Fußball

Bundesliga-Check: 1. FC Nürnberg Transferflaute? Sturmwarnung an die Liga!

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Auf dem Friedhof stimmt sich Rekordaufsteiger 1. FC Nürnberg für die Fußball-Bundesliga ein. Der größte Außenseiter der Saison will drinbleiben und selbst den FC Bayern ärgern - dank Sturmwarnung und einem Optimismus-Monster als Coach.

Nach vier abstinenten Jahren ist der 1. FC Nürnberg zurück in der Bundesliga. Was Franken (außerhalb von Fürth) und Fußball-Traditionalisten ein kerniges "Willkommen zurück!" entlockt, könnte beim SC Freiburg für einen gewisses Ärgerle sorgen. Nicht, weil die Streich-Buben dem Club den achten Aufstieg der Vereinsgeschichte missgönnen würden, ist ja schließlich Liga-Rekord. Sondern weil nun wieder eine Mannschaft in der ersten Liga mitkickt, die Freiburg den Titel als größter Außenseiter im Oberhaus ernsthaft streitig macht. Nürnbergs Aufstiegs-Trainerheld Michael Köllner sieht das freilich etwas anders, er hat vor seiner Erstliga-Premiere via "Sport Bild" die Parole ausgegeben: "Jedes Spiel geht bei 0:0 los, auch in der Bundesliga. Deswegen werden wir selbst gegen Bayern München nicht chancenlos sein." Und er hat neben gesundem Zweckpragmatismus auch eine bestechende Antwort auf die Frage, wie das Wunder Klassenerhalt vollbracht werden soll: "Das ist relativ einfach: mit Punkten."

Was gibt's Neues?

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Nach vier Jahren in Liga zwei kicken die Nürnberger wieder erstklassig.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nun ja. In der Nürnberger Transferschatulle liegen offiziell etwa vier Millionen Euro abzüglich der drei Euro, die Parolen-Köllner ans Phrasenschwein abdrücken musste. Das ist, freundlich formuliert, dann doch ein zweitklassiger Etat für einen Erstliga-Aufsteiger. Noch bescheidener ist nur, dass die Nürnberger von ihren verfügbaren Milliönchen erst 700.000 Euro in fünf neue Spieler investiert haben - und der Großteil für einen Kicker ausgegeben wurde, der beim Saisonstart gegen Hertha BSC auf der Bank sitzen dürfte. Von Ex-Bundesliga-Dino Hamburger SV wurde für 500.000 Euro Keeper Christian Mathenia abgeworben, er soll mit Aufstiegskeeper Fabian Bredlow um die Nr. 1 konkurrieren. Ausgang: offen. Vorteil: Bredlow. Von Werder Bremen wurde Robert Bauer als polyvalente Defensiv-Allzweckwaffe ausgeliehen mit Kaufoption. Das ist erwähnenswert, weil der 23-Jährige in der Abwehr links wie rechts spielen und auch im Mittelfeld dazwischengrätschen kann. Und weil damit die Nürnberger Neuzugänge mit nennenswerter Erstliga-Expertise in der Vita auch schon genannt sind. Der 19-jährige Kevin Goden (Abwehr), die ebenfalls 19-jährige Bayern-Supertalent-Leihgabe Timothy Tillmann (Mittelfeld) und der 20-jährige Angreifer Törles Knöll haben viel Talent und Namen wie aus einem Thomas-Mann-Roman, aber zusammen exakt 17 Minuten Erfahrung in der ersten Liga. Was Fußball-Deutschland daraus schlussfolgern darf? Nun, laut "Süddeutscher Zeitung" Folgendes: "Dass Nürnberg das neue Freiburg ist, also qua Kader Top-Favorit auf den Abstieg."

Auf wen kommt es an?

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Michael Köllner will am liebsten zum Klassenerhalt stürmen.

(Foto: imago/Zink)

