Fußball

Liverpool erinnert an Dortmund Warum Klopp trotzdem ein guter Trainer ist

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Das Lächeln bleibt.

(Foto: imago images/PA Images)

Zu Saisonbeginn scheint der FC Liverpool auf dem Weg, seinen Titel zu verteidigen. Dann aber bricht Trainer Jürgen Klopp ein Leistungsträger nach dem anderen weg, die Krise wächst sich aus. Erinnerungen werden wach an seine letzte Saison bei Borussia Dortmund.

Nach dem Champions-League-Finale 2013 hatte der Rausch in Dortmund allmählich nachgelassen. Die nun von Pep Guardiola trainierten Bayern waren einfach zu dominant. In der Saison 2014/15 herrschte Katerstimmung. Nach Mario Götze hatte der BVB auch noch Robert Lewandowski an den Konkurrenten verloren. Zur Halbzeit der Serie war die Borussia Vorletzter, von den 17 Spielen hatte man nur vier gewonnen. Fast noch erschreckender: Das Team hatte nur 18 Tore erzielt. Dank einer starken Rückrunde, in der der BVB mehr als doppelt so viele Punkte holte wie in der Hinrunde, konnte sich die Mannschaft noch von Platz 17 auf Platz sieben hocharbeiten.

Zur Person

Dietrich Schulze-Marmeling, Jahrgang 1956, zählt zu den renommiertesten Fußballautoren deutscher Sprache. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter "Der gezähmte Fußball", Chroniken zu Bayern München und Borussia Dortmund sowie Werke über George Best, den FC Barcelona, Manchester United, Celtic Glasgow und den FC Liverpool. Schulze-Marmeling ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur und Mit-Initiator von #BoycotQatar2022.

Das schwarz-gelbe Ensemble präsentierte sich in Klopps letzter Saison zu häufig ausgepowert und ideenlos. Hatte Klopps atemloser und temporeicher Fußball und das unerbittliche Spiel gegen den Ball zu viel Kraft gekostet? War der Verlauf der Saison 2014/15 vielleicht der Preis für den strapaziösen "Vollgas-Fußball" der letzten Jahre, für die Meisterschaft 2011, das "Double" 2012 und die grandiosen europäischen Abende, die die Mannschaft ihren Fans - insbesondere in der Saison 2012/13 - beschert hatte?

Borussias Post-2013-Problem bestand nicht nur im Wiedererstarken der Bayern und den Abgängen von Götze, Lewandowski und Shinji Kagawa. Der Kader wurde zusätzlich durch Verletzungen geschwächt. Mit dem verfügbaren Kader war das Verletzungspech nicht zu kompensieren. In der Saison 2013/14 fehlte dem BVB zeitweise die komplette Viererkette, weshalb man den 34-jährigen Manuel Friedrich verpflichten musste, der sich beim Regionalligisten Rot-Weiß Oberhausen fit hielt. Die gesetzten Innenverteidiger Neven Subotic und Mats Hummels kamen nur auf zehn bzw. 24 Einsätze. İlkay Gündoğan lief verletzungsbedingt nur einmal auf. Auch in der Saison 2014/15 wurde der BVB immer wieder von Ausfällen geplagt. Außerdem war es die erste Saison ohne den Torgaranten Lewandowski, der Italiener Ciro Immobile konnte ihn nicht ersetzen.

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Worum es dabei geht? "Der Trainer ist der wichtigste Mann in einem Fußballklub. Ausgehend von dieser Idee erzählt Dietrich Schulze-Marmeling die Geschichte des Trainerberufs und erklärt dessen ungeheuerliche Entwicklung: Was früher Hobby war, ist heute – zumindest im Profifußball – ein 24/7-Job, der den Männern an der Seitenlinie alles abfordert."

Die Erfolge in der Ära Klopp waren keine Selbstverständlichkeit. Auch in den beiden Spielzeiten, in denen der FC Bayern sportlich kriselte und dem BVB bei der Meisterschaftsvergabe den Vortritt lassen musste, war der Rekordmeister mit mehr individueller Klasse bestückt als der Herausforderer. In der schwarz-gelben "Double"-Saison 2011/12 hatten die Bayern Spieler wie die späteren Weltmeister Neuer, Kroos, Boateng, Lahm, Schweinsteiger und Müller in ihren Reihen, dazu Ribéry, Robben und Gustavo. Beim BVB verteidigten auf den Außenpositionen jahrelang Marcel Schmelzer und Lukasz Piszczek. Spieler, die nicht unbedingt in die Kategorie "internationale Klasse" gehören. So wenig wie Kevin Großkreutz.

