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Klartext von Kulttrainer Stepi "Relegation ist absoluter Schwachsinn"

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Stepanovic als Eintracht-Trainer bei einer Pressekonferenz mit Präsident Ohms (l.) und Manager Hölzenbein (r.)

(Foto: picture-alliance / dpa)

Eintracht Frankfurt gegen den 1. FC Nürnberg: Es geht um nichts Geringeres als die Erstklassigkeit. Wo liegen die Stärken und Schwächen der beiden Teams? Wer hat die bessere Taktik? Ist es ein Vorteil für die Eintracht, zuerst zu Hause zu spielen? Und: Braucht es die Relegation überhaupt? Kult-Trainer Dragoslav Stepanovic liefert im Interview mit n-tv.de die Antworten.

n-tv.de: Herr Stepanovic, Marco Russ sagte dem "kicker" vor dem "Endspiel" in Bremen: "Auf Unentschieden zu spielen, könnte ganz schnell in die Hose gehen. Wenn es bis zur 88. Minute 0:0 steht und wir dann ein dummes Tor kriegen, dann stünden wir wie die Deppen da." Ist Eintracht Frankfurt der Depp des letzten Spieltags?

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Dragoslav Stepanovic trainierte in der Bundesliga Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen. Derzeit betreut er ehrenamtlich eine Fußball-Auswahl des Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes.

(Foto: REUTERS)

Dragoslav "Stepi" Stepanovic: (lacht) Nein, auf keinen Fall. Wenn man vier Spieltage zurückschaut, hätten wohl die wenigsten der Eintracht diese Chance noch gegeben. Nach dieser Rückrunde noch die Möglichkeit zu haben, erstklassig zu bleiben, ist ein Erfolg. Da sollte man sich drüber freuen. Das Ergebnis war am Ende unglücklich in Bremen.

Wo liegt der Grund für die Niederlage? Hat das Trainerteam um Chefcoach Niko Kovac auf die falsche Taktik gesetzt?

Nein, die Taktik war in Ordnung. Seitdem Kovac Cheftrainer in Frankfurt ist, hat sich einiges geändert. Zum Positiven wohlgemerkt: Man hat ein System. Man kämpft. Und aus dem Spiel heraus gibt es auch die eine oder andere Torchance. Das war auch in Bremen so, in der ersten Halbzeit. In der zweiten Hälfte gab es dann mehr Chancen für Bremen und je näher das Spielende rückte, umso klarer wurde: Jetzt bloß keinen Fehler machen! Aber da war es dann auch schon passiert.

Hat Kovac falsch gewechselt? Schließlich kam in der 68. Minute mit Zambrano ein beinharter Verteidiger, dafür blieb der wiedergenesene Torjäger Alex Meier 90 Minuten auf der Bank ...

Nein, das denke ich auch nicht. Klar: Meier ist ein absoluter Torjäger mit Riecher. Der weiß, wo das Tor steht und ist auch jederzeit für ein Tor gut. Aber nach einer so schweren Knie-Operation und einer so langen Pause ist auch das Risiko hoch, dass er sich schnell wieder verletzt. Ihn dann in den letzten Minuten zu bringen, ist gefährlich. Dann kann es auch mal schnell passieren, dass du plötzlich in Unterzahl zu Ende spielen musst. Zudem war auch absehbar, dass dieses Spiel kein Stürmer entscheiden wird. Da ist es für einen Trainer ein ganz normaler Vorgang, die Abwehr noch zu stärken und das 0:0 zu sichern.

Hätten Sie Meier gebracht?

Wenn, hätte ich Meier von Anfang an gebracht. Wenn dann nämlich etwas passiert, er sich wieder verletzt, kann man noch reagieren.

Frei nach Ihrem Motto: "Lebbe geht weiter" heißt es nun Relegation gegen Nürnberg. Ihre letzten Erfahrungen dieser Art hatten die Frankfurter in der Saison 1988/89, als sie sich denkbar knapp gegen Saarbrücken durchgesetzt haben. Nürnberg spielte dagegen 2009 gegen Cottbus, 2010 gegen Augsburg - und setzte sich jeweils klar durch. Ist das ein Vorteil für den Club?

