Fußball

Superstar kämpft mit sich selbst Ronaldos Wahnsinn ohne Genialität

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Es war zu viel: Cristiano Ronaldo war schwer genervt.

(Foto: imago images/MIS)

Im Champions-League-Spiel bei Bayer 04 Leverkusen erlebt Cristiano Ronaldo mit Juventus Turin einen selbst für seine Verhältnisse außergewöhnlichen Abend. Sportlich kann der Superstar aber derzeit nicht den Wahnsinn um ihn selbst weiter befeuern.

Hätte die Innenverteidigung von Bayer 04 Leverkusen beim 0:2 (0:0) im Champions-League-Spiel gegen Juventus Turin am Mittwochabend nicht aus den starken Aleksandar Dragovic und Sven Bender bestanden, sondern aus dem versammelten Ordnerdienst im mit 29.542 Zuschauern ausverkauften Stadion am Autobahnkreuz, Cristiano Ronaldo hätte es 90 Minuten deutlich einfacher gehabt. Denn während der Dragovic, Bender und der Rest der Defensive des Fußball-Bundesligisten die Edeloffensive des italienischen Rekordmeisters lange gut im Griff hatten, entdeckten ab der 87. Minute nicht weniger als fünf Flitzer Lücken im neonorangenen Abwehrring, den die Ordner ums Feld gezogen hatten.

Leverkusen - Turin 0:2 (0:0)

Tore: 0:1 Ronaldo (75.), 0:2 Higuain (90.+2)
Bayer 04 Leverkusen: Hradecky - Lars Bender, Sven Bender, Dragovic, Sinkgraven - Bellarabi (66. Bailey), Demirbay (65. Baumgartlinger), Aranguiz, Diaby - Havertz, Alario (82. Volland). - Trainer: Bosz
Juventus Turin: Buffon - Danilo, Rugani, Demiral, De Sciglio - Cuadrado (90.+3 Muratore), Pjanic, Rabiot (85. Matuidi) - Bernardeschi (66. Dybala) - Higuain, Ronaldo. - Trainer: Sarri
Schiedsrichter: Benoit Bastien (Frankreich)
Zuschauer: 29.542 (ausverkauft)

Und natürlich, alle stürzten auf CR7 zu, der dieserlei Huldigungen gewohnt ist und mit den rennenden Fans in der Regel vergleichsweise entspannt umgeht. Vom ersten ließ er mit leicht gequälter Miene eine Umarmung über sich ergehen, dem zweiten wich er schon aus und der dritte erwischte den Superstar schmerzhaft am Hals. Das war dem Portugiesen zu viel, er fiel beinahe hin, er schimpfte. Erst Juves Torwart-Ikone Gianluigi Buffon konnte ihn mit einem freundschaftlichen Kuss auf die Wange wieder beruhigen. Es war zu viel, selbst in der Welt von Ronaldo. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagte denn auch Leverkusens Trainer Peter Bosz, "so etwas sollte nicht zum Fußball dazugehören". Dabei sollte einen doch nichts mehr wundern beim steten Wahnsinn, der um Ronaldo herrscht.

Bemerkenswert wenig von Juventus

Sportlich aber kann der 34-Jährige mit dem Hype wenigstens derzeit nicht mehr mithalten, das konnte auch sein 1:0 in der 75. Minute nicht kaschieren. Über 75 Minuten schien es, als habe Juventus Turin einen Versuch gestartet, wie wenig offensiven Esprit man mit Edelkönnern wie Ronaldo, dem argentinischen Vize-Weltmeister Gonzalo Higuain, Spielmacher Federico Bernadeschi und später dem hochveranlagten Publikumsliebling Paulo Dybala entfachen kann. Das Ergebnis der Studie: Weniger, als man gedacht hätte. Higuain musste nach einer Stolpereinlage über sich selbst lachen, Dybala führte sich nach seiner Einwechslung mit einem uninspirierten Flugball ins Nichts ein und Ronaldo fing Mitte der ersten Hälfte an, unrund zu laufen, stand mehrfach bei Juve-Ballbesitz meterweit im Abseits. Ambitionen, sich wieder anspielbereit zu machen? Fehlanzeige.

Das war vor allem in der ersten Hälfte bemerkenswert wenig, was der Champions-League-Rekordfeldspieler (seit gestern) und -Rekordtorschütze (mit inzwischen 128 Treffern) anbot. Nun darf man einwenden, dass ein fünffacher Weltfußballer, der populärste Kicker dieser Zeit, die Heilsgestalt, doch eigentlich keine Werbung in eigener Sache betreiben muss.

