Fußball

"Collinas Erben" starten auf n-tv.de Warum Klopp blöd aus der Wäsche guckt

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"Die Regel kannte ich nicht, deswegen habe ich blöd geguckt": Jürgen Klopp.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Die Unparteiischen starten ruhig in die Fußball-Bundesliga: Kein Platzverweis, nur ein Elfmeter - die Aufregung hält sich in Grenzen. Doch die Schiedsrichter-Experten "Collinas Erben" haben beim BVB und beim FC Bayern etwas entdeckt.

Es lief die 90. Minute im Topspiel zwischen Borussia Dortmund und Bayer 04 Leverkusen, als Gästetorhüter Bernd Leno nach einer Freistoßflanke der Gastgeber Kopf und Kragen riskieren musste, um den Ball aus der Gefahrenzone zu befördern. Seine Klärungsaktion verlief erfolgreich, allerdings räumte er dabei unabsichtlich gleich zwei Mitspieler ab, Ömer Toprak und Sebastian Boenisch. Beide gingen zu Boden und blieben dort liegen, weshalb Schiedsrichter Deniz Aytekin flugs die medizinischen Betreuer der Leverkusener auf den Platz rief. Toprak rappelte sich vergleichsweise rasch wieder auf, bei Boenisch dauerte die Behandlung etwas länger. So weit, so unspektakulär.

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Außergewöhnlich war jedoch, dass keiner der beiden Verteidiger das Spielfeld verlassen musste, wie es sonst ü blich ist, wenn ein verletzter Spieler auf dem Rasen versorgt wird. Die BVB-Fans waren empört, am Spielfeldrand begann Dortmunds Trainer Jürgen Klopp in Richtung Referee zu gestikulieren. Dabei lag Deniz Aytekin völlig richtig. Denn in der Fußballregel Nummer 5, die von den Rechten und Pflichten des Schiedsrichters handelt, sind unter anderem die Ausnahmesituationen aufgeführt, in denen Spieler trotz einer Behandlung auf dem Platz bleiben dürfen. Eine davon betrifft den Fall, dass zwei Akteure einer Mannschaft nach einem Zusammenprall sofortige Betreuung benötigen - wie eben Toprak und Boenisch. Mit dieser Sonderregelung, die vor vier Jahren eingeführt wurde, soll vermieden werden, dass ein Team nach einem solch unglücklichen Zusammenstoß vorübergehend in Unterzahl spielen muss.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf ntv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Genau das erklärte Deniz Aytekin dem protestierenden Klopp auch kurz am Spielfeldrand - eine nicht alltägliche Aktion, mit der es dem Unparteiischen gelang, die erhitzten Gemüter abzukühlen. "Die Regel kannte ich nicht, deswegen habe ich blöd geguckt", gab Dortmunds Trainer nach dem Spiel unumwunden zu. Grämen muss er sich für diese Wissenslücke freilich nicht - selbst Wolfgang Stark, immerhin Fifa-Schiedsrichter, hat die Ausnahmebestimmung einmal nicht bedacht: Im April 2013 schickte er im Champions-League-Spiel zwischen Paris St. Germain und dem FC Barcelona die Gästespieler Javier Mascherano und Jordi Alba vom Platz, nachdem sie mit den Köpfen zusammengestoßen waren und auf dem Feld behandelt werden mussten. Nicht zuletzt dieser Irrtum veranlasste die Katalanen damals, sich bei der Uefa schriftlich über Stark zu beschweren.

Zwayer liegt beim FC Bayern falsch

Keinen Grund zur Klage bot hingegen Felix Zwayer, der Schiedsrichter des Auftaktspiels der Saison zwischen dem FC Bayern und dem VfL Wolfsburg - zumindest bis zur 84. Minute. Da traf Bayerns Neuzugang Sebastian Rode zum vermeintlichen 3:1. Doch nach kurzer Rücksprache mit seinem Assistenten Florian Steuer verweigerte Zwayer dem Treffer wegen Abseits die Anerkennung. Die Zeitlupen und ein Standbild zeigten, dass diese Entscheidung falsch war. Sie machten aber auch deutlich, wie überaus schwer es das Schiedsrichtergespann in dieser Situation hatte.

Denn zunächst einmal musste es beurteilen, ob sich der zum Ball eilende Thomas Müller bei Rodes Schuss in einer Abseitsposition befunden hatte. Man benötigte schon das Standbild des Fernsehens, um zu erkennen, dass das ganz knapp nicht der Fall war. Müller war mit dem vorletzten Abwehrspieler der Wolfsburger auf gleicher Höhe. Assistent Steuer hatte das allerdings anders wahrgenommen und musste deshalb nun - einen Wimpernschlag später - einschätzen, ob Müller auch aktiv ins Spiel eingegriffen hatte. Für einen solchen aktiven Eingriff kamen hier theoretisch zwei Möglichkeiten in Betracht: erstens ein leichtes Abfälschen des aufs Tor zufliegenden Balles, zweitens die Behinderung der Sicht des Wolfsburger Torwarts Max Grün im Augenblick, als Rode abzog. Beides war nicht gegeben, denn Müller hatte den Ball um Haaresbreite verpasst und Grün zudem freie Sicht auf das Spielgerät. Vor allem Letzteres war für Zwayer und Steuer aus ihrer jeweiligen Perspektive jedoch alles andere als leicht zu erkennen. Die leicht verzögerte Reaktion des Gästekeepers mag bei ihnen den Eindruck verstärkt haben, dass eine Sichtbehinderung vorlag.

Mancher wird nun ausrufen: "Im Zweifel für den Angreifer!" Doch einmal abgesehen davon, dass eine solche Anweisung an die Schiedsrichter entgegen der landläufigen Annahme gar nicht offiziell existiert - weder beim Abseits noch beim Foulspiel oder in irgendeiner anderen Spielsituation -, setzt dieses Diktum zwingend voraus, dass der Schiedsrichter (oder einer seiner Assistenten) bei einer Entscheidung überhaupt Zweifel hat. Zwayer und Steuer schienen sich ihrer Sache aber absolut sicher gewesen zu sein. Dass sie in diesem komplizierten Fall dennoch danebenlagen, ist nur allzu menschlich.

Quelle: ntv.de

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