Fußball

Sie machen einfach immer weiter Union Berlin ist kaum noch auszuhalten

imago1011999746h.jpg

"Wir erleben etwas, was so schön ist, dass man es fast nicht aushalten kann."

(Foto: IMAGO/CampsBay Media)

In einem Dorf vor den Toren der Weltstadt Berlin lebt der lokale Fußballklub den Traum aller Fußballfans. Es geht einfach immer nur bergauf. In die Bundesliga, in die Conference League, in die Europa League. Momente, die so schön sind, dass sie kaum auszuhalten sind.

Im Leben eines jeden Fußballfans gibt es Phasen der unglaublichen Euphorie. So brutal die Realität ist, so kaputt die eigene Existenz auch sein mag, so wolkenverhangen die Gedanken sind, so sicher ist in diesen ewig erscheinenden Augenblicken die Flucht in eine andere Welt, in der all das nicht existiert. Woche für Woche geht es ins Stadion. Um Fußball zu sehen, um Freunde zu treffen und alles andere zu vergessen. Und an diesem Ort passieren dann auch noch Wunderdinge. Es geht immer nur nach oben. Der Erfolg kennt keine Grenzen. Nur irgendwo am Horizont ist ein Ende absehbar.

"Haltet diesen Moment fest", rief Stadionsprecher Christian Arbeit vom Balkon der Alten Försterei den feiernden Fans von Union Berlin zu. Nach dem 3:2 (2:0) über den VfL Bochum hatten sich rund 10.000 Fans vor dem Stadion versammelt, um ihre Mannschaft zu feiern. Eine Mannschaft, die schon wieder alle Erwartungen übertroffen hat, die nach der Conference League in dieser Saison nun in der Europa League antreten wird und, wenn man es so will, die Qualifikation für die Champions League in den Spielen gegen die Absteiger Greuther Fürth und Arminia Bielefeld verzockt hat.

imago1011997640h.jpg

Union Berlin feiert auf dem Balkon.

(Foto: IMAGO/Matthias Koch)

Das deutsche Hotel California

Aber so wird in Köpenick nicht gerechnet. Überall glückliche Gesichter der Menschen, denen der Klub Heimat ist, die irgendwann einmal in der Alten Försterei ankamen und nie wieder gingen. Wie in diesem alten Eagles-Lied vom "Hotel California", aus dem man zwar auschecken kann und es doch nie verlässt. Manche interessierten sich vorher nicht für Fußball und kommen, weil sie die Gemeinschaft lieben und andere waren Fans anderer Klubs, bevor sie sich für den Verein aus ihrer Heimat entschieden und die Großklubs Bayern München und Borussia Dortmund aus ihrem Leben abschüttelten. Heimat ist hier. In diesem Dorf vor den Toren der Weltstadt, in dem sie mit markerschütternden Lautstärke in der Vereinshymne ihr ewiges Leben beschwören.

Vor dem Spiel erwacht Köpenick aus dem Schlaf. Melancholisch lässt der einsame Trompeter auf einer Wuhle-Brücke seine Melodie erklingen. Sie weht in Richtung S-Bahn Köpenick. Eine Gitarre setzt ein, dann eine Stimme. "Immer wieder Eisern Union, immer wieder Eisern Union". Nina Hagens Vereinshymne. Entkernt, reduziert auf die Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Verein. Samstag, 14.05.2022 - Köpenick erwacht. Ein letztes Mal pilgern die Zuschauer zur Alten Försterei. Es geht gegen den VfL Bochum. Ein Sieg garantiert die Europa League und wenn es schlecht läuft, geht es halt erneut in die Conference League. Das ist die Ausgangslage vor dem Spiel und nach einer Saison, die hier in Köpenick schon wieder niemand fassen kann. Erst der Bundesliga-Aufstieg 2019 mit dem anschließenden Klassenerhalt, dann der Rausch bis in die Conference League und jetzt kein Absturz, sondern weiter, noch höher rauf auf das Plateau der nationalen Spitzenteams. Mit einer Mannschaft aus Außenseitern und Unterschätzten, deren Marktwert auf der Seite transfermarkt.de verschwindend gering und deren Stellenwert in den Herzen der Zuschauer unermesslich hoch ist.

Der betonschwere Winter

Sie heißen Bastian Oczipka, der von Absteiger Schalke 04 kam und der in Köpenick aufgrund seiner Zuverlässigkeit "Der Mann mit der Aktentasche" genannt wird. Und sie heißen Genki Haraguchi, der vom Zweitligisten Hannover 96. Oder auch Grischa Prömel, der nach Hoffenheim weiter ziehen wird, weil Fußball am Ende auch Arbeit ist, oder Paul Jaeckel, Niko Gießelmann oder Taiwo Awoniyi, die vor ihren Anstellungen bei Union bestenfalls Insidern bekannt waren. Sie wurden angestellt von Oli Ruhnert, einem aufgedrehten Sportdirektor. Immer auf Achse, immer was am Planen dran. Und sie werden trainiert vom 56-jährigen Schweizer Urs Fischer, einem großen Pragmatiker, der sein Leben ganz auf den Fußball ausgerichtet hat. Der immer noch gnadenlos unterschätzt wird. Aber langsam auch bei anderen Klubs Begehrlichkeiten weckt. "Der Urs Fischer bleibt hier", kommentiert Präsident Dirk Zingler die Situation. Und so wird es wohl auch sein. Bis er irgendwann geht. Jetzt aber erst einmal Europapokal, FC Union international.