Schließlich hieß viele erfolgreiche Jahre lang selbst im Hochbegabten-Ensemble von Real Madrid die Devise "Alle Bälle zu Ronaldo". Eine "Taktik", die den Königlichen drei Champions-League-Titel in Serie eingebracht hatte und nach dem Abschied des Torjägers in eine Krise gestürzt hat, die auch nach einem Trainerwechsel zurück zu Zinedine Zidane längst noch nicht bewältigt ist. Bei Juventus hat Ronaldo im zweiten Jahr nach seinem Abschied von Real einen anderen Status. Der Unantastbare ist zurück unter den Irdischen. "Cristiano ist eine starke Persönlichkeit, ein absoluter Ausnahmespieler. Aber wir brauchen auch eine starke Mannschaft, die Balance muss stimmen. Wir sind aber glücklich, einen Ronaldo zu haben", musste Turins Trainer Maurizio Sarri beinahe ein bisschen für seinen Angreifer werben, der in Leverkusen von seinen Kollegen lange nicht besonders konsequent in Szene gesetzt wurde.

192 Millionen für den Antastbaren

Als ihn in der 51. Minute eine Flanke fand, stand Ronaldo mal wieder deutlich im Abseits, erst ein genialer Moment von Dybala ermöglichte den Ronaldo-Treffer des Abends. Erst der zweite in der zu Ende gegangenen Gruppenphase, schon im Hinspiel hatte der Portugiese getroffen. Durch den frühen Führungstreffer von Atlético Madrid, das im Parallelspiel der Gruppe D gegen Lokomotive Moskau etwas hätte liegen lassen müssen, um Leverkusener Träume vom Weiterkommen am Leben zu erhalten, war die ganz große Spannung früh raus. Wer die Gelegenheit genutzt hat, sich statt auf das große Ganze lieber gezielt auf das ganz eigene Spiel Ronaldos zu konzentrieren, konnte viel von dem sehen, womit sich der Mann mit den 192 Millionen Instagram-Followern derzeit rumplagen muss.

Nicht nur gilt die alte Devise nicht mehr, wonach Ronaldo schon sowieso irgendwie die Spiele entscheiden wird. Der Unantastbare, der im Februar 35 Jahre alt wird, hat auch viel von seiner einstigen Dynamik, der unglaublichen Wucht verloren, mit der er jede Defensivreihe der Welt überrennen konnte, so wie die Juve-Flitzer die löchrige Abwehrkette des Ordnungsdienstes. Ein Dribbler war er schon am Ende seiner Zeit bei Real nicht mehr, inzwischen verlegt er sich beinahe gänzlich auf die Abschlussarbeit im letzten Drittel.

Gehemmt wird der Rekordtorjäger durch eine Knieverletzung, die eigentlich behandlungsbedürftig ist, was eine längere Pause nach sich ziehen würde. Das berichten zahlreiche Medien und auch Ronaldo gestand es schon ein. "Ich habe einfach versucht, Juve zu helfen, ich spiele seit Wochen angeschlagen", hatte er gesagt und damit eine Schwächeperiode in der Serie A erklärt, sogar ausgewechselt wurde der einstige Tor- und Sieggarant. Ein Skandal sollte daraus konstruiert werden, ein Zerwürfnis mit Sarri. Doch die Wahrheit ist wohl weniger spektakulär: Der Ausnahmeathlet ist antastbar geworden, er macht nicht mehr den Unterschied. Das verdeckt auch sein Tor gestern Abend nicht. Den Ronaldo-Jüngern ist das noch egal, aber den ersehnten Champions-League-Titel wird Juventus mit einem derart gehemmten Superstar nicht holen.

Buffon entspannt, Ronaldo im Stress

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Liebling der Tifosi: Gianluigi Buffon.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Das ist schade vor allem für Buffon. Der 41-Jährige war 2018 nach 17 Jahren im Juventus-Tor zum Milliarden-Team Paris Saint-Germain gewechselt, zu Mbappé und Neymar, um endlich mal die Champions League zu gewinnen. Buffon ist Weltmeister, der Liebling der Tifosi und nach einem enttäuschenden, Henkelpott-freien Jahr in Paris unter großem Jubel zurück ins Piermont gewechselt.

Nach dem Spiel nahm sich Buffon in der Mixed Zone, wo Journalisten und Spieler aufeinander treffen, eine Menge Zeit, plauderte lange mit italienischen und internationalen Journalisten, immer und immer wieder fiel das Wort "Cristiano". Der selbst spricht üblicherweise nicht mit der Presse, auch in Leverkusen nicht. Während Buffon noch erzählte, schoss Ronaldo, eskortiert von drei grimmig blickenden Bodyguards durch die Mixed Zone in Richtung Bus, blieb nur kurz stehen, um einem kleinen Jungen im Cristiano-Ornat sein Trikot zu signieren. Viel später, als auch Buffon in das wartende Gefährt geschlappt war, setzte sich der Bus in Bewegung, eskortiert von kreischenden Tifosi.

"Cristiano" riefen sie und rannten, irgendwo zwischen Verzweiflung und Ekstase, einer kollidierte beinahe mit dem Bus. Als der schwarz-weiße Koloss endgültig ins Leverkusener Dunkel entschwunden war, blieben aufgedrehte Ronaldo-Anbeter zurück. Und die Frage: Kann der Superstar noch einmal die Geschwindigkeit des Wahnsinns um ihn aufnehmen?

Quelle: ntv.de