Der Traum droht jäh zu platzenTabellenführer Schalke 04 hat plötzlich erschreckend große Probleme

Der FC Schalke 04 steckt endgültig in einer veritablen Winterkrise und muss in dieser Verfassung um den Aufstieg bangen. Die Königsblauen verlieren das kleine Derby in Bochum. Ein Mann ist nicht zu stoppen.
Für einen Fußballer des FC Schalke 04 gab es nach der Halbzeitpause eine gute Nachricht. Der um Form und Rhythmus suchende "Key Performance Player" Timo Becker sah beim Gang auf den Rasen, dass Gerrit Holtmann nicht mehr da war. Der Flügelstürmer des VfL Bochum machte nicht mehr mit. Holtmann hatte in den ersten 45 Minuten völlig "überpacet" und den "Centerback" der Gelsenkirchener in Grund und Boden gerannt. "Ich habe Gerrit gefragt, kannst du noch?", erzählte VfL-Trainer Uwe Rösler. Und Holtmann antwortete in gebotener Eindeutigkeit: "Nein". Er war am Ende. Im ersten Spiel nach langer Verletzung hatte er alles, was er hatte, in die ersten 45 Minuten gelegt und das Derby entschieden. Bochum siegte 2:0 (2:0) und stürzte Schalke in die Krise.
Es ist eine Krise, die man in Gelsenkirchen (noch) gerne annimmt. Nach sportlich katastrophalen Jahren steht der Klub trotz nun vier Spielen ohne Sieg weiter auf Platz eins in der Tabelle der 2. Fußball-Bundesliga. Womöglich ziehen am heutigen Sonntag der SV Darmstadt 98 und der SC Paderborn jedoch vorbei. Aber die Schalker bleiben so oder so dick im Aufstiegsrennen. Zumindest laut Zahlenwerk. Emotional sieht die Nummer mittlerweile ganz anders aus. Die Sensationsgeschichte aus Gelsenkirchen-Erle verliert ihre Magie - und die Mannschaft einige Schlüsselspieler und ihr Feuer. Was waren die Schalker in der Hinrunde für eine Faszination. Mit einem hinreißend nervtötenden Fußball waren sie der ganzen Liga auf den Sack gegangen. Erfolgreich. Schalke 04 wurde zu einer Manufaktur für neue Fußball-Helden. Es war eine fußball-industrielle Renaissance, die niemand für möglich gehalten hatte.
Das Prunkstück wird zum Schalker Sorgenkind
Aber das Fundament, auf dem dieser Erfolg gebaut war, war dünn. Dem Kader fehlte es an Speck für schlechte Zeiten. Ein Erbe der rauschhaften Vergangenheit, in denen sich der Pottgigant finanziell über alle Maßen verhoben hatte. Nun haben sie mindestens mal für den Moment den Salat. In dieser Verfassung droht der Traum von der Bundesliga-Rückkehr jäh zu platzen. Die Formsuche oder gar das Fehlen von Schlüsselspielern ("Key Performance Playern!) tun der Mannschaft von Miron Muslic extrem weh. Zudem braucht die Integration spektakulärer Neuzugänge noch Zeit. Der ehemalige Kölner Aufstiegsgarant Dejan Ljubicic stand zwar in der Startformation, fremdelte nach wenigen Tagen aber noch sichtbar mit seinem neuen Team. Er haderte noch mit seiner Rolle, mit den Laufwegen der Kollegen und frischen Ideen fürs stagnierende Offensivspiel. Starspieler Edin Dzeko kam derweil als Joker, konnte seine Sensationserzählung nach dem Debüt mit Treffer gegen den 1. FC Kaiserslautern aber vorerst nicht fortsetzen.
Mut, Optimismus, Kraft – all das können die Schalker aus diesem Samstag nicht ziehen. Nur die Erkenntnis, dass alles wieder besser werden muss. Vor allem die Defensive, die in der Hinrunde historisch herausragend war. "Wir haben die erste Halbzeit komplett geschlafen. Wir verteidigen nicht gut bei und waren nach vorne viel zu unsauber", befand Kapitän Kenan Karaman bei Sky: "Wir müssen da wieder rauskommen. Wir wussten, dass solche Situationen auf uns zukommen." 14 Gegentore hat die Mannschaft in der Liga kassiert, sechs davon in den vergangenen vier Spielen. Und das dazwischen ein 0:0 bei Hertha BSC stand, lag einzig an Torwart Loris Karius, der danach direkt mal in den Kreis der deutschen Fußball-Nationalmannschaft geschrieben worden war.