Dabei hatte es im Februar und im März nicht mehr nach einer Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb ausgesehen. So wie der graue, betonschwere Berliner Winter den Menschen, so drückten die Abgänge von Marvin Friedrich und Max Kruse dem Verein aufs Gemüt. Friedrich war in der Winterpause zu Borussia Mönchengladbach transferiert worden und Kruse hatte sich nicht gegen die millionenschweren Verlockungen vom Mittellandkanal wehren wollen. Ursprünglich hatte er im März mit einem Wechsel in die MLS geliebäugelt, jetzt ging es eben nach Wolfsburg zu seinem alten Trainer Florian Kohfeldt - und damit auch weg von Urs Fischer, dessen Stil Kruse nicht wirklich entgegengekommen war. Ohne Kruse holten die Köpenicker aus sechs Ligaspielen im Februar und März gerade einmal vier Punkte.

Der neuverpflichtete Sven Michel vom SC Paderborn hatte so seine Probleme. Ein Kämpfer, klar. Aber niemand für den magischen Moment. Niemand, der den freien Raum erahnt. Aus Platz vier am 20. Spieltag wurde Platz neun mit Tendenz nach unten am 27. Spieltag. So ging es in die Länderspielpause, immerhin auch mit einem Pokalhalbfinale in Leipzig vor der Brust. Aber der Einbruch drückte rund um die Alte Försterei allen aufs Gemüt. Die erste wirkliche Delle im dritten Bundesliga-Jahr. Doch als der Frühling ins Land kam, war alles vergessen. Auf den Heimsieg gegen Köln folgte das 4:1 im Derby bei Hertha BSC. Die Stadien waren wieder komplett ausgelastet und die Kurve rund um das Marathontor im Berliner Olympiastadion war fest in Union-Hand. Die Spieler rannten nach dem Schlusspfiff vollkommen aufgedreht in die Kurve, während auf der anderen Seite, in der Ostkurve, der Konflikt zwischen den Hertha-Fans und Spielern eskalierte.

Rauschhafte Jahre

Undenkbar in diesen rauschhaften Jahren in Köpenick, in denen auch ein 1:1 gegen Greuther Fürth noch stundenlang in dieser Trutzburg gegen die Verführungen des modernen Fußballs gefeiert wird. Die Alte Försterei ist fordernd, saugt einen ein, lässt einen nicht los, fordert Unterstützung und Leidenschaft. Nicht jeder will sich darauf einlassen, schon gar nicht auf die apolitische Einstellung des Klubs. Im Stadion sind alle Eiserne, die Politik bleibt vor der Tür. Konflikte sollen im Stadion untereinander gelöst werden, Positionen ausgetauscht. Der Verein hofft auf einen Diskurs, will gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und schießt dabei manchmal über das Ziel hinaus. Wie in den Pandemiezeiten, in denen sie mit ihrem Vorpreschen verstörten, von manchen Beobachtern in die Nähe der Schwurbler gerückt wurden und am Ende vielleicht ein paar Sympathien verspielten.

Was ihnen herzlich egal ist, was auch den Fans egal ist, die das Gerede vom Kultklub aus Köpenick nicht mehr hören können und eine Wagenburg um ihren Verein errichtet haben. Ihn gegen alle Kritik verteidigen. So wie es ist, ist es gut, finden sie und so wie es gerade ist, ist es magisch.

"Wir erleben etwas, was so schön ist, dass man es fast nicht aushalten kann", ruft Arbeit ihnen schon vor Spielbeginn entgegen. Aber auch die schönsten Momente enden irgendwann. Nur nicht in diesem Moment am Samstag, dort unten auf dem Platz, auf den Stehplatztribünen, auf dem Balkon und auf dem Parkplatz vor dem Stadion. Im Leben eines jeden Fußballfans gibt es Phasen unglaublicher Euphorie, voller Emotionen, voller Verbundenheit mit den Protagonisten auf dem Platz, die von dieser Energie leben, die sie über sich hinauswachsen lassen. In der ersten Saison auf Platz elf, dann auf sieben und jetzt auf fünf. Der Platz garantiert nicht nur europäischen Fußball gegen mögliche Gegner wie Manchester United, sondern noch mehr finanzielle Sicherheit, noch mehr Chancen darauf, auch langfristig ein Bundesligist zu bleiben.

Doch die Zukunft spielt an diesem Samstag maximal in den eifrigen Reiseplanungen für die kommende Europa-League-Saison eine Rolle, sonst bleibt sie außen vor, auch das Ergebnis gegen Bochum ist nachrangig. "Haben schon gut gespielt", nickt ein älterer Herr vor dem Stadion, "aber ich verstehe wenig von Fußball. Ich komme, weil das hier meine Heimat ist." Und das ist am Ende viel wichtiger.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen