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"Collinas Erben" zum Topspiel Stegemann top, nur Hummels entwischt ihm

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Gladbachs Trainer Marco Rose war nicht mit allen Entscheidungen von Sascha Stegemann einverstanden.

(Foto: imago images/Team 2)

Zwei Tore des BVB annulliert er wegen Abseits, dreimal gibt er keinen Elfmeter für Gladbach, und er verwarnt den Trainer der Gäste - Schiedsrichter Sascha Stegemann hat im Topspiel der Fußball-Bundesliga viel zu tun. Und nur in einer Szene hätte er anders entscheiden sollen.

Zu beneiden war Sascha Stegemann beim 1:0 (0:0) im intensiven Spitzenspiel zwischen Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach gewiss nicht. In seinem 75. Einsatz in der Fußball-Bundesliga musste der Schiedsrichter mit seinen Assistenten an diesem achten Spieltag viele knifflige spielrelevante Situationen beurteilen, darunter mehrere Strafraum- und Abseitsszenen. Schon nach zwei Minuten testete Mats Hummels am Samstagabend unmittelbar vor dem eigenen Sechzehnmeterraum mit riskanten Tacklings gegen Breel Embolo und Marcus Thuram die Grenzen des Erlaubten aus.

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Der Unparteiische ließ jeweils weiterspielen und wurde von den Fernsehbildern zumindest nicht widerlegt. Er gab damit eine eher großzügige Linie vor, die zur Spielweise beider Teams passte und die er in der Folge auch beibehielt. Dies nicht zuletzt bei Zweikämpfen im Strafraum, wo die Referees es ohnehin bevorzugen, nur bei eindeutigen Vergehen gegen die Angreifer auf Elfmeter zu entscheiden.

Zweimal stürmte Embolo in der ersten Hälfte alleine auf den Dortmunder Torwart Roman Bürki zu, beide Male ging er beim Versuch, den Schlussmann zu umspielen, zu Boden, in beiden Fällen blieb Stegemanns Pfeife stumm. Zu Recht, Bürki hatte jeweils zuerst den Ball gespielt und das so deutlich, dass auch der anschließende, unausweichliche Kontakt den Körpereinsatz nicht strafbar werden ließ. Das hatte der Unparteiische bereits auf dem Feld erkannt, mithin ohne die Hilfe des Video-Assistenten.

Dessen Eingriff hätten sich die Gladbacher allerdings nach 72 Minuten gewünscht, als Patrick Herrmann den Ball nach einer Hereingabe von außen aus kurzer Distanz am Tor vorbeischoss und dabei von Hummels attackiert wurde, ohne dass der Schiedsrichter anschließend pfiff. Den Ball hatte der Dortmunder nicht getroffen, das linke Bein und danach, im Augenblick des Schusses durch den Gladbacher, den rechten Fuß von Herrmann dagegen schon. Eine verlangsamte Nahaufnahme aus einer seitlichen Perspektive zeigt allerdings auch, dass Herrmann zu Beginn des Zweikampfs sein Bein herausgestellt und Hummels mit der Ferse am Fuß erwischt hatte.

Richtige Entscheidungen in den Schlüsselszenen

Während die Realgeschwindigkeit ein Foul des Verteidigers nahelegte, suggerierte die Zeitlupe aus einem anderen Blickwinkel also, dass sich auch der Gladbacher Stürmer nicht ganz einwandfrei verhalten hatte. Solche Slow Motions können jedoch täuschen, weil sie Dynamik und Intensität einer Aktion verzerren. Alles in allem sprach mehr für einen Strafstoß, auch wenn es möglich ist, dass Herrmann bereits Sekundenbruchteile, bevor er am Fuß getroffen wurde, abgeschlossen hatte. In solchen Fällen gibt es in der Praxis nur selten einen Strafstoß, obwohl die Regeln ihn eigentlich vorsehen. Eindeutig waren die Bilder jedenfalls nicht, deshalb ist es nachvollziehbar, dass der Video-Assistent nicht eingriff.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Interveniert hatte er dafür nach 33 Minuten, weil in der Angriffsphase, an deren Ende Thorgan Hazard ins Mönchengladbacher Tor traf, Marco Reus aus einer - äußerst knappen - Abseitsposition ins Spiel eingegriffen hatte. In der 84. Minute annullierte Stegemann einen weiteren Dortmunder Treffer, diesmal nach Rücksprache mit seinem Assistenten an der Seitenlinie. Denn bei Julian Brandts Schuss hatte sich wiederum Reus im Abseits und gleichzeitig im Sichtfeld des Gladbacher Torwarts Yann Sommer befunden, der deshalb mit leichter Verzögerung reagierte. Zwar ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass er ohne die Nähe von Reus den Einschlag verhindert hätte. Doch laut Regelwerk ist das sogenannte Sichtfeldabseits bereits dann strafbar, wenn dadurch die theoretische Möglichkeit eines Spielers beeinträchtigt wird, den Ball zu spielen. Deshalb war auch diese Entscheidung des Unparteiischen korrekt.

