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Eigengewächse in der BundesligaWo sind all die Thomas Müllers hin?

09.01.2026, 08:41 Uhr
imageVon Jonas Gerdes
15-08-2008-Saisoneroeffnung-FCB-HSV-in-der-Allianz-Arena-FC-Bayern-Muenchen-Hamburger-SV-Thomas-Mueller-Bayern-Muenchen-bedankt-sich-bei-den-Fans-COPYRIGHTS-BY-S-P-O-R-T-P-R-E-S-S-E-F-O-T-O-M-i-S-I-N-N-S-B-R-U-C-K-E-R-S-T-R-12-87719-M-I-N-D-E-L-H-E-I-M-Tel-08261-20944-oder-01713812882-B-a-n-k-v-e-r-b-Spk-MN-Kto-Nr-810013276-BLZ-73150000-Steuer-Nr-140-216-40124-FA-MN-Honorar-Bitte-mit-7-MwSt-und-Belegexempl-A-l-l-e-B-i-l-d-e-r-n-u-r-f-ue-r-r-e-d-a-k-t-i-o-n-e-l-l-e-V-e-r-w-e-n-d-u-n-g-e-n-F-ue-r-N-i-c-h-t-r-e-d-a-k-t-i-o-n-e-l-l-e-Z-w-e-c-k-e-o-h-n-e-E-i-n-w-i-l-l-i-g-u-n-g-k-e-i-n-e-G-e-n-e-h-m-i-g-u-n-g-Es-gelten-uneingeschraenkt-unsere-AGBs-einzusehen-auf-www-mis-mn
Thomas Müller gab im August 2008 sein Bundesliga-Debüt. Er ist das perfekte Beispiel für einen "local player". (Foto: picture alliance / M.i.S.)

Wie ist es eigentlich um den Nachwuchs in der Fußball-Bundesliga bestellt? Welche Vereine setzen auf von ihnen ausgebildete Spieler, welche Vereine machen das nicht und was gibt der deutsche Fußball vor? Aus der Liga kommen Rufe nach einer Neuausrichtung.

Louis van Gaal sprach den Satz, der Thomas Müller über seine gesamte Karriere begleiten würde. "Thomas Müller spielt immer", sagte der damalige Trainer des FC Bayern München. Van Gaal ging, der Satz wanderte durch die Jahre. Müller spielte immer und wenn er nicht spielte, dann wurde es ungemütlich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Diese Wertschätzung für Müller ergab sich bei dem heutigen Spieler der Vancouver Whitecaps auch immer auch daraus, dass er beim FC Bayern von den D-Junioren bis zu den Amateuren alle Mannschaften durchlief, bevor er 2009 bei den Profis durchstartete: Ein "Ur-Bayer" und das wohl prägendste Beispiel für gute Nachwuchsförderung in Deutschland.

Die Generation Müller brachte Deutschland den WM-Titel 2014, den Bayern gleich zwei Titel in der Champions League und den Nachwuchsspielern neue Vorbilder. Die Blicke der anderen großen Nationen wanderten nach Deutschland. Diese Zeiten sind vorbei. Die Blicke wandern längst woanders hin. Einen Baustein, warum das so ist, findet man beim Blick in die Daten.

Die Sache mit den "local playern"

Wo also sind all die Thomas Müllers hin? Eine exklusive Datenanalyse von ntv.de und sport.de bis zur Winterpause zeigt jetzt, welche Eigengewächse wie einst Müller Spielminuten sammeln, welche Vereine konsequent auf den eigenen Nachwuchs setzen und welche nicht.

Dabei gilt als sogenannter "local player" in der Bundesliga nur ein Profi, der in drei Spielzeiten im Alter zwischen 15 und 21 Jahren für den Verein spielberechtigt gewesen ist. Jeder Klub muss mindestens vier dieser Spieler in seinen Reihen haben, um von der Deutschen Fußballliga (DFL) die Lizenz für die Bundesliga zu kriegen. Die Staatsangehörigkeit und vor allem das Alter spielen dabei keine Rolle.