Die Borussen wurden nicht Meister, weil sie mehr exzellente Fußballer unter Vertrag hatten als die Bayern. Der BVB war darauf angewiesen, dass sein Trainer die Spieler besser machte, alles aus ihnen herausholte und keiner der Leistungsträger länger ausfiel. Auch gelang es, die Liga mit einem Fußball ("Gegenpressing") zu überrumpeln, den diese noch nicht kannte. Damit war aber auch klar, dass die Hegemonie ein zeitlich begrenztes Projekt war. Die Bayern rüsteten auf - auf Kosten des BVB. Ein Robert Lewandowski war nicht zu ersetzen - und traf fortan für die Bayern. Als den BVB auch noch das Verletzungspech ereilte, war klar, dass man den Bayern nicht mehr auf Augenhöhe begegnen konnte.

Ungewohnte Heimschwäche

In der Saison 2020/21 war der FC Liverpool zunächst auf Kurs Titelverteidigung. Liverpools Bilanz der ersten 14 Spiele: neun Siege, eine Niederlage, vier Remis. Am 14. Spieltag gewannen die "Reds" bei Crystal Palace mit 7:0. Liverpool war Spitzenreiter, vier Punkte vor Leicester City, fünf vor Manchester United und sogar acht vor Pep Guardiolas Manchester City. Allerdings hatten United und City ein Spiel weniger absolviert. Und so souverän wie in der Hinrunde 2019/20 wirkten die "Reds" nicht. Damals gewann die Mannschaft 13 ihrer ersten 14 Spiele, eine Partie endete unentschieden.

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Nach dem Kantersieg bei Palace ging es bergab. Von den folgenden 14 Begegnungen gewann Liverpool nur noch drei. Acht Spiele wurden verloren, dreimal reichte es nur zu einem Remis. In den ersten 14 Spielen schossen die "Reds" 36 Tore, in den folgenden 14 nur elf. Besonders Liverpools Heimschwäche fällt ins Auge. In den Spielzeiten 2018/19 und 2019/20 blieb man daheim ungeschlagen: 17 Siege, zwei Remis 2018/19, 18 Siege ein Remis 2019/20. In dieser Saison gingen von den bislang 14 Heimspielen sechs verloren. Auswärts unterlag man nur dreimal. Daheim holte man aus 15 Begegnungen 23 Punkte, auswärts aus 14 ebenfalls 23.

Einen Heimvorteil gibt es für die "Reds" offensichtlich nicht mehr. Möglichweise leidet der FC Liverpool unter dem pandemiebedingten Ausschluss der Öffentlichkeit stärker als andere Vereine. Es fehlt die für Klopps Liverpool so wichtige Interaktion mit dem Publikum. Die Situation ist ähnlich der in Dortmund: Die "Reds" sind ein Team, bei dem alles stimmen muss, wirklich alles, damit man ganz oben steht.

Unternehmer kontra Mäzen

Seit Klopps Ankunft während der Saison 2016/17 hat Liverpool deutlich weniger Geld für neue Spieler in die Hand genommen als Manchester City, Manchester United und Chelsea. Liverpool gab im Zeitraum 2016/17 bis 2020/21 ca. 560 Mio. Euro für Verstärkungen aus, City ca. 845 Mio., Chelsea ca. 835 Mio. und United ca. 770. In der Bundesliga sah es damals ähnlich aus: Der BVB investierte im Zeitraum 2009/10 bis 2014/15 gut 160 Mio. Euro in neue Spieler, der FC Bayern ca. 315. Noch deutlich wird der Unterschied, wenn man nur die Spielzeiten 2009/10 bis 2012/13 vergleicht: BVB ca. 53 Mio. Euro, FC Bayern ca. 212 Mio.

Liverpool funktioniert anders als die von einem Scheich bzw. einem Oligarchen gepäppelten City und Chelsea. Liverpool ist ein Sportunternehmen. Als die Fenway Sports Group (FSG) , Besitzer des FC Liverpool, Jürgen Klopp als Wunschkandidaten für den Liverpool-Job identifizierte, ließ sie sich nicht von dessen letzter BVB-Saison irritieren. Die FSG hatte beim FC Liverpool eine Abteilung Analyse aufgebaut - nach dem Vorbild ihres Baseballteams Boston Red Sox. Diese gelangte zu der Erkenntnis, dass Jürgen Klopp ein Trainer ist, der mit seinen Kadern ständig die Erwartungen übertrifft. Klopp macht Spieler, macht Mannschaften besser. Und seine letzte Saison in Dortmund?

Gemessen an Torchancen hätten seine Borussen eigentlich Zweiter werden müssen und wären in Europa das viertbeste Team gewesen. Klopp habe einfach eines der unglücklichsten Teams der jüngeren Fußballgeschichte trainiert. Patrick Bauer, in der Akademie des Deutschen Fußball-Bundes der Mann der Daten: "Wenn man sich ein einzelnes Spiel ansieht, ist jedem klar, dass Glück und Pech eine Rolle spielen. Deshalb haben sich im Sprachgebrauch die Ausdrücke 'verdienter Sieg' oder 'unverdienter Sieg' etabliert." Die datenbasierte, objektivierte Bewertung der letzten Klopp-Saison in Dortmund "könnte die letzten Zweifel bei Liverpool an einer Verpflichtung von Klopp ausgemerzt haben."

