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Fußball-Zeitreise, 13. 10. 1977 Wie groß kann Hass sein?

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Gibt es sie, die "ausgleichende Gerechtigkeit"? Und wenn ja: Kann sie so grausam sein wie in diesem Fall? Und was hat der liebe Herrgott damit zu tun? Die unglaubliche Geschichte zwischen Mogadischu und Bundesliga-Skandal des Horst-Gregorio Canellas.

Es sind seltsame Gedanken, die dem ehemaligen Kölner Torhüter Manfred Manglitz durch den Kopf gingen. Nachdem die "Tagesschau" am Abend des 13. Oktober 1977 von der Entführung einer Lufthansa-Maschine berichtet hatte, hält Deutschland über Tage den Atem an. Es sind keine schöne Zeiten. Erst wenige Wochen zuvor hatten die Terroristen der Roten Armee Fraktion Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt und bis zu dieser Stunde noch nicht wieder freigelassen. Das Kidnapping des Flugzeugs ist das nächste Drama in einem traurigen Herbst, den Deutschland nie vergessen wird.

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Die am 13. Oktober 1977 entführte "Landshut" nach der Landung in Mogadischu.

(Foto: picture alliance / dpa/dpa)

Der Name der entführten Maschine ist "Landshut". Es ist ein Name, der sich in die kollektive Hirnrinde der Geschichte unseres Landes einbrennt. An Bord des Flugzeugs, das planmäßig von Mallorca nach Frankfurt fliegen sollte, sitzt auch Horst-Gregorio Canellas zusammen mit seiner Tochter. Es ist das zweite Mal innerhalb von nur sechs Jahren, dass Canellas mitten im Fokus des Schlagzeilen-Brennglases auftaucht.

Ihm geht es zu diesem Zeitpunkt nicht gut. Überhaupt nicht gut. Spätestens nach einer schweren Tbc-Erkrankung, die er nur sehr mühsam überstanden hatte, ist er vom Leben gezeichnet. Sechs Jahre zuvor hatte er an seinem 50. Geburtstag auf einer Gartenparty etwas ins Rollen gebracht, dass die noch junge Bundesliga ganz knapp vor den Exodus führte. Der Bundesliga-Skandal stellte von einem Tag auf den nächsten eine Erfolgsgeschichte auf den Kopf. Über 800.000 Menschen kamen in der Saison nach dem Schock, dass der Fußball in Deutschland offensichtlich ein falsches Spiel mit sich und den Fans spielte, weniger in die Stadien. Mehrere Partien der Spielzeit 1970/1971 waren für üppige Geldbeträge verschoben worden. Mittendrin in diesem Sumpf voller Betrüger: Horst-Gregorio Canellas.

Canellas startet ein Tonband-Gerät

Der Präsident der Offenbacher Kickers versuchte mit allen Mitteln, seinen Klub in der ersten Liga zu halten. Als er kurz vor Schluss der Runde mitbekommt, dass dieses Unterfangen aussichtlos ist, weil auch andere Vereine dieses falsche Spiel mitspielen, zieht er die Reißleine. Als schlechter Verlierer, der bei seiner eigenen Niederlage möglichst viele Rivalen mit in den Abgrund reißen möchte, beginnt er Gespräche mit Protagonisten der Bundesliga zu führen - einzig und allein mit dem Ziel, diese Unterredungen später gegen die jeweiligen Personen zu verwenden. Zusammen mit einem Reporter der "Bild"-Zeitung nimmt er diese Gespräche auf.

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Nie mehr Bundesliga: Manfred Manglitz.

Der 6. Juni 1971 ist schließlich der Tag seiner persönlichen Abrechnung. Im Beisein von Journalisten, Fußballoffiziellen und Freunden startet Canellas ein Tonband-Gerät. Was die Gäste der Gartenparty - unter ihnen ist auch der Bundestrainer Helmut Schön - dann hören, schlägt ein wie eine Bombe. Das Fundament der Liga ist nur noch ein einziger Schutthaufen. Mühsam wird man in den Jahren danach parallel zum Prozess gegen die Angeklagten alle Kraft und Aufmerksamkeit darauf verwenden, die Grundfesten der Bundesliga wieder neu zu errichten. Der Torhüter des 1. FC Köln, Manglitz, ist zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr dabei. Der DFB hat ihn auf Lebzeiten gesperrt. Und auch nach seiner Begnadigung 1974 kehrt der Ex-Keeper des FC nicht mehr in die Bundesliga zurück. Canellas’ Gespräch mit Manglitz ist eines der schauerlichsten Stücke der heimlich aufgenommenen Tonbandpassagen und eines der beeindruckendsten Dokumente des Bundesliga-Skandals. Mit welch kühler wie kühner Professionalität über den Betrug gesprochen wird, ist auch nach fast fünf Jahrzehnten kaum zu fassen.

Nachdem alle Geiseln der entführten Maschine am 18. Oktober 1977 von der deutschen Spezialeinheit GSG9 in Mogadischu befreit wurden, ist der traurige deutsche Herbst noch nicht zu Ende. In der Folge sterben die inhaftierten RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen in der JVA Stuttgart in der sogenannten "Todesnacht von Stammheim" durch Suizid und Arbeitgeberpräsident Schleyer wird von seinen Entführern ermordet. Der blutige Herbst endet dramatisch wie tragisch. Im Rückblick auf diese Zeit sagte Canellas dennoch: "Der Skandal war schlimmer, viel schlimmer. Mogadischu hatte noch menschliche Züge."

Und Manglitz? Auch er betrachtete rückblickend diese Zeiten rein aus der persönlichen Sicht. Er kannte trotz der Geiselnahme kein Erbarmen mit Canellas - sondern sah nur sich, das arme Opfer. "Wissen Sie, als der Canellas aus Offenbach in der Maschine saß, die nach Mogadischu entführt wurde, da habe ich gedacht: Ich bin ja kein gläubiger Mensch, aber wenn es wirklich einen lieben Herrgott gibt, dann kennt der Gerechtigkeit. So, wie mich dieser Canellas damals hereingelegt hat!" Auf solche Gedanken muss man angesichts dieser tragischen Ereignisse erst einmal kommen. Hass kennt offenbar keine Grenzen.

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Quelle: n-tv.de

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