Deutscher Coach schäumt vor WutWarum sich der Meister FC Arsenal so unbeliebt gemacht hat
22 schmerzvolle Jahre enden in einer großen Gefühlsexplosion: Der FC Arsenal feiert den ersten Meistertitel seit 2004 am TV. Coach Mikel Arteta ist plötzlich einer der Größten.
Erling Haaland machte es nochmal spannend. In der 95. Minute glich der norwegische Wunderstürmer gegen AFC Bournemouth aus. 1:1 stand es am späten Dienstagabend. Ein Tor brauchte Manchester City noch, um die Meister-Entscheidung in der Premier League zu vertagen. Die Nachspielzeit im winzig kleinen Vitality Stadium war gerade abgelaufen, da brach Savinho noch einmal über die linke Angriffsseite der Citizens durch.
Im gut 180 Kilometer entfernten Trainingszentrum des FC Arsenal hielt die gesamte Mannschaft der "Gunners" kurz den Atem an. Die Geschichte des ewigen Scheiterns drohte die Londoner plötzlich wieder einzuholen. Würde Savinho einen Mitspieler finden, würde Manchester treffen, käme es am 38. Spieltag zum großen Showdown. In der Geschichte der Londoner war das selten eine gute Idee. Arsenal ist ein Panikkandidat.
Doch Savinho fand niemanden mehr. Bournemouth drosch den Ball aus dem eigenen Strafraum. Abpfiff. Leere City-Blicke in Manchester, komplette Ekstase in London. Die Spieler des FC Arsenal fielen über sich her, sangen Champion-Lieder und hatten den Schmerz der vergangenen 22 Jahre hinter sich gelassen. So lange hatten sie auf den Meistertitel warten müssen. Tausende Fans feierten auf den Straßen, Spieler wie Mittelfeldstratege Declan Rice oder Stürmerstar Bukayo Saka mischten sich noch um fünf Uhr morgens unter die Party-Meute am Stadion.
Trainer Mikel Arteta trug sich in die Geschichtsbücher ein, Manchesters Legende Josep Guardiola tritt ohne weiteren Titel ab. Ohne es offiziell gemacht zu haben, ist sein Abgang besiegelt.
Arteta lässt Legenden hinter sich
Bauherr des Londoner Erfolgs ist Arteta, der es nicht immer einfach hatte. Der aber immer an seinen Weg und den der Mannschaft, die über Jahre durch kluge und teure Transfers gepimpt wurde, geglaubt hatte. "Trust the process" lautete sein Mantra, das er vor allem dann wiederholte, wenn es nicht so gut lief. Die Klubführung um Miteigentümer Josh Kroenke wurde für ihre Geduld belohnt.
Im Jahr 2019 übernahm er das Amt und leitete einen radikalen Umbruch ein. Er scheute sich nicht, formschwache oder egoistische Stars wie Mesut Özil und Pierre-Emerick Aubameyang auszusortieren. "Arteta hat ein toxisches Chaos übernommen", schrieb der "Telegraph". Ein Titelkandidat war Arsenal da nicht mehr. Sieben Jahre später nun das Happy End.
Und der ehemalige Kapitän des Teams, nie zuvor Coach bei einer anderen Mannschaft, tritt ein großes Erbe an. Der letzte Trainer, der in seinem ersten Job die englische Meisterschaft gewann, war Kenny Dalglish, der dies mit dem übermächtigen Liverpool der 1980er-Jahre schaffte. Arteta folgt damit auch anderen Arsenal-Trainern, denen dieses Kunststück bereits gelungen ist: Bertie Mee, Tom Whittaker, George Allison und Joe Shaw. Mit einer Siegquote von über 60 Prozent aus seinen 351 Spielen steht er an der Spitze der Liste, vor dem legendären Arsene Wenger, der 2004 für die ungeschlagenen "Invincibles" verantwortlich war.
"Das ist kein Fußball!"
Arsenal triumphiert. Für sich und über den Spott und all die Vorwürfe, die sie sich in dieser Saison anhören mussten. Arteta hatte trotz herausragender Fußballer um Declan Rice, Martin Ödegaard und Bukayo Saka keinen berauschenden Zauberfußball spielen lassen. Arteta hatte Arsenal auf gnadenlose Effizienz getrimmt. Vorsicht statt Fehler. Vor allem bei Standardsituationen veränderten sie den Fußball. Selbst der FC Bayern verzweifelte daran in der Vorrunde der Champions League. Die "Gunners" hatten wahnsinnig viele Varianten im Gepäck und eine robuste Spielweise sowie absurdes Zeitspiel zur Vorbereitung, das ihnen viel Wut einbrachte.