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Zum Abschied beim BVB gab's große Plakate und große Emotionen.

(Foto: imago/DeFodi)

Klopp ist der ideale Trainer für einen Klub, der mit den ganz Großen der Branche mitspielen will, aber nicht über die finanziellen Mittel von Manchester United, Manchester City, Paris Saint-Germain oder Real Madrid verfügt. Auch Carlo Ancelotti, mit dem AC Milan und Real Madrid insgesamt dreimal Champions-League-Sieger, stellte sich in Anfield vor. Ancelotti wollte Liverpools Probleme mit der Verpflichtung von drei absoluten Topstars lösen - je einen für Abwehr, Mittelfeld und Angriff. Die Entscheidung für Klopp fiel auch, weil dieser eine weitere, zentrale Anforderung bedienen konnte: In Dortmund hatte der Trainer demonstriert, wie sich eine Einheit zwischen Publikum und Team herstellen lässt, wie sich beide gegenseitig zu Höchstleistungen treiben können.

Liverpools Verletzungspech

Liverpools Kader ist stark, aber die individuelle Klasse von Manchester Citys Ensemble ist stärker. Vor allem in der Tiefe. Im Sommer 2019/20 gab Liverpool nur gut 10 Mio. Euro für neue Spieler aus - verschwindend wenig für englische Verhältnisse. Vor der Saison 2020/21 waren es ca. 80 Mio. Teuerste Neuerwerbung war mit 44,7 Mio. Linksaußen Diogo Jota (24) von den Wolverhampton Wanderers, gefolgt von Thiago (29), den die Bayern für 22 Mio. ziehen ließen.

Von den Spielern, die im Champions-League-Finale 2018 standen, zählen heute immer noch acht zur Stammformation. Das bedeutet, dass einige Spieler überstrapaziert sind. Virgil van Dijk, einer der Weltklassespieler im Trikot der "Reds", bestritt in den Spielzeiten 2018/19 und 2019/20 addiert 100 Pflichtspiele für den Klub. Hinzu kamen 13 Länderspiele für die Niederlande.

In die aktuelle Saison ging Liverpool mit drei Innenverteidigern, die auf höchstem Niveau wettkampferprobt waren: van Dijk (29), Joe Gomez (23) und Joel Matip (29). Komplettiert wurde das Innenverteidiger-Arsenal durch Ozan Kabak (20, von Schalke ausgeliehen), Rhys Williams (20, eigene Jugend), der in der Saison 2019/20 beim Sechstligisten Kidderminster Spielpraxis sammelte, und Nathaniel Phillips, den man zwischenzeitlich an den VfB Stuttgart ausgeliehen hatte. Bei anderen Klubs verfügt die zweite Reihe über mehr Erfahrung. Und die erste Reihe?

Für Gomez war nach dem 8. Spieltag bzw. sieben Einsätzen Schluss - ihn zwickte die Patellasehne. Matip lief das letzte Mal am 20. Spieltag auf - dann legte ihn eine Knöchelverletzung lahm. Nicht seine erste Verletzung in dieser Saison, weshalb er bis dahin nur auf zehn Spiele gekommen war. Van Dijk war nur bei den ersten fünf Spielen dabei. Am 5. Spieltag erlitt der Kopf der Liverpooler Abwehr im Derby gegen Everton einen Kreuzbandriss. Von 84 möglichen Spielen absolvierte das Trio in der Premier League nur 22.

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Verletzungen prägen Liverpools Saison.

(Foto: imago images/PA Images)

So mussten Mittelfeldspieler aushelfen, die nun im Mittelfeld fehlten - mit Auswirkungen auf die Tektonik des Spiels, in dem es ruckelte. Beim 1:4 gegen City verteidigten Fabinho und Henderson zentral.

Klopp ist top

Was uns das erzählt? Vor allem eines: Was für ein großartiger Trainer Jürgen Klopp ist. Und dass der FC Liverpool 2016 genau den richtigen Mann geholt hat. Woran auch eine verkorkste Saison 2020/21 nichts ändern wird. Dass der BVB 2011 und 2012 Meister wurde und 2013 das Finale der Champions League erreichte, war keine Selbstverständlichkeit. Dass der FC Liverpool 2018 und 2019 im Champions-League-Finale stand, den Henkelpott im zweiten Anlauf gewann und ein Jahr später in der Meisterschaft triumphierte ebenfalls nicht. In dieser Auflistung darf nicht das hautenge Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Liverpool und City in der Saison 2018/19 fehlen - als Liverpool von 38 Spielen nur eines verlor und sich trotzdem mit der Vizemeisterschaft begnügen musste.

Der BVB ist nicht Bayern München, der FC Liverpool nicht Manchester City. Aber dank ihres Trainers und eines klugen Managements waren die Schwarz-Gelben und die Roten zeitweise dazu in der Lage, den wohlhabenderen Konkurrenten auf Platz zwei zu verweisen. Das ist vielleicht das Größte, was ein Trainer erreichen kann.

Quelle: ntv.de

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