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Berufsoptimisten: Lutz Michael Fröhlich und Hellmut Krug.
Berufsoptimisten: Lutz Michael Fröhlich und Hellmut Krug.(Foto: dpa)
Donnerstag, 09. Februar 2017

Krug: 75 Prozent weniger Fehler: Videobeweis soll Bundesliga revolutionieren

Ein Gastbeitrag von Maik Krükemeier

Was bringt der Videobeweis? Sehr viel, sagen Lutz Michael Fröhlich und Hellmut Krug. Ihr Versprechen: Die meisten groben Fehler der Schiedsrichter lassen sich künftig in den Stadien der Fußball-Bundesliga korrigieren.

Nie wieder eine falsche Entscheidung? So weit sind der Fußball und seine Schiedsrichter noch nicht. Aber künftig wird es in der Bundesliga deutlich weniger grobe Fehleinschätzungen geben - sagt zumindest Hellmut Krug. In der Saison 2017/2018 zieht der Videobeweis in die Bundesliga ein. Und der Beauftragte für die Videotechnik bei der Deutschen Fußball-Liga ist sich mit Lutz Michael Fröhlich einig, dem Schiedsrichter-Chef beim Deutschen Fußball-Bund: "Wir haben das Gefühl, dass es dem Fußball helfen wird."

Maik Krükemeier, ...

... Jahrgang 1976, ist freier Autor und Redakteur des FC-St.Pauli-Fanzines "Der Übersteiger". Er betreut den "Übersteiger"-Blog, über den auch der Podcast "MillernTon" entstanden ist. In seiner Freizeit hat er die aktive Fußballerkarriere beendet und greift inzwischen im Kreis Segeberg im Amateurfußball zur Schiedsrichterpfeife.

Wo sitzen die Video-Assistenten? Die Pilotphase, die seit Beginn dieser Spielzeit in zwölf Ländern, unter anderem auch in Frankreich und Italien, läuft und bei der es keinen Kontakt zwischen dem Assistenten und dem Unparteiischen gibt, geht dann in Live-Tests über - erst einmal für die kommende Spielzeit. Bei jeder Partie überwacht einer vor dem Bildschirm die Entscheidungen des Schiedsrichtergespanns. Laut Krug und Fröhlich, die das Projekt in dieser Woche in Hamburg vorstellten, sitzen die Assistenten nicht im Stadion, sondern im Kölner Sendezentrum der Mediengruppe RTL. Besetzt werden diese Stellen mit Erstligaschiedsrichtern, wobei der DFB überlegt, die Altersgrenze von 47 Jahren leicht anzuheben. Referees, die selbst keine Spiele mehr leiten dürfen, könnten so noch einige Jahre vor dem Bildschirm weitermachen und mit ihrer Erfahrung helfen.

Wie funktioniert die Kommunikation? Der Schiedsrichter kann in Zweifelsfällen über Funk und sein Headset um eine Einschätzung bitten, umgekehrt darf auch der Video-Assistent von sich aus den Unparteiischen informieren - aber nur bei "klar falschen Entscheidungen" in Situationen, die das Spiel verändern könnten: bei Toren, Elfmeterentscheidungen, Platzverweisen und Spielerverwechslungen. Die letztgültige Entscheidung liegt aber weiter beim Schiedsrichter. Die Kommunikation kann auch stattfinden, während das Spiel nach einer strittigen Szene weiterläuft. Dem Assistenten wird ein technisch geschulter Helfer zur Seite gestellt, der ihm aus den verfügbaren Kameraperspektiven die bestmöglichen Einstellungen anbietet, sodass der Assistent sich auf die Bewertung konzentrieren kann.

Wie lange dauert die Beratung? Innerhalb der Offline-Testphase sei der Zeitraum, der zur Bewertung nötig ist, in vielen Fällen auf etwa zehn Sekunden gesunken. In Ausnahmen könne es jedoch bis zu 40 Sekunden dauern, ehe ein strittiger Fall geklärt ist. "Vier Minuten wird's nicht geben, das verspreche ich", sagte Krug. Der Schiedsrichter kann sich die Szene auch selbst noch einmal anschauen - in einer dafür noch zu definierenden Zone am Spielfeldrand, die für Spieler und Teamoffizielle gesperrt sein wird. Der Fachbegriff lautet "Review".

Woraus speist sich der Optimismus? Krug nannte Zahlen: In den 70 Spielen der jüngsten Testphase habe der Referee ein bis sechs Mal mit dem Video-Assistenten gesprochen - wobei sechs Szenen die Ausnahme waren. In der Hinrunde dieser Saison habe es 44 klar falsche Entscheidungen der Schiedsrichter gegeben. In 33 dieser Fälle - das sind 75 Prozent - hätten die Assistenten korrigierend eingegriffen.

