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Heimliche Gewinner in Dortmund Zweite BVB-Garde wischt die Sorgen weg

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Mahmoud Dahoud überzeugte als einer von zwei Vertretern im Mittelfeld.

(Foto: imago images/Poolfoto)

Ohne vier Stammkräfte gelingt Borussia Dortmund der höchste Derbysieg seit mehr als einem halben Jahrhundert. Dabei überzeugen drei Profis, die davor im Kampf um Einsatzzeit fast chancenlos schienen. Dazu kommt ein 21-jähriger Argentinier, der eine Vorliebe von Trainer Lucien Favre erfüllt.

Dass die Offensive einen Ausfall von Kapitän Marco Reus kompensieren kann, musste Borussia Dortmund schon zur Genüge unter Beweis stellen. Dass der BVB im Revierderby gegen den FC Schalke 04 allerdings nicht nur ohne den seit Anfang Februar verletzten Reus auskommen musste, sondern dazu auch das Mittelfeld-Herzstück (Axel Witsel und Emre Can) und eine Stammkraft der Dreierkette (Dan-Axel Zagadou) fehlte, bereitete Sorgenfalten. Diese stellten sich zwar in den 90 Minuten als unbegründet heraus, denn das 4:0 der Schwarzgelben war der höchste Sieg gegen Königsblau seit 54 Jahren. Doch das erste Spiel nach der Corona-Zwangspause bot auch einen Blick auf die vermeintlichen Verlegenheitslösungen von Coach Lucien Favre, und somit die Chance, die Frage zu beantworten: Wie gut sitzt Dortmunds zweiter Anzug?

Mahmoud Dahoud: starke Pässe, schwache Duelle

Für Mahmoud Dahoud läuft die Spielzeit bisher bestenfalls suboptimal. Zum erst vierten Mal in dieser Bundesliga-Saison stand er in der Startelf, davor zuletzt Ende November beim 3:3 gegen den SC Paderborn. Der Deutsch-Syrer musste damals in der Halbzeit vom Platz, als es aus BVB-Sicht noch 0:3 stand. Seit seinem Wechsel zum BVB im Sommer 2017 konnte er zu selten die Erwartungen erfüllen, nun aber rückte für den von muskulären Problemen geplagten Axel Witsel in die Mannschaft, gab den offensiveren Part auf der Doppel-Sechs und erntete für seine Vorstellung reichlich Lob.

Immer wieder hallten überraschend klare Ansagen des eher zurückhaltenden 24-Jährigen an seine Nebenleute durch die gespenstische Stille des leeren Stadions. Zudem legte Dahoud mit 11,14 Kilometern die weiteste Strecke aller Dortmunder zurück und brachte 55 seiner 62 gespielten Pässe an den Mann (89 Prozent). So gut diese Werte sind, so gravierend schlecht ist ein anderer: Der ehemalige U21-Nationalspieler des DFB gewann gerade einmal magere 23 Prozent seiner Zweikämpfe. Ausreichend gegen einen phasenweise erschreckend schwachen FC Schalke, aber zu wenig im Titelkampf der Bundesliga.

Dahoud, der zu gemeinsamen Gladbacher Zeiten als Lieblingsschüler Favres galt, hat seine Aussichten auf weitere Einsätze mit seinem ersten Saisoneinsatz über mehr als 70 Minuten dennoch deutlich verbessert. Um aber dauerhaft mehr als eine B-Lösung zu sein, muss Dahoud seinen Auftritt allerdings bestätigen und körperlich präsenter werden.

Thomas Delaney: "Hervorragende" Rückkehr

Er kam, sah, siegte und war plötzlich weg vom Fenster - so lassen sich die knapp zwei Jahre von Thomas Delaney im BVB-Dress zusammenfassen. Als der Däne 2018 zur Borussia stieß, war er auf Anhieb Stammkraft im zentralen Mittelfeld, 2019/20 rückte der Nationalspieler dann zunehmend ins zweite Glied. Verletzungsprobleme und die Verpflichtung von Emre Can im Januar degradierten den Nationalspieler letztlich zur Nebenrolle.

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Delaney stand erstmals seit Oktober wieder für den BVB in einem Pflichtspiel auf dem Platz.

