Bayer schiebt SaisonpanikZoffen und zaubern: FC Bayern hat diesen besonderen Moment so vermisst

Nach sechs Jahren sind sie zurück: Die Fußballer des FC Bayern kämpfen am 23. Mai in Berlin wieder um den DFB-Pokal. Die vorletzte Hürde zum Triumph, Bayer Leverkusen, war deutlich zu niedrig, um die Münchner ernsthaft zu fordern.
Als der Mannschaftsbus von Bayer Leverkusen um kurz nach 19 Uhr Richtung Stadion trottete, wurde es gleißend rot am Himmel. Es flogen reichlich Seenotrettungsfackeln in die Luft. Es knallte, es krachte im engen Fanspalier. Und doch war es weniger Heißmacher für die Werkself als ein präventiver Hilferuf für die Mannschaft, die wenig später im ersten Halbfinale des DFB-Pokals gegen den FC Bayern tüchtig Schiffbruch erlitt. Mit 0:2 schwamm Leverkusen aus dem Wettbewerb, einer ungewissen Zukunft entgegen.
Die ist für die Fußballer aus München derweil klar umrissen. Nach sechs Jahren geht es endlich zurück nach Berlin, zum Pokalfinale ins Olympiastadion. Na kiek ma an. All die Blamagen, Demütigungen und bitteren Niederlagen blieben an diesem Mittwochabend in Leverkusen zurück. Harry Kane hatte nach 22 Minuten alles auf Sieg gestellt, der unermüdliche Luis Diaz in der Schlussminute zum 2:0 erhöht. Den Treffer und das Weiterkommen durften die Bayern aber nur kleiner mit Verzögerung bejubeln. Der VAR wollte erst noch ganz sicher gehen, dass der Kolumbianer nicht im Abseits stand. Stand er nicht. Ekstatischer Jubel vor dem Fanblock. "Also ich hab' Berlin auf jeden Fall vermisst", sagte Kapitän Manuel Neuer. Jetzt darf er zurück. Ein letztes Mal vielleicht?
Haben die Münchner ein Loch im Bauch?
Die Münchner wollen immer alles. In den vergangenen Jahren hatten sie davon aber viel zu wenig bekommen. Den Mangel an erhaltender Silberware kompensieren sie in dieser Saison mit einem grenzenlosen Appetit. Als hätte das von Vincent Kompany erschaffene Fußball-Monster ein Loch im Magen, irgendwo. Denn auf dem Weg durch alle Wettbewerbe setzen die Bayern nicht auch nur ein Gramm Fett an, das sie lähmen könnte, das sie zufrieden und faul werden lässt. "Das war eine Top-Leistung vom Start bis zum Ende. Wir hätten mehr Tore erzielen können. Damit haben wir sie am Leben erhalten. Nach Berlin zu kommen, war vor der Saison ein großes Ziel. Wir haben noch einen Schritt zu gehen", sagte Kane.
Nach dem um wenige Minuten verspäteten Anpfiff, immer noch brannten in den Leverkusener Händen letzte Fackeln der Hoffnung, zog ein gewaltiger Harrykane (Hurrikan, kleiner Scherz) auf, der das Bayer-Schiff zu einem haltlos taumelnden Spielball der brutalen Pressingwellen machte. Eine nach der anderen türmte sich auf. Sie wurden größer und größer. Sie wuchsen zu solch monströsen Giganten wie vor Nazare. Und dann krachten sie auf die BayArena nieder. Torwart Mark Flekken hielt das Schiff bis Mitte der ersten Halbzeit halbwegs auf Kurs, dann traf Kane. Jamal Musiala, seit dieser Woche wieder Deutschlands Rampenlichtspieler, legte vor und der Superstürmer aus München setzte den Ball genau dorthin, wo ihn der herausragende Flekken gar nicht erreichen konnte.
Der FC Bayern sah das Brandenburger Tor, den Alexanderplatz, das Olympiastadion. Sie sahen sich erstmals seit 2020 wieder im Pokalfinale. Und Bayer? Die sahen in diesem Moment erneut nur Hoffnungslosigkeit, eine Saison, die "fatal" zu werden droht, wie Kapitän Robert Andrich befand. Eine Saison ohne Titel. Womöglich ohne gar Qualifikation für die Champions League. Womöglich mit dem nächsten großen Umbruch im Kader, unter anderem Alejando Grimaldo soll gehen wollen. Womöglich auch ohne Trainer Kasper Hjulmand. Um den Dänen wird es nicht ruhig. Immer wahrscheinlicher wird, dass der Rettungsmann, der den gigantischen Fehler Erik ten Hag korrigierte, keine Zukunft hat. Bayer entwickelt sich nicht, ist zu wankelmütig. Fabian Hürzeler, Deutschlands neue Trainersensation aus der Premier League, soll ein Kandidat sein. Auch Andoni Iraola wird genannt. Oder gar Oliver Glasner?