"Spielern eine Chance geben"

Nach den ersten 15 Spieltagen thront Borussia Mönchengladbach mit 5055 Einsatzminuten ihrer eigens ausgebildeten Spieler in dieser Statistik an der Spitze der Bundesliga. Nico Elvedi, Rocco Reitz oder der US-Amerikaner Joe Scally tragen als Stammspieler dazu bei, dass die Fohlen-DNA auf dem Platz sichtbar ist. Der SC Freiburg mit 4366 Einsatzminuten von "local playern" und Mainz 05 mit insgesamt 3018 Einsatzminuten folgen.

"Es gehört seit Jahrzehnten zum Charakter von Borussia Mönchengladbach und ist mehr denn je ein wesentlicher Baustein unserer Philosophie, unsere Nachwuchsspieler bestmöglich zu fördern und ihnen, wenn sich die Möglichkeit ergibt, gerne auch die Chance zu geben, sich auf der ganz großen Bühne zu beweisen", sagt Rouven Schröder, der neue Sportchef von Borussia Mönchengladbach.

Drucksituation im Abstiegskampf problematisch

Am Ende der Tabelle finden sich mit St. Pauli, Leverkusen und Stuttgart drei Vereine, die bis zur Winterpause in der Bundesliga noch keinen einzigen Profi eingesetzt haben, den sie selbst über mehr als drei Jahre ausgebildet haben. Leverkusen äußert sich nicht zu der Nullnummer, vom FC St. Pauli heißt es: "Wir müssen auch der Situation Rechnung tragen, dass wir in der Bundesliga als vergleichsweise kleiner Verein ausschließlich um den Klassenerhalt spielen. Diese Drucksituation macht es für die Spieler schwerer, unbelastet Erfahrungen sammeln und Fehler machen zu können, als bei einem Klub, der regelmäßig Erfolgserlebnisse verzeichnen und sich des Klassenerhalts relativ sicher sein kann."

Sportvorstand Fabian Wohlgemuth vom VfB Stuttgart gesteht, dass die "Einsatzminuten niemanden zufriedenstellen" würden, aber die Profimannschaft hätte sich in den letzten drei Jahren "strukturell, personell und auch von der Art und Weise Fußball zu spielen" so verändert, das würde "den Einbau von Nachwuchsspielern nicht unbedingt erleichtern."

Die Schwaben sehen sich aber auf dem richtigen Weg: "Im kommenden Jahr wird beispielsweise Dennis Seimen zum VfB zurückkehren. Unter anderem ist er einer aus unserem Nachwuchs, der als sehr junger Spieler echte Ambitionen hat, bei uns Bundesliga-Minuten zu sammeln."

"Local player" nur auf dem Papier

Die Auswertung der Daten zeigt: Die Regel führt nicht bei allen Vereinen dazu, dass Talente mehr Spielzeit in Deutschlands höchster Spielklasse erhalten. Der Betrachtungszeitraum bis zur Winterpause ist recht kurz und meist werden im letzten Saisondrittel häufiger Talente eingesetzt, doch das ändert nichts an der grundsätzlichen Problematik der "Local-player-Regel".

Es ist für die Klubs zu leicht, Nachwuchsspieler aus den U-Mannschaften kurzerhand mit einem Lizenzspielervertrag (rund 4100 Euro Bruttomonatsgehalt) auszustatten, nur um die Regel zu erfüllen. Oft sind die Teenager dann zwar offiziell Profis, werden aber nie Teil des Spieltagskaders sein, manchmal trainieren sie nicht mal mit der ersten Mannschaft.

