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Bundesligist holpert durch Krise Schalker Fanseele leidet nach Naldos Abgang

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Naldo sagt "Adeus": Der 13 Bundesligajahren zieht es ihn nach Frankreich.

(Foto: imago/RHR-Foto)

Der Brasilianer Naldo erspielt sich beim FC Schalke in zweieinhalb Jahren einen Heldenstatus, doch in der Hinrunde dieser Bundesliga-Saison setzt Trainer Domenico Tedesco nicht mehr auf ihn. Nun wechselt er zum AS Monaco - der Transfer ist für den angeschlagenen Fußballklub ein Risiko.

Aus Gerüchten werden Tatsachen, das ist seit Donnerstag, 16.51 Uhr klar. Ronaldo Aparecido Rodrigues, kurz Naldo genannt, verlässt den FC Schalke 04 mit sofortiger Wirkung und trägt künftig das Trikot des AS Monaco. Der Brasilianer, der seit 2016 bei den Blau-Weißen sein Geld verdiente, unterschrieb einen Vertrag bis zum Sommer 2020. Das ist wahrscheinlich gleichbedeutend mit seiner letzten Anstellung als Fußballprofi.

Nach insgesamt mehr als 13 Bundesligajahren und 358 Arbeitseinsätzen für seine Arbeitgeber in Bremen, Wolfsburg und Gelsenkirchen, bei denen er die für einen Abwehrspieler beeindruckende Anzahl von 46 Treffern erzielte, sagt der großgewachsene Verteidiger "Adeus". Und er tut das mit großen Worten. "Meine zweieinhalb Jahre auf Schalke mit vielen großen Momenten werde ich immer in bester Erinnerung bewahren. Ich habe den Klub und die Fans für immer in mein Herz geschlossen."

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Hat beim AS Monaco Abstiegssorgen: Thierry Henry.

(Foto: imago/PanoramiC)

So jedenfalls steht es in der Pressemitteilung, die seitens des Vereins am späten Donnerstagnachmittag veröffentlicht wurde. Für Naldo, der mit seinen 36 Jahren im Spätherbst seiner Karriere angekommen ist, zweifellos eine gute Nachricht. Der Rekord-Brasilianer, der mehr Arbeitsnachweise in der Bundesliga vorlegen kann als seine Landsleute Zé Roberto, Paulo Sergio oder Lucio und damit der Rekord-Brasilianer ist, stellt sich im Fürstentum an der Côte d'Azur seiner finalen Herausforderung. Gut möglich, dass er dabei helfen kann, den aus der Spur geratenen Klub aus der französischen Liga - das Team von Trainer Thierry Henry steht derzeit auf einem Abstiegsplatz - wieder aufs Gleis zu setzen. Er wird sich aber auch damit anfreunden müssen, künftig vor 6000 statt vor 60.000 Fans aufspielen zu müssen.

Tedesco verliert Vertrauen in Naldo

Obwohl: Gespielt hat er zuletzt nicht mehr oft. Seinen Stammplatz im Abwehrzentrum verlor er nach dem katastrophalen Start der Schalker Knappen mit fünf Niederlagen in Serie an Salif Sané, jenem Neuzugang aus Hannover, mit dem er gemeinsam so etwas wie die blau-weiße Wand errichten sollte. Doch während Schalke die Spiele in Serie verlor, verlor Trainer Domenico Tedesco offenbar das Vertrauen in seinen einstigen Lieblingsspieler. Für Naldo, der den deutschen Verteidigern in der Liga vormachte, dass man als Defensivspieler nicht nur grätschen können muss, sondern mit Übersicht auch in der Spieleröffnung Relevanz bekommen kann, muss das einer Degradierung gleichgekommen sein, auch wenn er sein gewinnendes Lachen dabei nie verlor. Dafür ist er viel zu sehr leidenschaftlicher Kicker. "Die Entscheidung ist mir sehr schwergefallen", sagte Naldo zum Abschied: "Aber ich bin so ehrgeizig und fühle mich noch so fit, um noch einmal eine neue große Herausforderung in einer großen Liga anzunehmen."

