Fußball

WM-Countdown (18) Sechs Fragen zum russischen WM-Monopoly

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"Wir sind nur die Randfiguren in einem schlechten Spiel": Monopoly.

Was macht man an einem sonnigen Wochenende zweieinhalb Wochen vor dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft? Man spielt eine Runde WM-Monopoly im Garten der Datscha. Das wirft allerdings einige Fragen auf.

Ein Wochenende auf der Datscha, wie man das im Sommer halt so macht, von Moskau aus: Freitag möglichst schnell von der Arbeit ins Auto in den Stau. Abends mit Freunden um einen Tisch im Garten, nach und nach trudeln alle ein. Es gibt Sakuski, Salate und Brot, Bier, Wasser und Wein, unten Mücken und oben den Sternenhimmel. Wir halten Ausschau nach der ISS, die heute Abend hier vorbeischweben soll, drücken die Daumen für das Referendum in Irland, tauschen uns darüber aus, wie "Löwenzahn" in unseren vielen Muttersprachen heißt. Kein Straßenlärm. Tiefes Durchatmen. Einschlafen, als der Himmel schon wieder blau wird.

Katrin Scheib I

Unten Mücken und oben den Sternenhimmel: Katrin Scheib.

(Foto: Pascal Dumont)

Am nächsten Morgen drängt sich der Kapitalismus, der alte Schlawiner, in dieses Idyll. Jemand hat ein Monopoly-Spiel mitgebracht, die "WM in Russland"-Ausgabe. Alles ist zweisprachig englisch/russisch, ansonsten gibt es Länder statt Straßen, Gastgeberstädte statt Bahnhöfe, einen Flutlichthersteller anstelle des E-Werks. Karten dreht man nicht auf Ereignis-, sondern auf Halbzeitfeldern um. Und auch sonst hat diese Weltmeisterschafts-Variante einige Besonderheiten, die angesichts des Gastgeberlandes ziemlich bemerkenswert sind. Darum hier ein paar Fragen.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Okay, das ist nicht das erste WM-Monopoly, die Tradition gibt es schon seit einigen Jahren. Aber: Hat sich diesmal wirklich niemand gefragt, ob man genau dieses Gastgeberland und genau dieses Brettspiel wirklich kombinieren sollte? Ein Spiel, in dem man nicht nur Fabriken kauft, sondern ganze Städte - kombiniert mit einem Land, das im Korruptionsranking auf Platz 135 steht? Wo eines der bekanntesten WM-Stadien sogar zum Symbol für Korruption beim Bau geworden ist? Und klar, wer Korruption sagt, muss auch Fifa sagen. Vielleicht war die Logik also sogar im Gegenteil, dass dieses Spiel und diese WM besonders gut zusammenpassen?

Ob das Spiel wohl auch deshalb zweisprachig ist, um einen Bildungsauftrag zu erfüllen? Sehr praktisch jedenfalls, dass auf dem "Los"-Feld nicht nur das englische "Go", sondern auch das russische "Вперёд" (wperjod) steht. Das bedeutet so viel wie "vorwärts" und ist bei Fußballspielen ein beliebter Anfeuerungsruf: Россия, вперёд! Vorwärts, Russland!

Wie fühlt sich das wohl an, wenn du Japan bist - und damit auf dem Spielbrett das Gegenstück zur Badstraße? Billiger geht’s nicht mehr, nur Australien gibt es zum selben Ramschpreis. Am teuersten, als Gegenstück zu Schlossallee und Parkstraße, sind Russland und Deutschland. Vermutlich darf der Gastgeber immer auf diesen prominenten Platz, denn ansonsten scheint sich die Reihenfolge am Fifa-Ranking der Nationalmannschaften zu orientieren. Und da steht Russland ja aktuell so schlecht da, dass es am Ende vielleicht gar nicht auf dem Spielbrett gelandet wäre. So wie der Iran, Saudi Arabien, Costa Rica, Tunesien und noch eine Reihe anderer Mannschaften. Denn am Turnier nehmen zwar 32 Länder teil, beim Monopoly ist aber nur Platz für 21.

Normalerweise baut man bei diesem Spiel bekanntlich Häuser und Hotels, in dieser Variante hingegen Tribünen und Stadien. Separat, wohlgemerkt - die Tribünen stehen nicht in den Stadien, sondern daneben. Ob sich da jemand von der legendären Jekaterinburger Lösung hat inspirieren lassen?

"Gehe in das Gefängnis. Begib dich direkt dorthin." Kann das irgendwer lesen, ohne an Alexej Nawalny zu denken? Und damit auch an Russlands mehr als zweifelhaften Umgang mit Menschenrechten wie Meinungs- und Demonstrationsfreiheit? Dasselbe gilt übrigens auch für die Karte, mit der man unerwartet wieder aus dem Gefängnis freigelassen wird. So schön kann Behördenwillkür sein!

Zum Schluss dann noch diese eine Ereignis-, nein: Halbzeitkarte: "Sie müssen Ihre Immobilien renovieren: Zahlen Sie 40 pro Tribüne und 115 pro Stadion." Mann Mann Mann. Können wir uns bitte, bitte darauf einigen, dass diese Karte im echten Leben frühestens am 16. Juli, nach dem letzten WM-Spiel, gezogen wird?

Alle Folgen des WM-Countdown finden Sie hier.

Quelle: n-tv.de

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