Fußball

Was hat Whatsapp damit zu tun? Wie Transfers und ihre Gerüchte entstehen

Von Kurznachrichten über Gerüchteküchen bis hin zu virtuellen Verhandlungsräumen - die Welt der Fußballtransfers ist absurd und faszinierend zugleich. Während Puristen die Nase rümpfen, versuchen findige Geschäftsleute ein Vermögen mit der "Ware" Fußballprofi zu verdienen.

Der Profifußball besteht heutzutage eigentlich aus zwei fast schon separaten Welten. Es gibt jene, in der sich alles um das Geschehen auf dem Rasen, um das Schicksal der Trainer und die Kultur der Fans dreht. Und dann gibt es jene Welt der Transfers, die eine Art Eigenleben in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt hat.

Transfers, also der Wechsel eines Spielers von Klub A zu Klub B, gibt es schon seit langer Zeit. Der erste Millionentransfer in der Bundesliga fand bereits 1976 statt, als der 1. FC Köln den belgischen Flügelspieler Roger Van Gool für eine Million D-Mark vom FC Brügge verpflichtete. Mittlerweile sind die Summen bekanntermaßen weit nach oben geschnellt. Für Weltklassefußballer werden gerne auch dreistellige Millionenbeträge gezahlt.

Was diese Welt jedoch wirklich besonders macht, sind nicht einmal die astronomischen Summen, die zuweilen gezahlt werden, sondern die Art und Weise, wie Transfers überhaupt zustande kommen und wie auch unzählige Gerüchte und Eilmeldungen in den Medien landen. Denn einerseits ist die Welt der Transfers verworren mit unzähligen Beteiligten und andererseits immer transparenter aufgrund moderner Kommunikation.

Frühzeitiges Abtasten via WhatsApp

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Die Verpflichtung von Roger Van Gool war einst eine Sensation.

(Foto: imago sportfotodienst)

Es gab eine Zeit, in der sich Klubs gegenseitig Angebote für Spieler zufaxten, um die Verhandlungen über Transfers zu eröffnen. Aber diese Zeit ist selbstverständlich lange vorbei. Heute treten die Vereine viel frühzeitiger in Kontakt und tun dies gerne auf den einfachsten Wegen. Sportdirektoren und Berater chatten etwa über WhatsApp und versuchen auszuloten, ob ein bestimmter Spieler eventuell den Klub wechseln möchte und könnte.

Zunächst versucht der interessierte Klub, die groben Konditionen eines künftigen Vertrags mit dem Berater zu verhandeln. Sollte der Berater signalisieren, dass ein Deal womöglich zustande kommen kann, wird die Unterhaltung auf den Klub, der sich noch im "Besitz" des Spielers befindet, ausgeweitet. Bis dahin ist aber noch lange kein offizielles Angebot eingegangen. Das erfolgt in aller Regel erst dann, wenn sich die Parteien weitestgehend einig sind. In den seltensten Fällen werden mehr als ein oder zwei unterschriftsreife Angebote verschickt.

Ausnahmen gibt es allenfalls, wenn ein interessierter Verein Druck auf einen anderen ausüben möchte und deshalb ein Transferangebot mit einer gewissen Öffentlichkeitswirksamkeit übermittelt. Viele Manager in der Bundesliga haben sich daran gewöhnt, dass WhatsApp oder auch Textnachrichten auf anderen Kanälen zum Alltag der Transferverhandlungen dazugehören. Der Austausch ist weniger offiziell und erleichtert in manchen Fällen auch das Gefeilsche. Die einzige Gefahr ist, dass aus Unmut, sollten Verhandlungen nicht zum Erfolg führen, Nachrichten an Journalisten weitergeleitet werden.

Kostenfaktor Berater

Eine wichtige Rolle in dieser modernen Art der Verhandlungen spielen die Berater, die im Fall von Mino Raiola (betreut u.a. Paul Pogba und Erling Haaland), Pinhas Zahavi (David Alaba und Robert Lewandowski) oder Jorge Mendes (Cristiano Ronaldo) selbst zu schillernden Figuren des Fußballgeschäfts werden. Sie tauchen in der Öffentlichkeit an der Seite ihrer Mandanten auf und bilden oftmals einen Schutzwall um sie. Wollen Vereine einen Spieler verpflichten, führt eigentlich kein Weg daran vorbei, als erstes den Berater zu kontaktieren.

