Fußball

Als Profi eher grob statt genial Verzweifelter HSV hängt sich an Hollerbach

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"Agieren, nicht nur reagieren": Bernd Hollerbach an seinem neuen Arbeitsplatz.

(Foto: dpa)

Dem Hamburger SV droht der Abstieg aus der Fußball-Bundesliga - wieder einmal. Also muss ein neuer Heilsbringer her - wieder einmal. Der Mann heißt Bernd Hollerbach, sein Auftrag ist klar. Nur: Kann der Kämpfer auch Abstiegskampf?

Die Fotografen und Kameraleute haben direkt vor dem Podium im Presseraum des Hamburger SV Aufstellung genommen. Sie stehen artig in einer Linie, die Köpfe erwartungsvoll nach links gerichtet. Durch die weiße Tür mit dem dicken grünen Sicherheitsmechanismus müsste er gleich kommen. Der Neue, der Hamburger Hoffnungsträger: Bernd Hollerbach.

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22. Mai 2004: Bernd Hollerbach verabschiedet sich aus Hamburg. Nun ist er wieder da.

(Foto: imago/Sven Simon)

Gut zwei Stunden zuvor, um Punkt 14:55 Uhr, hatte er an diesem Montag seinen Dienst als Nachfolger Markus Gisdols beim HSV angetreten, die Mannschaft zur ersten gemeinsamen Einheit auf den Trainingsplatz geschickt. Etwa 100 Fans bilden ein Spalier für den 48-Jährigen. "Lass' sie laufen", ruft einer von ihnen Hollerbach zu. Das Image des kompromisslosen Kämpfers und robusten Abräumers, das er sich in seiner Zeit von 1996 bis 2004 als Fußballprofi erarbeitet hat, haftet ihm auch 2018 noch an.

Die Hamburger Fans wissen, dass Hollerbach einer ist, der immer alles gibt. Dessen Autorität auf andere ausstrahlt. Als Abwehrspieler war er für seine Gegner stets ein unangenehmer Akteur. Gefürchtet und respektiert zugleich. Seinen Spitznamen "Holleraxt" hatte sich der Linksverteidiger über viele Jahre erlaufen, erkämpft, ergrätscht. Er beherrschte das Grobe - und weniger das Geniale. Dafür liebten sie ihn. Doch jetzt wird der Bayer bei den Norddeutschen an der Seitenlinie stehen - und nicht mehr auf dem Platz. Nach vielen Jahren als Assistent von Felix Magath bei Schalke 04 und in Wolfsburg ist er nun erstmals in der Bundesliga der Alleinverantwortliche. Und die Frage lautet: Kann Kämpfer Hollerbach Abstiegskampf?

Man sei sich "schnell einig geworden"

Als sich die weiße Tür öffnet, tritt Sportchef Jens Todt als Erster in den Presseraum. Hinter ihm folgt Hollerbach im blauen HSV-Trainingsanzug. Er nimmt auf dem Podium Platz, lehnt sich zurück, schaut gelassen in die Medienmeute vor ihm. Es ist ein Heimspiel für "Holler", wie ihn einige Journalisten aus alter Verbundenheit ansprechen. Hollerbach reicht ihnen verbal die Hand: "Erstmal Hallo an alle. Ich glaube, groß vorstellen muss ich mich nicht. Viele kennen mich ja noch und ich sehe auch viele bekannte Gesichter."

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Ex-Heilsbringer: Bruno Labbadia.

(Foto: imago/Oliver Ruhnke)

Am Samstag habe es nach der 0:2-Heimniederlage der Hamburger gegen den Tabellenletzten, 1. FC Köln, den ersten Kontakt zum Verein gegeben, sagt Hollerbach. Am Sonntag sei er dann sofort nach Hamburg gefahren. Man sei sich "schnell einig geworden." Sein Vertrag ist bis zum 30. Juni 2019 datiert. Aber was heißt das schon beim HSV? Hollerbach ist der 16. Trainer, den sich der Traditionsklub seit Februar 2007 leistet. Seine 15 Vorgänger hießen unter anderem Huub Stevens, Armin Veh, Bert van Marwijk oder auch Bruno Labbadia. Sie alle waren irgendwann als vermeintliche Heilsbringer zum HSV geholt, viele jedoch weit vor Ablauf des jeweils angestrebten Vertragsendes wieder davongejagt worden.

"Wir haben den Wunsch, durch eine Veränderung auf dem Trainerposten eine Veränderung der Gesamtsituation zu erreichen", sagt der Vorstandsvorsitzende Herbert Bruchhagen. Für den HSV geht es auch im fünften Jahr nacheinander nur darum, sich irgendwie zu retten. Bruchhagen spricht von einer "schwierigen Situation." Hamburg hat seit sechs Spielen nicht mehr gewonnen, die vergangenen vier Partien alle verloren. Zweitschlechtester Angriff der Liga, als einziger Klub in der Rückrunde ohne Punkt. Vorletzter. Köln rangiert zwar noch hinter den Hamburgern, hat aber die vergangenen drei Partien gewonnen und somit reichlich Aufwind bekommen. Gefühlt ist deshalb dieser HSV Schlusslicht. Andererseits ist es bis zu Werder Bremen auf dem Relegationsplatz 16 nur ein Zähler.

Mehr Ordnung und Stabilität auf dem Platz

Es komme darauf an, sich als Einheit zu präsentieren, Ordnung und Stabilität auf dem Platz zu haben, betont Hollerbach. Er sagt auf der knapp 15-minütigen Pressekonferenz all die Sätze, die Trainer in seiner Situation nun mal von sich geben. Sein erster Eindruck vom Team sei positiv gewesen. Er müsse die Mannschaft jedoch "ein bisschen mehr kennenlernen, viele Einzelgespräche führen", wolle "agieren, nicht nur reagieren" und lege Wert darauf, "dass wir kompakt stehen, es dem Gegner nicht so einfach machen, Tore zu schießen."

Jens Todt verweist hörbar stolz auf Hollerbachs vorherige Trainerstation. In seiner Heimatstadt Würzburg hatte der Franke die Kickers von der vierten bis in die zweite Liga geführt - und das mit bescheidenden Mitteln. Hollerbach habe, so Todt, "etwas Besonderes geschafft", sei "die Lokomotive" gewesen. Allerdings ging ihm zuletzt der Dampf aus - Würzburg stieg direkt wieder in Liga drei ab.

Die Kickers sind für Hollerbach ebenso ein Herzensverein wie es der HSV ist. Er habe "hier eine wunderbare Zeit gehabt", sei dem Verein "dankbar dafür" und wolle nun "etwas zurückgeben", betont Hollerbach. Als er noch das HSV-Trikot trug, spielte der Klub zwischenzeitlich in der Champions League und im Uefa-Cup. "Das war alles mal. Eine schöne Zeit", sagt Hollerbach, und kommt sofort in die triste Gegenwart zurück. Hamburg gastiert am Samstag (ab 15.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) bei RB Leipzig.

Die Gegner danach heißen Hannover 96, Borussia Dortmund und Bayer 04 Leverkusen, ehe am 24. Februar das Nordderby bei Werder Bremen ansteht. "Ich bin ein Mensch", sagt Hollerbach, "der immer mehr an Chancen glaubt, als ans Scheitern." Beim HSV glauben sie an ihn, sie müssen es. Fans und Verein wissen: Hollerbach ist Hamburgs letzte Hoffnung.

Quelle: n-tv.de

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