(Foto: imago images/Poolfoto)

Gegen Schalke gelang Delaney dann jedoch ein tadelloser Kaltstart. Beinahe sieben Monate nach seinem letzten Pflichtspiel für die Dortmunder spülten körperliche Probleme von Can den 28-Jährigen in die Startformation - und Delaney lieferte. Dem Nordeuropäer, dessen Luft für 68 Minuten ausreichte, unterliefen lediglich vier Fehlpässe (91 Prozent seiner Zuspiele fanden ihr Ziel), beinahe neun Kilometer Laufdistanz und solide 44 Prozent gewonnene direkte Duelle können sich ebenfalls sehen lassen. BVB-Lizenzbereichsleiter Sebastian Kehl bescheinigte Delaney zu Recht ein "hervorragendes Spiel".

Delaneys Problem dürfte allerdings sein, dass er sich an Can messen lassen muss. Nicht einfach, überzeugt der deutsche Nationalspieler im Borussen-Dress bislang auf ganzer Linie.

Manuel Akanji: Im Schatten der Anderen

Sport.de

Dieser Text ist zunächst bei den Kollegen von sport.de erschienen.

Obwohl nicht immer fehlerfrei, setzte Favre bis zum 21. Spieltag auf seinen Schweizer Landsmann. Nach der 3:4-Niederlage bei Bayer Leverkusen verlor der 24-Jährige seinen Stammplatz allerdings an Dan-Axel Zagadou. Nachdem die Spielzeit für den jungen Franzosen infolge eines Außenbandanrisses vorzeitig beendet ist, bietet sich für Akanji eine neue Chance.

Dennoch spricht wenig dafür, dass er beim BVB eine Ära prägen wird. Was Zweikampfwerte und Passquoten angeht, steht der Eidgenosse seinem ärgsten Konkurrenten Zagadou zwar kaum nach, in Sachen körperlicher Präsenz und Dynamik kann Akanji, seiner unbestrittenen Schnelligkeit zum Trotz, dem Youngster aber nicht das Wasser reichen. Ein Manko, das besonders schwer wiegt, da Abwehrchef Mats Hummels ebenfalls eher durch seine Abgeklärtheit und sein gutes Stellungsspiel glänzt.

Dazu kommen vermeintliche atmosphärische Störungen in der zwischenmenschlichen Beziehung Akanji/Hummels: Medienberichte legen immer wieder nah, dass der einflussreiche Routinier und der sieben Jahre jüngere Schweizer nicht das beste Verhältnis pflegen. Als Hummels im Sommer in den Mannschaftsrat berufen wurde, legte Akanji sein Amt nieder. Gegenüber der "Sport Bild" verneinte Akanji zwar "persönliche Probleme", verpasste es jedoch, die Gerüchte aus dem Weg zu räumen. Auch Coach Favre soll nicht mehr der größte Fan des Verteidigers sein, an dem er lange auch gegen den Widerstand der Fans festhielt.

Leonardo Balerdi: Der heimliche Gewinner

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Obwohl er gegen Schalke trotz der Ausfälle nicht in der Startformation auftauchte, könnte Leonardo Balerdi der Gewinner des Derbys werden. Der 21-jährige Argentinier, den sich der BVB im Januar 2019 immerhin satte 15,5 Millionen Euro kosten ließ, war gegen die Knappen Favres erste Wechseloption. Balerdi durfte 22 Minuten mitwirken. Es war sein erst zweiter Bundesliga-Einsatz in dieser Saison, am 14. Spieltag halt er zwölf Minuten lang mit, den 5:0-Vorsprung gegen Fortuna Düsseldorf zu verwalten.

Auch die Partie gegen den FC Schalke war zum Zeitpunkt seiner Einwechslung schon entschieden, Balerdi verlor allerdings keinen Zweikampf und brachte 86 Prozent seiner Zuspiele an den Mann. Nachdem der Nationalspieler anfangs große Probleme mit dem Tempo des europäischen Fußballs hatte, scheint er endlich angekommen zu sein. Balerdis großer Vorteil: Er fühlt sich sowohl links als auch zentral in der Dreierkette sowie im defensiven Mittelfeld wohl. Ein Argument für weitere (Kurz-)Einsätze, wenn man um Favres Faible für polyvalente, also vielseitige Spieler weiß.

Quelle: ntv.de