Die Schalker hatten es Samstag mit einer Umstellung versucht. Sie rückten von ihrer Dreierkette mit zusätzlich zwei hohen Außenverteidigern ab und stellten vier Mann in die letzte Reihe. Es war der Kadernot geschuldet. Ohne "Wingbacks" keine Party. Wer Trainer Muslic zuhört, und seinem Kollegen Rösler, der muss sich bisweilen an eine neue Form des Fußballdeutsch gewöhnen. Was der Erfolgscoach aus Gelsenkirchen sagen wollte: Ohne unverzichtbare Stammkräfte wie Vitale Becker und Adrian Gantenbein lässt sich seine Erfolgsidee nicht umsetzen. Dass Hasan Kuruçay gelbgesperrt fehlte, machte die Lage nicht besser. Also: Viererkette. Bochum hatte das erwartet. Ein Kiebitz beim Schalker Training hatte entscheidende Hinweise geliefert.
Rösler geht mit seiner Aufstellung All-In
Der Schalker Plan spielte den Bochumern somit voll in die Karten. Ohne den erkrankten Spielmacher Mats Pannewig stellte Rösler seine Mannschaft so offensiv auf, wie nie. Fünf Mann mit Drang nach vorne stürmten los. Und wie viel Bock die hatten, dieses kleine Revierderby (!) zu gewinnen. Was hatte es für seltsame Kontroversen vorab um den richtigen Begriff für dieses Spiel gegeben. Es wurde tatsächlich diskutiert, ob das Straßenbahnduell ein Derby sei. Um Gottes Willen, was denn sonst? Sportlich und emotional hinterlegt wurde das von den Bochumern. Der Verein hatte so etwa auf das Tragen eines schwarzen Sondertrikots verzichtet. Teile der Fanszene hatten die Farbe des Jerseys kritisiert und gefordert, gegen Schalke stattdessen im traditionellen Blau zu spielen. Der Verein teilte mit, er reagiere mit der Korrektur auf die Fan-Kritik und "die Emotionalität des Derbys" (!).
Einer, der die Emotionalität des Derbys voll in sich aufgesaugt hatte, war Holtmann. Nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliga im vergangenen Sommer war er schon weg gewesen. Mangels Optionen kehrte er wenig später überraschend zurück. Der VfL soll dabei ordentlich Gehalt eingespart haben, dennoch kam der Deal nicht bei allen Fans gut an. Eine unkreative Lösung fanden das einige. Viele werden sich daran nicht mehr erinnern können, denn dieser Holtmann wächst immer mehr zur Vereinsikone. Weil er rennt wie Speedy Gonzales, weil er kämpft wie ein wilder Stier und weil er sich immer stellt, wenn's nicht läuft. Nach einer Knie-OP und 55 Tagen Abwesenheit war er nun zurück. Erstmals. Und er tat, was er immer tat: sprinten, bis der Tank leerläuft.
Das Stadion eskaliert nach 45 Sekunden
Nach 40 Sekunden war er über die linke Seite durchgebrochen, nahm einen von gleich mehreren herausragenden Pässen von Startelfdebütant Callum Marshall mit, legte in die Mitte, wo Kōji Miyoshi locker einschob. Das alte Ruhrstadion ächzte vor Freude, es drohte direkt aus den Angeln zu fliegen. Es bebte, es wackelte. Es war aberwitzig laut, aber offenbar nicht laut genug, um die Schalker aus ihrem Mittagsschlaf zu reißen. Bochum spielte den Tabellenführer phasenweise an die Wand. Eine solch spielfreudige Leistung hatte sie hier von ihrem VfL gefühlte Ewigkeiten nicht gesehen. Die Stürmer-Legende Rösler war gänzlich verzückt. Er hatte die besten 45 Minuten seiner Amtszeit gesehen, die Anfang Oktober begonnen hatte. Mit einer schweren Hypothek. Drei Punkte hatte der VfL nach acht Spieltagen. Der Klub wankte am Abgrund. Das Panikmonster 3. Liga schlich schon über Castroper Straße.