Die Zeiten, in denen früher noch Busfahrer oder Physiotherapeuten als "local player" hergehalten haben, sind zwar vorbei und trotzdem ist der Hintergedanke derselbe: Hauptsache, auf dem Papier stehen vier eigens ausgebildete Profis. Aus der langjährigen Erfahrung von Spielerberater Jörg Neblung geschieht das in der Bundesliga regelmäßig. "Wir können dann meistens schon ganz gut einschätzen, welcher Spieler eine echte Perspektive im Klub hat und wer nur für die Quote da ist", sagt Neblung. "Wir geben diese Einschätzung weiter, aber sehr oft ist die Verlockung, einen Vertrag zu unterschreiben und einen Profistatus anzunehmen, zu verlockend. Meistens verstehen Spieler und ihre Familien erst nach mehr als einem halben Jahr, was wir gemeint haben. Aber auch das ist ein Learning und dann geht es darum, die nächste Stufe erfolgreich zu bestimmen."

Es gibt keine Altersgrenze

Eine weitere Krux, die es einigen Vereinen ermöglicht, die Regel kreativ zu "umdribbeln", ist: Es gibt seitens der DFL keine Obergrenze für die sogenannte Spielberechtigungsliste. In dieser müssen die Bundesligaklubs zweimal im Jahr ihr gesamtes "Spielermaterial" an die DFL melden. Theoretisch können dort 50 Spieler draufstehen. Spieler, die zwar nie zum Einsatz kommen, im Zweifel jedoch glücklich sind. Sie erfüllen dann die "Local-player-Regel".

In der italienischen Serie A greift ein etwas anderer Mechanismus: Fehlen einem Klub die geforderten vier vereinsausgebildeten Spieler, reduziert sich die maximal mögliche Kadergröße (zum Beispiel von 25 auf 24 Profis), was zumindest etwas sportlichen Druck erzeugt, eigene Spieler zu entwickeln.

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Timothy Chandler ist inzwischen 35 Jahre alt. (Foto: Arne Dedert/dpa)

Auch die fehlende Altersgrenze in der "Local-player-Regelung" wird diskutiert, denn eigentlich wurde sie 2006 eingeführt, um mehr eigene Talente zu entwickeln. Der ehemalige US-Nationalspieler Timothy Chandler ist beispielsweise ein selbst ausgebildeter Spieler von Eintracht Frankfurt, aber mit 35 Jahren am anderen Ende der Karriere.

Nürnberg-Boss fordert Anpassung der Regel

Joti Chatzialexiou, Sportvorstand des 1. FC Nürnberg und langjähriger sportlicher Leiter der Nationalmannschaften des DFB, kennt sowohl die Belange der Vereine als auch die des Verbandes und sieht die Entwicklung kritisch: "In der 'Local-player-Regelung' gibt es keine Altersgrenze, so können auch 38-Jährige mit einem günstigen Vertrag registriert werden. Eine Anpassung auf mindestens zwei Spieler, die unter 23 sein müssen, würde dem deutschen Fußball mehr helfen als die aktuelle Regelung", so der 49-Jährige.

Die DFL wollte sich auf Anfrage nicht konkret zur Anpassung der Regel äußern. Hinter den Kulissen wird jedoch intensiv diskutiert, wie man in Deutschland mehr Talente in den Profifußball integriert.

Die "Local-player-Regelung" gilt als ein Baustein für die Nachwuchsförderung und führt, das zeigen die Daten von ntv.de und sport.de, nicht konsequent zum Ziel. Weitere Elemente wie Nachwuchsleistungszentren, Übergangstrainer zwischen Jugend- und Profibereich sowie die neu strukturierten Nachwuchsliga bilden andere wichtige Bausteine. Die Einsatzminuten der eigens ausgebildeten Talente im Spitzenbereich sind insgesamt zu gering, um mehr Spieler wie Thomas Müller - auch für die DFB-Mannschaft von Julian Nagelsmann - zu entwickeln. Denn einer wie Thomas Müller spielt immer.

Quelle: ntv.de

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