Am Ende entschied der nervenstarke Stegemann in einem äußerst schwer zu leitenden Spiel in fast allen der zahlreichen Schlüsselszenen unzweifelhaft richtig. Lediglich nach dem Zweikampf zwischen Hummels und Herrmann lag eine andere Entscheidung als die getroffene näher, doch klar falsch war auch sie nicht. Kurz vor dem Schlusspfiff musste der Schiedsrichter noch den Gästetrainer Marco Rose verwarnen, der allzu lautstark protestiert hatte. Sein Kollege Lucien Favre kam ungeschoren davon, obwohl er seine Coachingzone verlassen hatte - allerdings im Eifer des Gefechts und nicht in konfrontativer Absicht. Das gab dem Referee den Spielraum, auf eine Gelbe Karte zu verzichten.

Was sonst noch wichtig war:

  • Zu einer kuriosen Szene kam es nach 18 Minuten beim 1:1 zwischen RB Leipzig und dem VfL Wolfsburg: Von einer hohen und weiten Rückgabe seines Teamkollegen Dayot Upamecano mit dem Fuß wurde der Leipziger Torhüter Peter Gulasci derart überrascht, dass er den Ball so gerade noch mit den Händen am Tor vorbeilenken konnte. Diesen Verstoß gegen die sogenannte Rückpassregel ahndete Schiedsrichter Deniz Aytkin richtigerweise mit einem indirekten Freistoß. Ebenfalls korrekt war es, dem Schlussmann weder die Gelbe noch die Rote Karte zu zeigen, auch wenn der Ball ohne Gulascis Tat wohl ins Tor gegangen wäre. In den Regeln heißt es: "Der Torhüter darf den Ball im eigenen Strafraum weder nach einem absichtlichen Zuspiel oder einem Einwurf eines Mitspielers noch nach der Freigabe aus den eigenen Händen in die Hand nehmen. Ein Verstoß gegen diese Regel wird mit einem indirekten Freistoß geahndet. Dieses Handspielvergehen zieht aber keine Disziplinarmaßnahme nach sich, selbst wenn dadurch ein aussichtsreicher Angriff, eine offensichtliche Torchance oder ein Tor vereitelt wurde."
     
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    Christian Dingert wäre auf kuriose Weise beinahe noch ein weiteres Mal zum Fernsehschauen gezwungen worden.

    (Foto: imago images/Schüler)

    Ebenfalls kurios ging es in der 70. Minute des Spiels zwischen Eintracht Frankfurt und Bayer 04 Leverkusen (3:0) zu: Nach einem Torschuss der Gastgeber, der weit am Tor vorbeiging, hielt ein Auswechselspieler der Gäste, der sich neben dem eigenen Gehäuse aufwärmte, den Ball mit dem Fuß auf, um seinem Torwart einen schnellen Abstoß zu ermöglichen. An sich löblich, das Problem war nur: Der Ball hatte die Torauslinie noch nicht überschritten, auch wenn Schiedsrichter Christian Dingert das so wahrnahm und auf Abstoß entschied. Damit hatte auch niemand ein Problem, doch nach den Regeln handelte es sich eigentlich um ein unerlaubtes Betreten des Feldes und einen Spieleingriff durch den Ersatzspieler. Und wäre die Ballberührung auf jenem Teil der Torauslinie erfolgt, die zum Strafraum gehört, dann hätte der Video-Assistent eingreifen müssen, und es hätte einen Strafstoß gegeben. Mit dieser strengen Regelung sollen Auswechselspieler und Teamoffizielle von Eingriffen ins Spiel abgehalten werden, und sie gilt auch dann, wenn dieser Eingriff nicht in unsportlicher Absicht geschieht. Glück für Leverkusen, dass der Reservist den Ball wenige Zentimeter außerhalb des Strafraumbereichs aufhielt. Es hätte also eigentlich einen Freistoß geben müssen, doch da der Video-Assistent hier nur bei einem Elfmeter hätte intervenieren dürfen, blieb es bei der Abstoßentscheidung.
     
  • Noch ein Kuriosum, diesmal in der Partie des SV Werder Bremen gegen Hertha BSC (1:1): Nachdem Vedad Ibišević in der zwölften Minute bei einem Zweikampf mit dem Bremer Torhüter Jiří Pavlenka zu Fall gekommen war, Schiedsrichter Felix Brych jedoch nicht auf Strafstoß entschieden hatte, forderte der Berliner beim Unparteiischen eine Verwarnung gegen sich selbst. "Ich habe gesagt, wenn das kein Elfmeter ist, dann ist es eine Schwalbe", so Ibišević. "Es gibt keine dritte Option." Doch da irrt der Angreifer, denn selbstverständlich besteht für den Referee auch die Möglichkeit, auf weiterspielen zu entscheiden, wenn er der Überzeugung ist, dass weder ein Foulspiel noch eine Simulation vorliegt. Allerdings wäre ein Strafstoß in dieser Situation die bessere Entscheidung gewesen: Pavlenka berührte mit dem langen Bein nur hauchzart den Ball und brachte Ibišević danach umso deutlicher zu Fall.

Quelle: n-tv.de

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