Fußball

Hitlergruß und Affenlaute Rechtsextreme Eskalation in Regionalliga

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Anhänger des BFC Dynamo während der Partie gegen Chemie Leipzig.

Die Regionalliga-Partie zwischen BFC Dynamo und Chemie Leipzig wird als Risiko-Spiel eingestuft. Lange bleibt es ruhig. Doch dann eskaliert die Situation. Auf der Tribüne kommt es zu Hitlergrüßen, Affenlaute sind zu hören. Die Gäste aus Leipzig fordern ein Umdenken des Verbands.

Neun Verletzte, Hitler-Grüße, Affenlaute, ein Trainer, dem mitgeteilt wird, seine "Sippe gehört vergast", und ein Spieler, der aufgrund eines tätlichen Angriffs gegen einen Polizisten nun eine Anzeige am Hals hat: Die Bilanz der Regionalliga-Partie zwischen BFC Dynamo und Chemie Leipzig (2:0) ist verheerend. Der zuständige Verband hat ein Sportgerichtsverfahren eingeleitet, die Polizei neun Anzeigen aufgenommen und geschrieben. Beide Vereine reagieren, die Berliner Polizei widerspricht den Gastgebern in einem zentralen Punkt und kratzt an der Glaubwürdigkeit der Berliner Aussagen.

Dabei sprachen im Nachklang der Partie alle Beobachter von einem weitestgehend ruhigen Aufeinandertreffen im Sportforum Hohenschönhausen, der Heimat des BFC Dynamo, gerade weil das Spiel im Vorfeld als Risiko-Spiel eingestuft worden war. Der zuständige Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) hatte eigens einen Sicherheitsbeauftragten, Lutz Mende, geschickt.

Die Rivalität der beiden Klubs reicht bis weit in die Geschichte des DDR-Fußballs zurück. Die einen, BFC Dynamo, vom Staat protegiert und die anderen, BSG Chemie, neben Union Berlin eher der Opposition zuzurechnen. Im November 1990 kam es im Vorfeld eines Spiels beider Mannschaften zu einem Hooligan-Gipfel nahe am Leutzscher Bahnhof in der Nähe des Leipziger Stadions. Ein 18-jähriger BFC-Fan, Mike Polley, wurde dabei tödlich von Polizeikugeln getroffen. Der Todesfall war ursächlich für die Absage des geplanten Vereinigungsländerspiels zwischen den Nationalteams der DDR und der Bundesrepublik.

Nach langen Jahren in unterschiedlichen Ligen trafen beide Teams erstmals wieder 2017 aufeinander. Der BFC hatte sich in all den Jahren in einen Klub entwickelt, dessen eventorientierter, also der Gewalt zuneigender Teil, sich größtenteils aus dem rechten Lager rekrutiert. Der Verein wehrte sich nur halbherzig gegen das Image. Chemie Leipzig hingegen ist eher dem linken Lager zuzuordnen. Das also waren die auch ins Politische reichenden Konfliktlinien vor diesem Regionalligaspiel.

"Affenlaute und rassistische Schmähwörter"

Rund 450 Gästefans hatten sich auf dem Weg nach Berlin gemacht, um ihre als Außenseiter anreisende Mannschaft zu unterstützen. Es sollte nicht langen. BFC Dynamo, der Tabellenführer der Regionalliga Nordost, gewann mit einiger Mühe mit 2:0 (1:0). Die eigentlichen Probleme begannen erst tief in der zweiten Halbzeit, während die Gäste noch auf den Ausgleich drängten. Obwohl: Bereits während der ersten Halbzeit war es auf der Tribüne zu einem Zwischenfall gekommen. Nach dem Führungstreffer durch Max Klump in der 36. Minute soll es beim Torjubel zu einer ersten Eskalation gekommen sein.

Fünfmal soll ein dem BFC-Lager zuzuordnende Fan den sogenannten Hitler-Gruß gezeigt haben. Er wurde wenig später aus dem Block geholt. Gegen ihn wird nun wegen §86a des Strafgesetzbuchs, dem Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, ermittelt, teilte ein Sprecher der Berliner Polizei auf ntv.de-Anfrage mit. Er widersprach damit an einem zentralen Punkt dem Vereinsstatement des Berliner Klubs. "Nach Auswertungen der Videoaufnahmen durch die Polizei konnte der Strafverdacht nicht bestätigt werden", teilte der BFC auf der vereinseigenen Webseite mit. Dieser Darstellung widersprach der Polizeisprecher gegenüber ntv.de explizit.

