Fußball

Schwarzgelbe Zerrissenheit Tuchels Finaltaktik öffnet neue BVB-Front

b2abd41dfe04eb355943ca61d7418c58.jpg

Thomas Tuchel gewinnt mit 43 Jahren seinen ersten Titel - eigentlich ein Tag zum Feiern. Eigentlich.

(Foto: imago/Uwe Kraft)

Trotz des Pokaltriumphs will keine ganz große Freude bei Borussia Dortmund aufkommen. Die Diskussionen um die Zukunft des Trainers überschatten den Sieg. Marcel Schmelzer ergreift Partei - und stellt sich gegen Thomas Tuchel.

Es wird ja jede Menge hineingedeutet in jede Szene, in jede Geste in diesen Tagen, die so viel Unsicherheit und Spekulationen in sich tragen. Darüber, ob und wie es mit Thomas Tuchel und dem Fußballverein Borussia Dortmund weitergeht. Nach dem Abpfiff eines Pokalfinals, in dem der BVB zwar nicht geglänzt, aber immerhin nach drei vergeblichen Anläufen mal wieder den Pott geholt hatte, wurde ganz genau geachtet auf den Trainer und seinen Antipoden Hans-Joachim Watzke.

Die Chronisten beobachteten haarklein, dass der Geschäftsführer des börsennotierten Unternehmens den Frankfurter Trainer Nico Kovac länger und intensiver umarmte als den eigenen. Aber immerhin, auch Tuchel und Watzke hatten sich auf dem Rasen des Olympiastadions getroffen und geherzt, und es machte einen vertrauteren Eindruck als noch eine Woche zuvor nach dem letzten Bundesligaspiel gegen Werder Bremen.

Tuchel ist auch dazu befragt worden, und es klang ein wenig Süffisanz mit, als er Auskunft gab: "Nachdem die letzte Umarmung handgestoppt wurde, haben wir uns dieses Mal Mühe gegeben, es besser zu machen."

Überbordende Freude sieht anders aus

Es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine große Romanze mehr geben zwischen Dortmunds starkem Mann Watzke und seinem ebenso charismatischen wie umstrittenen leitenden Angestellten. Vieles deutet darauf hin, dass sich die Wege trennen werden, obwohl Tuchel doch mit der direkten Champions-League-Qualifikation und dem Gewinn des Pokals hervorragende Arbeitsnachweise vorzulegen hat. Und das in einer Saison, die durch den personellen Umbruch und den schlimmen Bombenanschlag auf die Mannschaft unter schwierigen Vorzeichen stand.

Es hätte eigentlich auch die Nacht des persönlichen Triumphs von Thomas Tuchel werden sollen, schließlich feierte er mit 43 Jahren den ersten Titelgewinn seiner Trainerkarriere. Er fühle sich "unglaublich leicht", sagte er, als er nach seinem Gemütszustand gefragt wurde, doch die große Freude wollte im Dortmunder Lager nicht einkehren. Das schwer erkämpfte und wenig triumphale 2:1 wurde geschäftsmäßig abgehakt. Es herrschte eher Erleichterung, überbordende Freude sieht anders aus.

"Natürlich möchte ich Trainer bleiben"

78e8f33da972a277026b34c34be7ed00.jpg

Während sein Team jubelnd losrennt, freut sich Tuchel eher still.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Der spektakuläre Sieg beim Halbfinale in München sei "wie eine Explosion" gewesen, sagte Tuchel, "aber heute bin ich komplett leer". An diesem Abend hinterließ der Dortmunder Auftritt im Olympiastadion den Eindruck, "als hätten wir sehr viel zu verlieren". Die Leichtigkeit, die dieses junge und so talentierte Ensemble in seinen guten Momenten hervorzaubern kann, war komplett abhandengekommen. Das mag auch daran liegen, dass sich die unschönen Debatten um den Trainer wie eine schwere, graue Decke auf die schwarz-gelbe Seele gelegt haben.

Immer wieder haben die Alphatiere Watzke und Tuchel betont, bis zum Saisonende warten zu wollen, bis sie über die Zukunft sprechen. Der Zeitpunkt ist nun gekommen und Tuchel betonte erneut, wie gern er mit dieser Mannschaft zusammenarbeite und wie intakt das Binnenklima sei. "Natürlich möchte ich Trainer bleiben. Ich habe hier einen Vertrag, und den möchte ich erfüllen. Wenn es geht." Er wolle nicht naiv erscheinen, "aber die Gespräche scheinen ergebnisoffen zu sein".

Führungsspieler üben Distanz zum Trainer

Wenn sich Tuchel da mal nicht täuscht. Vieles legt den Schluss nah, dass das Urteil längst gesprochen ist und sich die Wege trennen werden. Auch der Abend des vierten Dortmunder Pokaltriumphs offenbarte Risse in der Beziehung zwischen dem Trainer und der Mannschaft, die sich viel weiter von Tuchel entfernt hat, als dieser zugeben mag. Die Maßnahme, Nuri Sahin weder in die Stammformation noch in den Kader zu berufen, sorgte für Irritationen.

Kapitän Marcel Schmelzer sprach Klartext: "Mich hat das sehr geschockt", gab der Außenverteidiger zu Protokoll: "Ich verstehe es einfach nicht. Wenn ein Spieler wie Julian Weigl ausfällt, dann ist der Einzige, der das mindestens genauso gut kann, Nuri Sahin. Deshalb war ich sehr überrascht, dass er nicht gespielt hat und nicht mal im Kader war. Wir alle wissen, was er für Qualitäten hat. Die Erklärung, warum er nicht gespielt hat, muss der Trainer geben. Wir stehen komplett hinter Nuri."

Deutlicher kann ein Führungsspieler nicht auf Distanz zu seinem Trainer gehen, die Dortmunder Zerrissenheit wird immer größer. Auch in einer anderen wichtigen Personalie gibt es bei Borussia Dortmund Klärungsbedarf. Wie die "Süddeutsche Zeitung" im Vorfeld des Pokalfinals berichtete, wird Pierre-Emerick Aubameyang in der kommenden Woche darum ersuchen, ihn vorzeitig aus seinem bis 2020 laufenden Vertrag zu entlassen. Allerdings müssten Kaufinteressenten schon sehr tief in die Tasche greifen, eine Rekordablöse von 80 Millionen Euro scheint möglich. Der Torjäger erfüllte in Berlin seine Pflicht, indem er mit einem lässig in die Mitte gelupften Elfmeter das Spiel entschied. Doch zu seiner Zukunft mochte sich Aubameyang nicht äußern an einem Abend, über dem ein Schatten lag, obwohl Borussia Dortmund den Pokal gewonnen hatte.

Quelle: ntv.de