Als Arsenal im März 1:0 gegen Brighton Hove & Albion gewann, knallte es aus dem deutschen Trainer Fabian Hürzeler heraus: "Das ist kein Fußball!" Er würde "niemals" versuchen, auf diese Art Spiele zu gewinnen. Absurde 59 Mal verzögerten die Londoner damals das Spiel, im Durchschnitt um 31,4 Sekunden. Das war indes noch harmlos: Vor Ecken dauerte es laut den Daten-Experten von Opta 44,5 Sekunden, bis der Ball getreten wird - keine andere Mannschaft lässt sich so viel Zeit. Und keine andere Mannschaft schlug so viel Profit daraus.
Plötzlich "Mentality Monsters"
Die Gunners machten sich dabei eine seltsame Entwicklung im internationalen Fußball zunutze: Die Torhüter werden weniger geschützt. "Hier", befand Liverpool-Coach Arne Slot, "kannst du dem Torwart ja fast ins Gesicht schlagen", ohne dass es bestraft wird. Die meisten Spiele in England seien deshalb "kein Augenschmaus". Arteta wollte das nicht hören. "Schönere" Tore, ätzte er, würden auch nicht anders gefeiert, die seien höchstens was "für Youtube". Sein Stil sei "nicht hässlich", er müsse eben spielen lassen, wie es der Gegner anbiete.
Den Ruf des langweiligsten und hässlichsten Meisters der Premier-League-Geschichte wurden die Londoner aber nicht los. Und auch nicht den Ruf des Klubs, der das Scheitern in die eigene DNA geschrieben hatte. Nach einem schwachen April verspielte Arsenal viele Punkte, City war wieder dran. Nach der zweiten Niederlage (1:2) binnen weniger Tage - zuvor gewann Manchester auch das League-Cup-Finale - lagen die Londoner nur noch drei Punkte vorn, City hatte ein Spiel weniger bestritten.
Danach entdeckten die "Gunners" etwas, das ihnen so oft abgesprochen worden war. Arsenal entdeckte seine "Mentality Monsters" und gewann seither alle Ligaspiele. Um einen Sieg gab's gigantische Aufregung. Das 1:0 gegen Abstiegskandidat West Ham United wurde von wilden Erzählungen und der wohl "folgenreichsten Entscheidung in der Geschichte des VAR" (BBC) begleitet. In der fünften Minute der Nachspielzeit hatte Arsenal den Ausgleich kassiert, ehe sich Videoschiedsrichter Darren England meldete. Er hatte ein Foul von Pablo an Gunners-Torwart David Raya gesehen. Es folgten vier Minuten und elf Sekunden "nervenzerfetzendes Drama" (BBC), ehe Schiedsrichter Chris Kavanagh das Tor zurücknahm.
"Ringen, blockieren und festhalten"
Arsenal gewann und vergrößerte seinen Vorsprung auf Manchester City auf fünf Punkte. Denn die Mannschaft von Pep Guardiola hatte zuvor auf dramatische Weise gegen den FC Everton gepatzt (3:3). Hammers-Coach Nuno Espírito Santo kritisierte "die mangelnde Konsistenz" in der Beurteilung solcher Szenen. Tatsächlich hat es Arsenal in der Disziplin, den gegnerischen Torwart bei Standards zu bedrängen, zur Meisterschaft gebracht. "Durch die Zulassung von Ringen, Blockieren und Festhalten haben wir etwas von der Definition eines Fouls verloren", klagte Santo: "Früher wurde das anders geahndet - genau das ärgert mich." Arsenal pfiff drauf.
Und noch einmal hatten sie Glück. Im Spiel danach gegen Burnley. Torschütze Kai Havertz hatte nach 67 Minuten reichlich Glück, nicht mit Rot vom Platz gehen zu müssen - der 26-Jährige traf Gegenspieler Lesley Ugochukwu von hinten an der Wade, doch trotz VAR-Check blieb es bei Gelb.
Autor Nick Hornby hat es in seinem berühmten Fußball-Buch "Fever Pitch" Millionen von Lesern erklärt. "Wir", also sein FC Arsenal, "sind langweilig und haben Glück, wir sind dreckig und launisch, reich und gemein". Und das, schrieb er, "schon seit den 1930er-Jahren". Der Ruf der "langweiligsten Mannschaft in der Geschichte des Universums", schloss Hornby, sei vollauf gerechtfertigt. Nun sind sie Meister. Zum 14. Mal.
"Ich habe es euch ja gesagt", meinte Rice voller Genugtuung: "Es ist geschafft". Und Saka befand, dass Arsenals Kritiker jetzt "nicht mehr über uns lachen". In der Premier League steht nur noch das Schaulaufen bei Crystal Palace an, dann bekommen sie auch den echten Premier-League-Pokal überreicht. Danach gilt der Fokus der Champions League, erstmals seit 20 Jahren stehen die Gunners im Finale der Königsklasse. Gegner ist der formstarke Titelverteidiger Paris St. Germain. Noch nie konnten sie den Pokal in den Himmel halten. "Ich hoffe", sagte Saka zuletzt, dass "die Geschichte in Budapest ein gutes Ende nimmt".