Das ist schwer zu sagen. Aber ich glaube nicht. Letzten Endes geht es darum, in zwei Spielen gegen den gleichen Gegner zu bestehen. Und das traue ich der Eintracht durchaus zu.

Gibt es in Ihren Augen einen Favoriten?

Nein. Im Allgemeinen denkt man ja, dass der Erstligist immer favorisiert sein müsste. Meiner Meinung nach stimmt das nicht in jedem Fall. Nürnberg spielte in der Rückrunde stark auf, etablierte sich in den Top 3 der 2. Liga. Damit ist die Mannschaft besser aufgestellt als ein Team, das sich ständig im Abstiegskampf befunden hat. Ich sehe die Eintracht und Nürnberg deshalb eher auf Augenhöhe.  

Die Teams spielen erst in Frankfurt, dann in Nürnberg ...

Ja, die Eintracht muss deshalb vorlegen. Ich denke, dass kann sie auch, hat sie ja gegen Dortmund und Mainz auch bewiesen. Das Rückspiel in Nürnberg wird dann ein reiner Kraftakt und sehr schwer. Aber ich glaube fest daran, dass die Eintracht in der 1. Bundesliga bleibt!

Ist es ein Vorteil, dass die Eintracht zuerst zu Hause spielt?

Nein, ich glaube es ist besser, das zweite Spiel zu Hause zu haben. Aber es ist nun mal so, dass der Erstligist zuerst zu Hause antreten muss. Also muss man es nehmen, wie es ist. Basta.

Wer hat denn mehr zu verlieren?

Ganz klar die Eintracht. Allein wenn man bedenkt, was ein Abstieg kostet, dann steht für Frankfurt sehr viel auf dem Spiel. Aber das Gute ist: Sobald die erste Partie angepfiffen ist, denkt kein Spieler mehr daran. Dann will man nur noch gewinnen.

Wenn Sie die beiden Kader vergleichen, wo liegen die jeweiligen Stärken und Schwächen?

Bei Frankfurt haben sich erst in den letzten Spielen die Stärken herauskristallisiert: positive Einstellung, Kampf, Taktik, eine Mannschaft, die sich gefunden hat. Es gibt eine Ordnung und ein System im Spiel. Und das Team glaubt an sich und den Trainer.

Und beim Club?

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Club-Trainer Weiler: Spiele drehen ist eine Stärke seines Teams.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nürnberg ist eine sehr eingespielte Mannschaft, der es scheißegal ist, ob sie 1:0 oder 2:0 führt - die spielt weiter nach vorn, gibt alles. Und: Sie haben in dieser Saison mehrfach bewiesen, dass sie Spiele nach Rückständen noch zu ihren Gunsten drehen können. Das Selbstvertrauen der Spieler dürfte daher sehr hoch einzuschätzen sein.

Wie würden Sie als SGE-Coach spielen lassen, auf wen würden Sie bauen - Alex Meier?

Wenn er fit ist, muss er spielen. Aber selbst wenn noch ein paar Prozent fehlen, sollte er auflaufen. Meier steht immer am richtigen Platz, trifft das Tor, kann so zum entscheidenden Mann werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Meier beide Spiele auf der Bank bleibt. Aber ich weiß auch nicht, wie fit er wirklich ist.

Würden Sie auch Elfmeter trainieren lassen?

Vor der Relegation? Nein! Das bringt nichts mehr, sorgt höchstens für Verunsicherung. Ich habe es früher immer so gehalten, dass zwei Mal in der Woche nach Trainingsschluss noch Elfmeter geschossen wurden. Die ganze Saison über.

Was halten Sie allgemein von der Relegation?

Gar nichts. Ganz klar. Ohne Relegation wäre Nürnberg klar aufgestiegen, Frankfurt hätte knapp die Erstklassigkeit verfehlt. Aber beides ist nicht erst am letzten Spieltag passiert. Die Trends liefen langfristig. Noch schlimmer finde ich aber die Aufstiegsspiele der Regionalligen. Du hast die ganze Saison spitze gespielt, bist Erster, aber darfst nicht aufsteigen, sondern musst nochmal dich über zwei Spiele gegen einen anderen Topverein qualifizieren. Absoluter Schwachsinn!

Würden Sie die Relegation komplett abschaffen?

