Fußball

WM-Countdown (43) Wer will schon zum russischen Pokalfinale?

imago33800245h.jpg

Sage und Schreibe 28 Stunden sind die Fans vom FC Tosno zum Pokalfinale in Wolgograd unterwegs.

imago/Russian Look

Kommenden Mittwoch ist Pokalfinale in Russland - aber wen interessiert´s? Die großen Klubs behandeln das Turnier wie ein ungeliebtes Stiefkind. Das Final-Stadion überhaupt voll zu bekommen, erfordert ungewöhnliche Schritte.

Stell dir vor, es ist Pokalfinale, und keiner geht hin. In Deutschland undenkbar - wenn am 19. Mai im Berliner Olympiastadion geklärt wird, ob Bayern München oder Eintracht Frankfurt den sechs Kilo schweren DFB-Pokal in die Luft stemmen darf, wird das Stadion natürlich ausverkauft sein. Zehn Tage vorher wird bereits der Sieger im Russischen Fußballpokal ausgespielt, hier ist die Trophäe so ein Bleikristall-Dings mit Silberverzierungen. Um das spielen in diesem Jahr nicht Zenit oder Spartak, weder Lokomotive noch ZSKA. Das Pokalfinale 2018 tragen der FK Tosno und Avangard Kursk untereinander aus. Nie gehört? Damit sind wir schon beim Kern des Problems.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Was bedeutet diese Pokalbesetzung? Zum einen, dass Russland mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit diesmal eine zweitklassige Mannschaft in die Europa League schickt. Kursk spielt aktuell bereits in der FNL, Tosno ist Tabellenvorletzter der Premjer-Liga und wird aller Wahrscheinlichkeit nach Ende der Saison absteigen. Zum anderen muss man sich große Sorgen machen, ob die Teams da im Finale nicht vor halbleeren Rängen spielen.

Wie das kommt? Nun ja, der Pokal hat seine eigenen Gesetze. In Russland gehört dazu, dass die Mannschaften der Premjer Liga später ins Turnier einsteigen. Erst mal machen die Krethi und Pleti der unteren Ligen die Sache unter sich aus, so müssen Zenit, Spartak, Lokomotive und Konsorten keine kostbare Energie verschwenden, um allerlei leichte Gegner auszuschalten. Ein zweites Gesetz, nicht festgeschrieben, aber etabliert: Die Premjer-Liga-Klubs sind dafür berüchtigt, den Pokal nicht ernst zu nehmen, dort mit B-Mannschaften anzutreten oder sich nicht richtig anzustrengen. Die langen, anstrengenden Anreisen, die zusätzlichen Spiele, wenn der Kalender ohnehin schon voll ist - schließlich dauert die Winterpause hier wegen des strengen Winters bis Anfang März. Das sparen sich einige Spitzenklubs lieber - und tragen so nicht gerade dazu bei, das Turnier bei den Fans beliebt zu machen und ihre Begeisterung für den Pokal zu wecken.

Anfahrt zum Stadion? 28 Stunden mit dem Zug

imago02362229h.jpg

Avangard Kursk

(Foto: imago sportfotodienst)

Zur Einordnung: Im vergangenen Jahr waren fast 75.000 Zuschauer beim DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion - zum russischen Pokalfinale kamen da knapp 25.000, obwohl in die Fischt-Arena in Sotschi durchaus um die 40.000 Leute reinpassen. Und das war, als mit Lokomotive Moskau zumindest ein prominenter Klub im Finale stand. In diesem Jahr nun also ein Pokalfinale zwischen zwei sehr mittelprächtigen Vereinen, das ist nicht gerade ein Publikumsmagnet - zumal Tosno erst vor fünf Jahren gegründet wurde, also nur wenig Zeit hatte, sich eine Fangemeinde aufzubauen.

Außerdem wird in Russland ganz wie in Deutschland das Pokalfinale nicht in einem der beiden Heimatstadien der qualifizierten Mannschaften ausgetragen. Ins "Trudowije Reserwi"-Stadion in Kursk passen etwa 11.000 Leute, die hätte man vielleicht noch irgendwie angelockt. Tosnos Petrowski-Stadion fasst um die 21.000 Zuschauer, selbst da hätte man mit großflächigem Schulfrei und ermäßigten Karten vielleicht noch halbwegs volle Tribünen hinbekommen. Aber die Arena in Wolgograd? Ein WM-Stadion mit über 45.000 Plätzen? Und dann noch in einer Stadt, die für Tosno-Fans 28 Stunden Zugfahrt entfernt liegt (immerhin, der Verein zahlt die Fahrkarten) und für die Kursker zwar näher, aber immer noch nicht nahe? Ein hoffnungsloses Unterfangen. Weshalb die russischen Sportobersten eine Entscheidung getroffen haben: Alle Karten fürs Pokalfinale werden kostenlos verteilt. Das muss man sich mal vorstellen. Und stellt sich dabei vielleicht die Frage, ob dieser Schritt nun dazu taugt, den Pokalwettbewerb bei russischen Fußballfans beliebter zu machen. Meine Reaktion als Fan wäre wahrscheinlich eher: Wie gut kann so ein Spiel sein, wenn sie die Karten dafür schon verschenken müssen, damit irgendjemand kommt?

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de