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Raiola ist längst selbst ein Star.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass bestimmte Bundesligisten vermehrt Spieler von bestimmten Beratern unter Vertrag nehmen, denn wie auch sonst in der Geschäftswelt sind persönliche Beziehungen das A und O. Ein Extremfall ist etwa der englische Erstligist Wolverhampton Wanderers, bei dem sieben Klienten von Jorge Mendes und weitere Spieler mit engem Kontakt zum portugiesischen Strippenzieher unter Vertrag stehen.

Die Berater lassen sich ihre machtvolle Position gut bezahlen, da sie nicht selten darüber entscheiden, ob ein Klub am Ende ihren Mandanten unter Vertrag nehmen kann. Borussia Dortmund zahlte beispielsweise in 2018/19 allein 44,5 Millionen Euro an Beratergebühren. Raiola soll beim Wechsel von Pogba von Juventus zu Manchester United rund 45 Millionen Euro kassiert haben. Als kürzlich Timo Werner von RB Leipzig zu Chelsea transferiert wurde, bekam sein Berater Karlheinz Förster mehr als zehn Millionen Euro, also wohl mehr als der ehemalige Spieler des VfB Stuttgart in seiner gesamten aktiven Karriere einnahm.

Digitale Spielerbörsen für den globalen Handel

In den Medien hat sich mittlerweile eine eigene Sprache für Transfers entwickelt. Dort ist immer häufiger die Rede, dass Spieler A ins Schaufenster gestellt wird oder Spieler B bei Klubs auf der Liste steht. Bis vor Kurzem war das alles nur metaphorisch gemeint. Allerdings hat sich ein findiger Unternehmer vor wenigen Jahren dazu entschlossen, ein Schaufenster inklusive Verhandlungsraum zu konstruieren.

Die Rede ist von "TransferRoom", einer digitalen Spielerbörse. Dort können Klubs ihre Spieler zum Verkauf anbieten und zugleich den Markt nach möglichen Neuverpflichtungen sondieren. "Ich war verwundert darüber, dass so viele Fußballklubs Probleme hatten, trotz des vielen Geldes keinen Gewinn zu erzielen. In Gesprächen mit Verantwortlichen wurde mir klar, dass der Transfermarkt ineffizient und intransparent ist", erzählt Jonas Ankersen, der Chef von "TransferRoom", im Gespräch.

Ankersen fand Inspiration in Branchen wie dem Immobiliensektor, wo ebenfalls ständig Deals geschlossen werden, aber Technologie bereits eine größere Rolle spielt und Makler unwichtiger werden. Im Jahr 2017 startete er "TransferRoom", bei dem heute 550 Vereine aus 78 Ländern aktiv sind. Rund 400 Transfers wurden bereits darüber abgewickelt. In dieser Sommerperiode konnten beispielsweise Juventus und ZSKA Moskau Deals dort aushandeln.

Klubs sollen sich global vernetzen können - ohne Berater

Die Idee hinter "TransferRoom" besteht gerade darin, die Mittelmänner, also die Berater wieder stärker aus dem Verhandlungsgeschehen zu entfernen und zugleich Klubs global miteinander zu vernetzen. Ankersen erzählt beispielsweise davon, dass der Mittelstürmer Sam Johnson via "TransferRoom" vom norwegischen Erstligisten Vålerenga zu Real Salt Lake City transferiert wurde. Auf anderem Wege wären die beiden Vereine eventuell nie in Kontakt gekommen, um über einen wenig bekannten Spieler zu sprechen.

Auch deutsche Zweit- und Drittligisten, die sich nicht davor scheuen, Kicker aus dem Ausland unter Vertrag zu nehmen, aber nicht über das notwendige Scouting- und Beraternetzwerk verfügen, greifen auf diese Neuerung zurück. "Du musst nicht mehr zu drei, vier oder fünf Beratern gehen. Du kannst direkt den Klub ansprechen", erzählte kürzlich ein Verantwortlicher von Dynamo Dresden. "Wenn ich einen Spieler möchte und ich habe keinen Draht zum Verein, dann hat der Berater das Sagen."

"TransferRoom" und auch andere Innovationen, die in den nächsten Jahren auftauchen könnten, werden den Markt wahrscheinlich nicht gänzlich ändern. Berater und Vermittler werden weiterhin eine Rolle spielen, weil sie insbesondere bei den namhaftesten Spielern große Kontrolle ausüben. Deutlich wird allerdings, wie komplex das Geschehen mittlerweile ist - für die Vereine, die mit diversen Parteien sprechen und einen europäischen oder globalen Markt im Auge behalten müssen, und auch für die Medien, die immer mehr Informationen aus allen Richtungen erhalten und bei der Flut an Meldungen und Gerüchten nur noch schwerlich filtern können, was wahr oder falsch ist.

Quelle: ntv.de