Ja, absolut. Entweder steigen drei ab und auf oder zwei ab und auf - ohne Entscheidungsspiele. Du hattest 34 Partien Zeit, alles klarzumachen!

Ungeachtet des Ausgangs der beiden Spiele, was muss sich bei Eintracht Frankfurt in der kommenden Saison ändern?

So oder so muss ein Kaderumbruch erfolgen. Wie schwer das sein kann, hat der HSV gezeigt. Der hatte nach der letzten Relegation den großen Umbruch angekündigt, einen kleinen dann gemacht und war dann wieder lange mittendrin im Abstiegskampf. Ich hoffe, dass mal ein zahlungskräftiger Sponsor kommt und dann drei bis vier richtige Spieler geholt werden können, die das Team dann auch nach vorn bringen.

Bleibt Kovac SGE-Trainer - auch bei einem Abstieg?

Bisher läuft der Kontrakt ja nur bis Saisonende. Bleibt die Eintracht erstklassig, wovon ich ja ausgehe, heißt der Trainer auch kommende Saison Kovac. Bei einem Abstieg wird man sich sicher zusammensetzen müssen, analysieren, Schlüsse ziehen. Am Ende hängt es von der Zufriedenheit des Präsidiums mit der Trainerarbeit ab.

War der von der Presse forcierte Wechsel von Thomas Schaaf zu Armin Veh ein Fehler?

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Armin Veh: In seiner ersten Amtszeit Aufstieg und Europa League; in seiner zweiten dann wegen Erfolglosigkeit entlassen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Vielleicht ist Veh zu früh zurückgekommen. Er hatte ja die Eintracht in die Bundesliga zurückgeführt und danach gleich in die Europa League. Deshalb denke ich, dass die Erwartungen bei seiner Rückkehr einfach zu hoch waren. Mit Schaaf war die Eintracht schon erfolgreich, einstelliger Tabellenplatz, man hatte nichts mit dem Abstieg zu tun. Dann kommt Veh, es wurden noch einige Verstärkungen fürs Team geholt. Da träumte der eine oder andere schon wieder vom internationalen Geschäft. Das geht dann auch mal ganz schnell in die Hose.

Hat man Veh dann zu spät abgelöst?

Das lässt sich natürlich im Nachhinein immer leicht sagen. Aber für mich gibt es nur einen richtigen Zeitpunkt für einen Trainerwechsel: nach der Hinrunde. Dann kann der neue Coach mit der Mannschaft die Vorbereitung machen, vielleicht noch Transfers tätigen und seine Mannschaft formen. Alles was danach kommt, birgt zeitliche Risiken.

In der Trainerdiskussion stand damals auch das Duo Jens Keller/Alexander Schur ...

Schur ist immer eine Möglichkeit! Ich kenne ihn, er hat unter mir noch gespielt. Ist ein Kämpfer, gibt niemals auf. Und er hat sich mittlerweile seine Meriten im Nachwuchs verdient. Seine Zeit als Bundesligatrainer wird sicher noch kommen. Wenn nicht bei der Eintracht, dann woanders.

Hannover, Stuttgart, Frankfurt, Bremen, HSV:  Wieso stecken so viele große Traditionsvereine in der Krise?

Seit Jahren läuft es bei den Traditionsvereinen ja nicht wirklich rund. Das hat mehrere Gründe: Da wurden beispielsweise die falschen Spieler geholt, die nicht zum Verein oder zur jeweiligen Mannschaft passten. Dann wurde das Gefälle zwischen den armen und reichen Vereinen immer größer, sodass die einen fertige Topstars kaufen können, die anderen auf eigene Talente setzen müssen. Das birgt natürlich mehr Risiken. Und: Die vermeintlichen Kleinen gibt es nicht mehr: Mainz, Augsburg, oder jetzt Ingolstadt und Darmstadt. Wenn die Mannschaft passt, das Trainerteam, der Vorstand, die Stimmung - dann läuft es auch auf dem Spielfeld!

Wo und wie werden Sie die Spiele schauen?

(Lacht) Vor dem Fernseher. Zu Hause. Es gibt keine Karten mehr.

Wie tippen Sie die beiden Spiele?

Die Eintracht gewinnt zu Hause 2:0. In Nürnberg endet das Spiel dann 1:1.

Mit Dragoslav Stepanovic sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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