"Die ersten 45 Minuten war es ein Klassenunterschied"
Dass die Leverkusener kein ernstzunehmender Rivale für den FC Bayern waren, ist indes kein Alleinstellungsmerkmal. Da gab es in dieser Saison schon sehr viele. Aber manchmal ist es eben die Art und Weise, die über das Spiel richtet und nicht nur das Ergebnis. In den ersten 45 Minuten war Bayer gegen die nicht die spielfreudigen sondern auch rauflustigen Münchner gänzlich überfordert. Sie standen da fast schüchtern, wehrlos einem übergroßen Rivalen gegenüber. Als hätte man dem kleinen Homert (höchster Gipfel im Bergischen Land) die Boxhandschuhe angezwungen und ihn mit dem Mount Everest in den Ring gestellt.
Münchens österreichischer Gipfestürmer Konrad Laimer rumpelte alles weg, Bälle, Gegner, Hauche von Gefahr. Alle Bayern packten an und richteten rund um Schiedsrichter Felix Zwayer eine Beschwerdestelle ein. Die war indes auch für die Fußballer der Werkself geöffnet. War das noch ein Nachbeben des letzten Duells in der Bundesliga (1:1), als Wut-Patron Uli Hoeneß hernach bellte, dass der Schiedsrichter der Bundesliga-Partie der schlechteste jemals gewesen sei?
Die Münchner, das war auffällig, hatten so gar keine Lust, hier und heute eine Debatte um Benachteiligungen zu führen. Mussten sie auch nicht, weil sie sportlich dieses Mal viel zu stark waren. "Die ersten 45 Minuten war es ein Klassenunterschied, da haben wir das Glück, dass es nur 0:1 steht", gestand Andrich. Im zweiten Durchgang probierte Bayer mehr, probierte die Tiefe zu bespielen. Doch als sie damit anfingen, hatten die Münchner bereits Supersprinter Alphonso Davies auf dem Feld, der zweimal drohende Gefahr locker ablief. "Das sind halt die Unterschiede von diesen Topklubs. Da waren wir einfach nicht auf dem Level von Bayern."
Ein Hauch von Wiedergutmachung
Auf welchem Level sie sind, das wissen sie in Leverkusen selbst nicht so genauso. Sie haben in Manchester gewonnen und gegen den FC Arsenal, aber sie haben auch gegen den FC Augsburg verloren und sind lost. Raus aus der Champions League, raus aus dem DFB-Pokal und im Kampf um die Königsklasse im Nachteil. "Wir als Leverkusen wollen in die Champions League, Umbruch hin oder her. Wenn wir es nicht schaffen, war es eine fatale Saison für uns. Weil Europa League ist nicht unser Anspruch", bekannte Andrich.
Nach 45 Minuten war der Leverkusener Ruf als Widersacher zerstört. Die Bayern hatten zehn Mal aufs Tor geschossen, Bayer gar nicht. Immerhin hatten sie auf den letzten Metern vor dem Gang in die Kabine etwas Feuer gefangen, weil es rumpelte, weil es krachte und weil der beim Publikum völlig in Ungnade gefallene Michael Olise seinen Gegenspieler Exequiel Palacios tüchtig am Oberschenkel zog. Bayers einzige Chance war die Leidenschaft und ein Stadion, das die nummerische Überzahl der Münchner ausglich. Die waren zwar tatsächlich nur mit elf Mann auf dem Feld, wirkten aber mindestens zwei Mann mehr. "Die erste Halbzeit war sehr gut, wir haben nichts zugelassen und haben uns vorne Möglichkeiten erarbeitet. Dann ist Leverkusen besser ins Spiel gekommen. Aber trotzdem haben wir auch dann unter dem Strich fast nichts zugelassen", sagte Vincent Kompany.
Bayer meldete sich mit Nathan Tella in der 52. Minute an. Manuel Neuer hielt herausragend. Das 1:1 war so nah wie nie und kam auch nicht mehr näher. Neuer feierte seinen Titanen-Moment ausgiebig. "Das erinnert mich so ein bisschen an alte Zeiten, wo ich nur die eine oder andere Situation hatte im Spiel und da einfach da sein musste." Es wurde offener, Ibu Maza dribbelte für Bayer, Musiala für die Bayern. Beide Mannschaften vermissten mindestens einen Schlüsselspieler. Bei Leverkusen war es Stürmer Christian Kofane, der so schnell ist und die Tiefe bespielen kann. Bei Bayern war es Serge Gnabry, der am Abend noch sein WM-Aus bestätigte. Die Gäste fingen das besser auf, mit Musiala, der das 1:0 von Kane herrlich freispielte und danach immer wieder aufdrehte.
Bayern ließ die Gastgeber leben. In der 49. Minute klärte Andrich spektakulär einen Musiala-Schuss. In der 60. Minute war Flekken gegen Kane da und später noch zweimal gegen Diaz. Leverusens Stürmer Patrik Schick köpfte einmal aus guter Position drüber. Dann brach nochmal Diaz los, Leon Goretzka spielte im Fallen rüber, 0:2, VAR, Jubel. Finale. "Gefühlt seit dem ersten Tag im Verein geht es darum, dass wir wieder nach Berlin fahren. Es ist schön, dass wir das jetzt geschafft haben", gestand Coach Kompany.