Das tut er jetzt - und hinterlässt eine Lücke in vielerlei Hinsicht. Die erste ist vor allem sportlicher Natur. Denn es ist nicht so, als hätte der Traditionsklub aus Gelsenkirchen-Schalke gleich einen ganz Sack voll gelernter und erfahrener Innenverteidiger. Und es ist auch nicht so, als ob Sané so unumstößlich der bessere Naldo ist. Für Christian Heidel ist die Aufgabe nun wieder einmal heikel. Der Manager des S04, dessen Transferpolitik zuletzt zunehmend unter Beschuss geriet, muss nun in der Winterpause auch beim defensiven Personal nachlegen. Und das wird ohne Qualitätsverlust kaum für die kolportierte Ablösesumme von 1,2 Millionen Euro möglich sein, die Monaco für Naldo überweist.

Naldo erobert Herzen im Sturm

Zudem wirft der Transfer eine Frage auf. Wieso verlängerte das Management des FC Schalke 04 erst vor wenigen Monaten den Kontrakt des Südamerikaners um ein weiteres Jahr, um ihn nun ziehen zu lassen? "Aufgrund seiner Verdienste haben wir seinem Wunsch entsprochen, sich in seiner aktiven Laufbahn noch einmal verändern zu wollen", so Heidel im offiziellen Statement, in dem er hervorhob, dass Naldo "in den vergangenen zweieinhalb Jahren eine Bereicherung für unseren Klub war: Sportlich als Abwehrchef, Teamplayer und Torschütze. Menschlich als toller Typ mit einem großen Herzen, wie es sie nur selten gibt, nicht nur im Fußball."

Und das ist vielleicht die größte Lücke, die der 36-Jährige hinterlassen wird: In einem Business, das zunehmend als seelenlos wahrgenommen wird, war jemand wie Naldo eine Art Lichtgestalt. Ein Typ, den Fans bedingungslos ins Herz schließen konnte. Und die Herzen der Blau-Weißen eroberte er im Sturm. In 79 Einsätzen national wie international erzielte der Brasilianer, der so gar nicht brasilianisch wirkte, neun teils spektakuläre Tore für die Schalker. Er war so etwas wie der Garant für die blau-weiße Vizemeisterschaft in der vergangenen Saison.

Held im Revierderby 2017

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Zwei Schalker-Helden: Raúl und Naldo.

(Foto: imago sportfotodienst)

Und spätestens nach dem Ausgleichstor zum 4:4 im Revierderby im November 2017 gegen den ungeliebten Kontrahenten Borussia Dortmund genoss Naldo einen Heldenstatus, wie ihn zuletzt wohl nur noch der als "Senor" verehrte Raúl Gonzales innehatte. Im Rückspiel in Gelsenkirchen strickte Naldo weiter an der Legendenbildung, als er einen Freistoß aus 28 Metern zum 2:0 gegen Schwarz-Gelb versenkte und damit die Tür zur Schalker Glückseligkeit öffnete. Im eher tristen Duell der beiden Rivalen in der Hinrunde dieser Saison blieb der Brasilianer dagegen nur Zuschauer. Unverständlicherweise für viele verärgerte Fans.

Jetzt bricht der Derby-Held, der mittlerweile auch einen deutschen Pass besitzt, seine Zelte im Ruhrpott ab und zieht beinahe fluchtartig weiter Die emotionale Seite dieses Wechsel aber könnte vom Management falsch eingeschätzt worden sein, denn die Strahlkraft des Publikumslieblings wird sicher fehlen. Der Revierklub, der zuletzt immer wieder Identifikationsfiguren wie Julian Draxler, Leroy Sane, Leon Goretzka, Max Meyer und Thilo Kehrer verlor - wird erneut ein Stück ärmer. In einer Saison, in der die königsblaue Fanseele ohnehin leidet, könnte das so zu einem fatalen Signal werden.

Quelle: n-tv.de

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