Und daran, dass die Deutschen mehrfach Aluminium-Pech haben, allein zweimal Mergim Berisha innerhalb von zwölf Sekunden. Nach den Wirtz-Treffern geht keiner mehr rein ins niederländische Tor. Am Ende reicht es, 2:1, Einzug ins Finale, dort wartet Portugal.

"Unbeschreibliches Gefühl"

Der große Sieger des Abends ist Florian Wirtz. Der das gar nicht so sehen möchte: "Für mich geht es darum, das Turnier zu gewinnen. Wer am Ende die Tore schießt, ist mir eigentlich egal." Der erst 18-Jährige sagte weiter: "Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl und schön, dass ich das den Jungs heute schenken konnte." Es waren seine ersten Treffer, im Viertelfinale gegen Dänemark lief es für den Offensivmann von Bayer Leverkusen noch nicht rund.

Doch im Halbfinale zeigt er seine Klasse, beweist, warum er als die große Verheißung im deutschen Fußball gilt. Warum er bereits im Mai 2020 für die Werkself in der Bundesliga debütierte - mit 17 Jahren und 15 Tagen als jüngster Spieler des Vereins. Zehn Tage später kürte er sich mit seinem Treffer gegen den FC Bayern zum bis dato jüngsten Bundesliga-Torschützen (bis Dortmunds Yousouffa Moukoko im November debütierte und im Dezember traf). In der gerade abgelaufenen Saison ist Wirtz aus der Stammelf der Leverkusener nicht wegzudenken gewesen. 38 Pflichtspiele, acht Tore, acht Vorlagen lautet die Bilanz.

Am 3. Mai gab es ein Klub-Geschenk zum 18. Geburtstag: Vertragsverlängerung bis 2026 - wohl mit gleichzeitiger Gehaltserhöhung. "Sein herausragendes Talent war natürlich offensichtlich und hat Anlass zu großen Hoffnungen gegeben, als wir ihn Anfang 2020 als 16-Jährigen zu uns geholt haben", sagte Sportchef Rudi Völler: "Dass Florian aber schon jetzt zu einer zentralen Figur unserer Profimannschaft werden würde, war sicherlich nicht zu erwarten." Für Sportdirektor Simon Rolfes ist Wirtz "gleichzeitig ein Versprechen für die Zukunft als auch ein Garant für sportlichen Erfolg in der Gegenwart".

Nicht nur innerhalb des Vereins, sondern vor allem von außen wurden nach Bekanntwerden des Abgangs von Kai Havertz zum FC Chelsea immer wieder die Parallelen der beiden betont. Ein damals 17-Jähriger wird verglichen mit einem damals 20-Jährigen. Einem 20-Jährigen, der für 80 Millionen Euro zu einem der besten Vereine der Welt wechselt. Einer Ablöse, die mit Boni auf 100 Millionen Euro steigen könnte. Was für ein Lob, was für eine Bürde für Wirtz. Er nimmt es mit Gelassenheit hin. Und spielt einfach weiter guten Fußball.

Der Jüngste ist der teuerste Spieler

Dass Wirtz im EM-Halbfinale zwei Tore macht, machen kann, liegt auch am zerstückelten Turnier. Im April, als die Vorrunde gespielt wurde, gehörte er gar nicht zu Kuntz' Kader. Weil er so gut war, dass Joachim Löw ihn bereits zur A-Nationalmannschaft beorderte. Nun, mitspielen durfte er in der WM-Qualifikation letztlich nicht. Aber schon mal reinschnuppern bei den ganz Großen. Für die anstehende "Erwachsenen"-EM hat es noch nicht gereicht. Weil stattdessen Thomas Müller zurück ist, weil eben sein "Vorgänger" Havertz spielt, weil der gerade einmal zweieinhalb Monate ältere Jamal Musiala vom FC Bayern dabei ist. Weil die Offensive im DFB-Kader nun einmal wirklich top besetzt ist. Kuntz nominierte Wirtz umso lieber für die nun ausgetragene Endrunde.

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Löws Team wird auch dieses Spiel vermutlich wieder im Trainingslager in Seefeld verfolgt haben. Und es könnte glatt sein, dass sich der Bundestrainer ein wenig ärgert. Weil er die Dienste Wirtz' noch nicht in Anspruch nimmt. Die Laufwege, die Abschlüsse, das "Gefühl für Zeit und Raum", wie es ProSieben-Experte und Ex-Nationaltorhüter René Adler nennt, die Abgeklärtheit des 18-Jährigen befähigen ihn durchaus zu einem schnellen Aufstieg ins A-Team. Dann unter Löws Nachfolger Hansi Flick. Dabei könnte der noch mehrere Jahre in der U21 spielen.

Überflügelt hat er seine Teamkollegen aber schon jetzt, zumindest in einer ganz schnöden Kategorie: Den Marktwert des gesamten deutschen Kaders benennt transfermarkt.de mit 153,3 Millionen Euro. Allein 45 Millionen Euro davon entfallen auf Wirtz. Zweitwertvollster Spieler demnach ist Ridle Baku vom VfL Wolfsburg mit 22 Millionen Euro. Für die Leistung innerhalb eines Turniers ist das zwar ein Fingerzeig, ausschlaggebend ist es aber nicht. Das zeigt sich auch an Kuntz' Erkenntnis nach dem Einzug ins Finale: "Die Mannschaften, die vom Marktwert her höher eingeschätzt waren, sind alle zu Hause", sagte Kuntz. "Ich glaube, dass die Jungs jetzt schon gezeigt haben, dass sehr viel Talent in ihnen drinsteckt." An diesem Abend gegen die Niederlande beweist das eben der Jüngste von ihnen, Florian Wirtz.

Quelle: ntv.de

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