Knapp vier Monate später hat sich die Welt gedreht. Unter Rösler gab's aus zwölf Spielen sechs Siege, fünf Remis und gerade mal eine Niederlage. Bochum hat sich längst in den Castroper Straßenfußball zurückverliebt und manche im Stadion und in der Stadt träumen zart von der Sensation. Davon, dass sich der VfL doch nochmal in den Aufstiegskampf einmischt. Es ist ein gefährlicher Spagat zwischen (zu) großen Träumen und grauer Realität. Denn mit gerade einmal sechs Punkten Vorsprung auf Platz 16 hat sich der Klub gerade erst ein kleines Polster im Abstiegskampf erspielt. Auch auf Platz 18 sind es nur sieben Punkte. Diese verdammte 2. Bundesliga.
Fußballerisch sind die Bochumer dem Status des Klassenkampf-Kandidaten entflogen. Schalke bekam in den ersten 45 Minuten nahezu kein Bein auf den Boden. Eine Chance hatten sie, ein Schuss von Mika Wallentowitz ging knapp vorbei. Sonst aber spielte nur der VfL, sonst rannten nur Holtmann und Miyoshi. Eigentlich hatten die Bochumer Schalkes linke Abwehrseite als Schwäche ausgemacht, die sie attackieren wollten. Aber es kam anders. Immer wieder suchten und fanden sie Holtmann. Und was für Pässe sie zu ihm brachten, das Stadion flippte aus vor Glück. Mit seinem letzten Sprint frass Holtmann Schalke auf. Wieder brach er auf der Seite durch, wieder spielte er flach ins Zentrum und da haute Stürmer Philipp Hofmann den Ball unter die Latte (43.), dass es nur so schepperte. Vor wenigen Wochen wäre der Ball wohl bis ins Stadtzentrum geflogen. Aber mit neuem Selbstvertrauen geht alles.
Katic will den Ball vor Wut auffressen
Wenig später war Pause. Schalkes Nikola Katic schnappte sich den Ball und wollte ihn vor Wut auffressen. Man kann sich vorstellen, was in der Kabine los war. Und so kamen die Gäste mit Dzeko und rasendem Zorn zurück. Nach 52 Minuten vergab Kapitän Kenan Karaman eine Riesenchance, nach 55 Minuten traf Katic per Kopf. Schiedsrichter Michael Bacher pfiff sofort. Er gab den Treffer nicht. Katic soll Torwart Timo Horn regelwidrig behindert haben. Das sorgte für reichlich Kontroversen. Schalkes Trainer Muslic sah nichts, was gegen den Treffer sprach und wollte gerne hören, was Manchester-Citys-Hall-of-Famer Rösler, ein begnadeter Kämpfer im englischen Fußball von dieser Nichtigkeit des Körperkontakts hielt. Der sah's so: Der Schiedsrichter habe halt sofort gepfiffen.
Es war ein "Keymoment" in diesem Spiel. Schalke hatte seine Comebacker-Qualitäten angedeutet, Bochum sein ewig zitterndes Hemdchen kurz offengelegt. Die Gäste hatte fortan viel Ball, aber wenig Ideen. Ein weiteres Mal trafen sie aber, aber wieder zählte das Tor nicht. Dzeko hatte den Ball mit der Hand gespielt und stand zuvor noch im Abseits. Bochums Felix Passlack ließ die endgültige Entscheidung liegen. Auf seinem Weg alleine Richtung Tor hatte er offenbar zu viel Zeit für Gedanken. Vielleicht an seinen wohl bevorstehenden Wechsel nach Schottland? Der unentschlossene Außenspieler verfummelte sich. "Wir haben zu viel zugelassen, gefühlt waren das sechs, sieben Schüsse, was für unsere Verhältnisse zu viel ist", klagte Karius, der Passlack im Duell besiegt hatte.
Schalke offenbarte derweil einmal mehr, dass es dringend einen offensiven Plan braucht. In der Hinrunde wurde der große Mangel an einer eigenen Kreativität von der gigantischen Abwehrstärke und von der gnadenlosen Effektivität kaschiert. Das System wirkt decodiert, auch wegen der Abwesenheit von zentralen Säulen. Schalke hat deswegen gegengesteuert. Dzeko und Ljubcic sind ein Anfang. Weitere Transfers sind nicht ausgeschlossen. Gerüchte gibt es um das ehemalige PSG-Wunderkind Adil Aouchiche. Es braucht dringend Antworten auf die Krise. "Die aktuelle Phase ist eine Herausforderung", betonte Muslic, "aber davon haben wir schon einige in den vergangenen Monaten bewältigt. Ich bin mir sicher – wir schlagen zurück!" Am kommenden Wochenende. Gegen Dresden kommt's zum "Trendover". Da ist sich Coach Muslic sicher.