Aufs Kollektiv. Und auf die Balance zwischen Angriff und Abwehr, womit in diesem Sommer freilich schon ganz andere Teams Probleme hatten. Und vor allem darauf, das Selbstbewusstsein, die Spielfreude und den Mut der Aufstiegssaison in die erste Liga zu retten. Im Sturm werden Köllner und sein Club die Liga zwar nicht erobern, zum Klassenerhalt mauern wollen sie sich aber auf keinen Fall, so erfrischend meldete sich zuletzt RB Leipzig als Aufsteiger an. Der "Sport Bild" verriet Köllner: "Mutig nach vorn zu spielen schließt eine stabile Ausrichtung, eine stabile Systematik und eine gute Defensivstruktur nicht aus, denn Mut ist nicht mit Leichtsinn gleichzusetzen." In der 2. Liga klappte das formidabel. Nürnberg überzeugte mit taktischer Variabilität aus einem 4-1-4-1-Grundsystem, schoss die zweitmeisten Toren, kassierte die zweitwenigsten. Mehr Balance geht kaum, mehr Spielfreude in der Liga 2 auch nicht. Dabei soll es auch nach dem Aufstieg bleiben, "reine Schadensbegrenzung" ist für Köllner keine Option, "nur gegen den Abstieg spielen, ist keine Vision für mich". Seinen Optimismus nährt trotz der Transferflaute (siehe unten), dass seine Aufstiegsmannschaft um Kapitän Hanno Behrens und Torjäger Mikael Ishak zusammengeblieben ist. An der Statik wird es nicht scheitern.

Was fehlt?

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Wie man als Team den Kopf über Wasser hält, übten die Nürnberger beim Rafting.

(Foto: imago/Zink)

Geld und Neuzugänge, siehe oben. Auch Aufstiegs-Spielmacher Kevin Möhwald ist nicht mehr da, ihn zog es nach Bremen. Und Abwehrchef Ewerton verletzte sich in der Vorbereitung so schwer, dass er noch mindestens sechs Wochen ausfällt. Köllner ließ sich im "Kicker" trotzdem salomonisch zur Personalsituation zitieren. Er sei "weit davon entfernt, nach Verstärkungen zu poltern". Nürnbergs Sportvorstand Andreas Bornemann fahndet dennoch intensiv und kreativ nach Verstärkungen, und zwar im: offensiven Mittelfeld zentral und außen (beide Seiten), Sturmzentrum (Ingolstadts Dario Lezcano ist noch zu teuer) und auf der Sechs. Bleibt also noch viel zu tun. Stehen dürfte der Kader erst, wenn Ende August das Transferfenster schließt. Aber: Ist ja noch Geld da. Und: Es mag an Qualität mangeln, aber nicht an Mentalität, an Glaube und Überzeugung fürs Abenteuer Bundesliga. Im letzten Jahr stimmte Köllner sein Team im Kloster Neustift bei Brixen auf die Saison ein. Das klappte formidabel, spirituell beflügelt stürmte Nürnberg mit feinem Offensivfußball zum Aufstieg - und nun in der Vorbereitung direkt auf den Friedhof. Das Trainingslager in Südtirol eröffnete Köllner mit einem Ausflug zu den "Grabstätten an der Kirche St. Stephan in Villanders", wie die Kollegen vom Sport-Informations-Dienst berichteten. Motto: Glaube "als Kraftquelle" - und Aberglaube aus Tradition. Dazu gab es einen gemeinsamen Rafting-Ausflug. Halleluja!

Wie lautet das Saisonziel?

Drinbleiben, irgendwie. Sagen alle - außer, natürlich, Köllner. Über den sagte Nürnbergs Kapitän Hanno Behrens im "Kicker" ja auch: "Er ist von Haus aus ein positiver Typ, der sich gar nicht erst mit Negativszenarien beschäftigen will." Beweis: Nach dem Testspiel gegen den italienischen Erstligisten FC Bologna am Wochenende schwärmte Köllner im "Kicker": "Ich muss meiner Mannschaft ein Riesenkompliment machen - ich hätte so eine Leistung nach neun intensiven Trainingstagen nicht erwartet." Dass Bologna 1:0 gewann und der Club beste Chancen versiebte, fuchste Köllner kein My. Er versicherte: "Das bekommen wir bis zum Saisonstart hin." Und dann? "Wir werden alles geben. Wenn es reicht, ist es super."

Die Prognose von n-tv.de

Nürnberg wird seine 25.000 Dauerkartenbesitzer zittern lassen, aber nicht enttäuschen. Das Auftaktprogramm mit Hertha BSC, FSV Mainz und Werder Bremen ist trotz Auswärtsstarts in Berlin dankbar für einen Aufsteiger - und könnte eine Euphoriewelle erzeugen, auf der Nürnberg bis zum Klassenerhalt reiten kann. Das große Plus der Clubberer ist: Auch ohne Welle werden sie nicht untergehen. Und: Köllner kennt sich mit einem Exotenstatus bestens aus. Seine finale Prüfung zum Arzthelfer, so ist es überliefert, schrieb er gemeinsam mit 300 Frauen. Weil später nur Arzthelferinnen-Abschlussurkunden zur Hand waren, wurde bei ihm einfach das "in" gestrichen - mit Filzstift.

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Quelle: n-tv.de