Nach gut einer Stunde wurde es unruhiger. Da kam es zur Einwechslung des Chemie-Spielers Benjamin Luis, "der bereits bei seiner Einwechslung und im restlichen Spielverlauf von mehreren (nicht nur einem einzelnen) BFC-Anhängern wegen seiner Hautfarbe mit Affenlauten und rassistischen Schmähwörtern belegt worden" sei, teilte Chemie Leipzig am Dienstag mit. Zumindest einmal sind auch auf den Tonspuren die Affenlaute deutlich zu hören. Der BFC sprach später von "einer einzelnen Person" und ergänzte: "Engagiert griffen umstehende BFC-Fans sofort ein und unterbanden diese unfaire und unwürdige Verhaltensweise."

"Unerträgliche Täter-Opfer-Umkehrung"

Da auch in der Regionalliga das dreistufige Rassismus-Protokoll der UEFA gilt, das besagt, dass ein Schiedsrichter bereits bei der ersten ihm bekanntwerdenden rassistischen Beleidigung das Spiel unterbrechen und eine Stadiondurchsage veranlassen muss, muss davon ausgegangen werden, dass der Schiedsrichter die Schmählaute entweder nicht gehört oder nicht als verurteilungswürdig betrachtet hat.

Nach dem Spiel, da sind sich alle Beobachter einig, eskalierte die Situation. Nach der Verabschiedung von den eigenen Fans waren die Leipziger zurück zur Trainerbank, die direkt vor dem BFC-Fanblock positioniert war, gegangen. Sie wollten ihre verbliebene Bekleidung holen und wurden mit "Gegenständen" beworfen. So viel ist klar. Nach Leipziger Angaben waren dies auch "mit Kies gefüllte Trinkbecher." Zusätzlich sei Chemie-Trainer Miroslav Jagatic von einer Einzelperson "Deine Sippe gehört vergast" zugerufen worden. Daraufhin habe der Trainer kurzzeitig die Fassung verloren. Der BFC schreibt, Jagatic habe die Situation "mit seinem Verhalten" weiter "angeheizt". Für Chemie Leipzig eine "unerträgliche Täter-Opfer-Umkehrung".

Währenddessen waren auch die Fangruppen aufeinandergetroffen. So sollen Heimfans versucht haben, in den Gästebereich zu gelangen. Auch hier widerspricht der BFC. Er wirft den Chemie-Fans den Versuch der Stürmung des Heimblocks vor. Wieder steht Aussage gegen Aussage. Einig sind sich alle Parteien nur, dass etwas passiert ist. Die Polizei bestätigt den Einsatz von Reizgas gegen beide Fangruppen. Danach habe sich die Situation auf den Rängen beruhigt.

Antrag auf Sportgerichtsverfahren

Auf dem Platz geriet ein Chemie-Spieler, Anton Kanther, mit einem Zivilpolizisten aneinander. Der, so die Darstellung der Leipziger, habe ihn mit einem Fan verwechselt. Die Einsatzkraft soll ihn in den Schwitzkasten genommen und der Leipziger sich gewehrt haben. Wie der Sprecher der Berliner Polizei ntv.de bestätigte, wurde gegen den 20-Jährigen nun eine Anzeige wegen eines tätlichen Angriffs auf einen Polizisten geschrieben. Insgesamt gingen im Nachklang der Partie neun Anzeigen ein. Landfriedensbruch, Körperverletzung, Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Hausfriedensbruch, tätlicher Angriff auf einen Polizisten, Beleidigung: Ein wilder Mix, der die Justiz einige Zeit beschäftigen wird. Auch vermeldete die Polizei insgesamt neun verletzte Personen: Fünf Polizisten und vier Fans, die sich nach dem Einsatz von Reizgas meldeten.

Was passiert jetzt? Der NOFV teilte ntv.de am Dienstag auf Anfrage mit, dass auf Grundlage des Spielberichts und des Protokolls der Sicherheitsbeobachtung ein Antrag auf Eröffnung eines Sportgerichtsverfahrens gestellt wurde. Der Sicherheitsbeauftragte Lutz Mende bestätigte: "Es wird gegen beide Vereine ermittelt", hieß es in dem kurzen Statement. Chemie Leipzig fordert den Verband auf, "endlich Rassismus und Antisemitismus in den Stadien als gesellschaftliches Problem ernst zu nehmen".

Quelle: ntv.de

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