Review am Spielfeldrand: Hier beim Halbfinale der Klub-WM in Kanagawa, Japan.
Review am Spielfeldrand: Hier beim Halbfinale der Klub-WM in Kanagawa, Japan.(Foto: imago/AFLOSPORT)

Klingt nach einer kleinen Revolution. Vier Mal habe der Unparteiische ein "Review" vorgenommen. In allen anderen Fällen habe der Assistent entscheiden können. Sein Urteil kann auch dem Prinzip "im Zweifel für die Tatsachenentscheidung" folgen. Das heißt: In Situationen, in denen es Argumente sowohl für als auch gegen die Entscheidung des Schiedsrichters gibt, wird der Video-Assistent nicht eingreifen - oder dem Schiedsrichter, sofern dieser um eine Einschätzung bittet, bestätigen, dass er vertretbar gehandelt hat. Krug und Fröhlich sind überzeugt, dass der Videobeweis fast ausnahmslos Vorteile bietet und dass sich die Spielverzögerungen in sehr engen Grenzen halten werden. Die meisten Prüfungen sollen unbemerkt und rasch vonstattengehen. Weil nur Entscheidungen in spielverändernden Situationen geprüft und nur eindeutige Fehler korrigiert werden, werde sich der Einsatz der Technik zudem in Grenzen halten. Es wird also nicht bei jedem umstrittenen Einwurf zu Unterbrechungen kommen, die womöglich taktisch genutzt werden. Auch eine Szene wie bei der Klub-WM im Dezember, als der ungarische Schiedsrichter Viktor Kassai eine Elfmeterentscheidung erst vier Minuten nach einem schwer zu beurteilenden Zweikampf im Strafraum traf, sei nahezu ausgeschlossen.

Und worüber soll der Stammtisch noch diskutieren? Ruhig an: Es wird weiterhin Entscheidungen des Referees geben, die nach Prüfung der Videobilder bestehen bleiben, obwohl sie mancher Fan für klare Fehler hält. Das betrifft sowohl strittige Zweikampfszenen als auch Handspiele, in besonderer Weise aber das Abseits. Denn die aus dem Fernsehen bekannte, auf den Bildschirm projizierte Linie wird dem Video-Assistenten nicht zur Verfügung stehen, da sie oft zu ungenau ist. Ein Standbild hingegen ist erlaubt, auch wenn hier der Moment des Abspiels technisch manches Mal ebenfalls unscharf sein könnte.

Was bekommen Spieler und Zuschauer mit? Zwar ist manches noch nicht entschieden, aber nach aktuellem Stand läuft die Partie wie nach strittigen Szenen weiter - sofern der Ball im Spiel bleibt -, auch wenn im Hintergrund gerade eine Prüfung stattfindet. Wenn die Begegnung dann unterbrochen ist, deutet der Schiedsrichter mit einer Hand-am-Ohr-Geste für alle sichtbar an, dass gerade eine Kommunikation mit dem Video-Assistenten läuft. Sollte es zu einer Review-Situation kommen oder der Video-Assistent empfehlen, eine Entscheidung zu ändern, wird voraussichtlich die aus anderen Sportarten bekannte Geste zu sehen sein, in der der Unparteiische mit seinen Händen ein imaginäres Rechteck in die Luft zeichnet.

Auch ein Zeigen der Szene auf der Videoleinwand des Stadions ist eine Option, ebenso eine Weitergabe der zur Entscheidung führenden Kameraperspektive an die Sendeanstalt. Was es hingegen definitiv nicht geben wird ist eine "Challenge", wie man sie aus anderen Sportarten kennt. Es ist keinerlei Einspruchsrecht für die Spieler oder Trainer vorgesehen, sie werden also nicht den Videobeweis einfordern können.

Gibt’s noch offene Fragen? Noch ist nicht klar, wie weit der Video-Assistent nach einem Tor "zurückspulen" kann und soll, um festzustellen, ob ein Treffer korrekt erzielt wurde. Als Beispiel führte Krug ein Tor der Berliner Hertha gegen den FC Ingolstadt aus der Saison 2015/2016 an, vor dem Per Skjelbred im Mittelfeld den Ingolstädter Darío Lezcano gefoult hatte. Der daraus resultierende Ballgewinn hatte sehr schnell zum Tor geführt. Hier würde der Video-Assistent einschreiten. Ein Grenzfall stellt eine Szene aus dieser Saison dar, als die Rasenballsportler aus Leipzig am ersten Spieltag bei der TSG Hoffenheim das 1:1 erzielten, nachdem Marvin Compper ein Foul an Andrej Krmaric zum Ballgewinn genutzt hatte. Zwischen diesem Ballgewinn und dem Tor lagen 25 Sekunden. Ist das zu lang? Wo soll die Grenze gezogen werden? Diese und weitere Fragen gilt es in der Rückrunde noch zu klären, bevor es in der kommenden Saison ernst wird mit dem Videobeweis. Ernsthafte Zweifel, dass dann bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland der offiziell von der Fifa eingeführte Video-Assistent tätig sein wird, gibt es aber kaum noch.

Quelle: n-tv.de